Hoteliers und Gastronomen in Thüringen erwarten Klarheit

Jena/Gotha/Erfurt.  Der neuerliche Lockdown macht Hoteliers und Gastronomen in Thüringen schwer zu schaffen. Sie wünschen sich Klarheit, um für 2021 planen zu können.

Chefin Michaela Jahn hat das Jenaer Hotel und Restaurant „Zur Noll“ bis zum 4. Januar geschlossen.

Chefin Michaela Jahn hat das Jenaer Hotel und Restaurant „Zur Noll“ bis zum 4. Januar geschlossen.

Foto: Gerald Müller

Michaela Jahn hat diese Woche ihre Mitarbeiter versammelt. „Bis 4. Januar bleiben wir definitiv geschlossen“, teilte sie ihnen mit. Wir – das sind das Hotel und Restaurant „Zur Noll“ in Jena. Zwar hatten die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten den verlängerten Lockdown vorerst nur bis 20. Dezember verkündet, doch bei allen Träumen des Thüringer Gastgewerbes – es gibt sich keinen Illusionen hin. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Hotels und Restaurants können auch danach touristisch nicht öffnen, weder zu Weihnachten, noch zu Silvester. „Warum ist diesbezüglich die Kommunikation so mangelhaft?“, fragt Michaela Jahn, die kürzlich stellvertretend für das traditionsreiche Haus mit dem Tourismuspreis des Freistaates ausgezeichnet wurde.

Alle Buchungen werden abgesagt

Olaf Seibicke, der als Chef vom „Lindenhof“ in Gotha schon mal Hotelier des Jahres war, spricht von einer Salamitaktik, die sein Gewerbe aushalten muss. „Besser deutliche Worte sprechen als unklare Aussagen tätigen“, fordert er: „Denn zu unserem Geschäft gehört das Planen, beispielsweise Waren einkaufen, den Dienstplan festlegen.“

Michaela Jahn schaut in das Bestellbuch. Es ist voll mit Namen und Telefonnummern. „Wir haben für die nächsten Wochen, besonders für die Feiertage, massenweise Buchungen. Doch nun sagen wir ab.“ Bis zum Fest werden lediglich einige der 45 Zimmer belegt sein, mit Geschäftsleuten und Bundeswehrangehörigen, die im Gesundheitsamt helfen. Diese Gäste sorgen zumindest für etwas Umsatz, der gastronomische Abholservice mit einer speziellen Speisekarte für Mittag und Abend bringt weitere Einnahmen. Durchhalten sei die Devise, so Michaela Jahn, die für die Finanzen und das Personal zuständig ist.

Seit einigen Tagen telefoniert sie häufiger mit dem Steuerberater, denn nun ist endlich die Beantragung der Novemberhilfe möglich – 75 Prozent des Umsatzes von 2019. Für Dirk Ellinger, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Thüringen, ist die Ausweitung der Unterstützung auf den kommenden Monat logisch, „die Ausfälle sind ja uneinholbar weg.“ Er erwartet eine unbürokratische, schnelle Auszahlung seitens des Bundes, rechnet aber auch bei Einhaltung der politischen Versprechen damit, dass 20 Prozent der etwa 4900 Betriebe im Gastgewerbe des Freistaats pleitegehen könnten.

Große finanzielle Verluste

Herbe finanzielle Verluste muss auch Michaela Jahn konstatieren. Doch, obwohl in den vergangenen Monaten schon mal ab und zu Tränen geflossen sind, bezeichnet sie sich selbst als Optimistin. Wichtig sei, auch den Mitarbeitern eine Perspektive zu vermitteln. 28 Fest-Angestellte sind im „Noll“ beschäftigt, zudem acht Azubis. Die Pandemie konnte das Engagement für die Nachwuchsgewinnung nicht ausbremsen „wir müssen in unserer Branche schließlich alles tun, um junge Leute zu gewinnen.“

In Gotha, im Hotel „Zum Lindenhof“, bemerkt Olaf Seibicke, dass er in all den Diskussionen der letzten Wochen ein Wort selten gehört habe: Solidarität. Die könne man schwer verordnen, „man muss sie leben, Voraussetzung sind Respekt und Empathie“. Und er wiederholt seine Idee, den auslaufenden Solidaritätszuschlag für einen begrenzten Zeitraum fortlaufen zu lassen und ihn als Hilfsmittel in der Krise einzusetzen. Er ahnt die Ablehnung, desto heftiger fordert er eine Exit-Strategie. „Es muss doch klar sein, wie das Gastgewerbe im nächsten Jahr wieder auf die Beine kommt.“ Das könne man nicht wieder dem Zufall überlassen.

November und Dezember bringen 40 Prozent des Jahresumsatzes

Die fehlende Perspektive drückt aufs Gemüt, zumal die Hoteliers und Gastronomen oft viel investiert haben, um die Hygienevorschriften umzusetzen. Der Sommer brachte auch eine Erholung, doch die Zuversicht ist mit dem zweiten Lockdown erneut verschwunden.

„Wann können wir wieder richtig aufmachen? Im Januar? Im Februar? Oder zu Ostern?“, fragt Jens Hoffmann. Er leitet in der Landeshauptstadt das „Hofbräuhaus“ und in Jena das „Kartoffelhaus“ sowie die „Ratszeise“, der aktuelle Außer-Haus-Verkauf sei nur ein Notbehelf. Denn die Monate November und Dezember würden sonst 40 Prozent des Jahresumsatzes ausmachen. „Und ich habe Bange, dass es bei einer Wiedereröffnung an Mitarbeitern fehlt. Ich weiß, dass sich manche wegen der ungewissen Situation beruflich bereits anders orientieren.“

Michaela Jahn kann diese Worte nachvollziehen. Auch sie beschäftigt sich unentwegt damit, was da wohl möglicherweise an Neuem auf sie und das Team an Herausforderungen wartet. „Vielleicht entwöhnen sich die Gäste ja, kommen beispielsweise nicht mehr nach dem Kino oder Theater zum Essen.“ Die ehrgeizige Unternehmerin mit Herz führt den Gedanken nicht zu Ende.

Das Telefon klingelt, gleich drei Mal innerhalb weniger Minuten. Danach lobt sie das Miteinander -- „in der Noll“, aber auch unter den Dienstleistern in Jena. „Wir tauschen uns viel aus, das hilft über manches Tief hinweg.“ Aufgeben wäre nie ein Thema gewesen. Lieber neue Pläne machen. Denn sie sei mit Leib und Seele im Gastgewerbe tätig. „Ich brauche Gäste. Hoffentlich dürfen sie bald wiederkommen.“

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