In Thüringens Solarwirtschaft gehen die Lichter aus

Der am Freitag beschlossene Ausstieg des Bosch-Konzerns aus dem Solargeschäft ist ein weiterer schwerer Schlag für die Branche in Thüringen. In Arnstadt seien die Mitarbeiter regelrecht geschockt, sagte Betriebsratschef Andy Poplawski unserer Zeitung. "Uns wurde auf einer Versammlung mitgeteilt, dass der Konzern aus dem Solargeschäft aussteigt, damit hat niemand gerechnet", versicherte Poplawski.

Steffi Schröder, Mitarbeiterin der Bosch Solar Energy AG, präsentierte am 20. August 2010 in Arnstadt eine Solarzelle. Foto: Martin Schutt

Foto: zgt

Natürlich habe man um die Verluste gewusst und mit einer Entscheidung und möglichen Einschnitten gerechnet, aber nicht mit dem kompletten Rückzug des Konzerns. Nach Aussagen von Aufsichtsratschef Stefan Hartung stünden für Arnstadts Werke alle Optionen offen, von einem Verkauf bis zur Schließung. "Wir werden alles tun, um den Standort zu sichern", kündigte der Betriebsratschef an.

Die noch vor drei Jahren als Zukunftstechnologie gefeierte Solarbranche mit bis zu 5000 Arbeitsplätzen hat in einem rasanten Tempo an Bedeutung verloren. "Wir haben dann hier nicht mehr viel", sagte der Chef des Branchenverbandes "Solarvalley Mitteldeutschland", Peter Frey, gestern gegenüber unserer Zeitung.

Mit Blick auf das Aus zum Jahresende bei Bosch Solar Energy in Arnstadt sieht Frey die Zahl der Arbeitsplätze in der Branche auf nur noch wenige hundert schrumpfen.

Bei Masdar und Sunways in Arnstadt seien zusammen mehr als 300 Mitarbeiter beschäftigt, bei asola in Erfurt werde es nach der Insolvenz und einem Neustart wohl mit etwa 50 Beschäftigten weitergehen.

Für besonders dramatisch hält Frey allerdings das Signal, das von dieser Bosch-Entscheidung ausgeht. Wenn selbst ein solcher Großkonzern sich aus der Solarbranche zurückziehe, deute das auf einen vollständigen Verlust der Technologie für den Standort Deutschland hin. "Der Rückzug von Bosch vcrmittelt ein sehr pessimistisches Bild", sagte Frey.

Wenn Bosch Solar die Fertigung in Arnstadt einstelle, habe das natürlich auch negative Auswirkungen auf Zulieferer und Dienstleister im Umfeld.

Neben den Beschäftigten in den Fabriken in Arnstadt sind in auch Beschäftigte der Verwaltung von Bosch Solar in Erfurt betroffen.

Die IG Metall sieht in der "unkoordinierten und inkompetenten Energiepolitik der Bundesregierung" den Hauptgrund für den Niedergang der deutschen Solarindustrie.

Angesichts der Entscheidung des Aufsichtsrats von Bosch erklärte IG-Metall-Bezirksleiter Armin Schild in Erfurt: "Bei den Herren Rössler und Altmeier geht alles schief, was schiefgehen kann. Sie tragen die Hauptverantwortung für ein Menetekel, das zigtausende Menschen und hunderte Unternehmen um ihre Zukunft bringt. Keine Netze, keine Speicher, keine Anbindung der Offshore Windkraft, steigende Energiepreise und Planungsunsicherheit für Industrieunternehmen - das ist eine Bilanz des Grauens."

Die IG Metall bedauere die Entscheidung des Bosch-Aufsichtsrates und werde alles tun, um die berufliche Zukunft ihrer Mitglieder bei Bosch in Arnstadt ein Stückchen sicherer zu machen. "Wir verlangen, dass Bosch zu seiner sozialen Verantwortung für die Beschäftigten steht. Das heißt, dass wir die Aufnahme von Gesprächen zur Verhinderung von betriebsbedingten Kündigungen erwarten. Wir sehen die Notwendigkeit zu einer alternativen Produktion aus anderen Segmenten des Konzerns," so Schild.

"Der Niedergang der deutschen Solarindustrie sei unnötig wie ein Kropf, er ist politisch gewollt und damit alles andere als alternativlos", so der Bezirksleiter der IG Metall.

Die Zukunftschancen der Solarhersteller lägen vor allem im Ausbau ihres technologischen Vorsprungs gegenüber billigeren Herstellern insbesondere aus Asien. Nachdem wegen des zunehmenden Kosten- und Wettbewerbsdrucks in Thüringen bereits mehrere Produzenten von Solartechnik ihre Kapazitäten stark zurückfahren mussten oder aufgegeben haben, steige nun mit Bosch einer der größten Technologieträger und auch Innovationstreiber aus. Das sei nicht wieder gutzumachen. "Was weg ist, ist weg", so Schild.

"Tief enttäuscht" haben sich der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Wolfgang Lemb, und die Arnstädter SPD-Abgeordnete Eleonore Mühlbauer von der Ankündigung der Firma Bosch gezeigt. Sie forderten von Bosch in Arnstadt, keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen.

Als "eine strukturelle Katastrophe für die Region Arnstadt und für ganz Thüringen" bezeichnete Linke-Fraktionschef Bodo Ramelow die Bosch-Entscheidung.

Die Zukunft von Bosch in Arnstadt beschäftigte am Freitag auch den Thüringer Landtag in seiner laufenden Sitzung.

Meinungen auf Facebook

Christian Poloczek aus Erfurt: "Und so lernt auch die Thüringer Landesregierung, wie man mit aller Macht Geld verbrennt... So viel zum Thema überlegte Förderstrategie..."

André Schwartz aus Oslo: "Hat sich das mit dem Fachkräftemangel in der Solarbranche auch geklärt. Die Abwärtsspirale geht weiter."

Andreas Ammerschuber: "...Bosch solar hatte immer schwarze Zahlen geschrieben, soviel ich weiß. Wieso wird dann diese Firma dichtgemacht und keinerlei Regierung schreitet ein. Immerhin geht‘s da ja auch um 1800 beschäftigte."

Benjamin Fritzsch aus Zittau: "Rot-Grün darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Deren Politik ist doch schuld daran, dass die Energiepreise so hoch sind und das die Produktion in Deutschland unrentabel ist."

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