Die Prunkhalle der Fürsten von Leubingen

Die erste Euphorie ist nüchterner wissenschaftlicher Betrachtung gewichen. "Für die Präparation und Auswertung der Funde bis hin zur Publikation brauchen wir drei, vermutlich vier Jahre", schätzt Mario Küßner, Archäologe im Thüringer Landesamt.

Mario Küßner vom Thüringischem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie zeigt ein frühbronzezeitliches Beil. Foto: Wolfgang Hirsch

Mario Küßner vom Thüringischem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie zeigt ein frühbronzezeitliches Beil. Foto: Wolfgang Hirsch

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Er steht im Labor des Weimarer Museums für Ur- und Frühgeschichte und deutet auf eine robuste Holzkiste zu seinen Füßen, worin, sorgfältig gebettet und mit Gipsbinden gesichert, ein zirka 40 Zentimeter hohes, durchaus Bronzezeit-übliches Keramikgefäß verstaut ist. Was jeder Laie prima vista vermutet, hat der tomographische Röntgenblick in der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung zu Berlin bereits bestätigt: Randvoll ist es gefüllt mit genau 93 Bronzebeilen.

Ein Hortfund der allerersten Güte. In ganz Thüringen samt angrenzenden Bundesländern wurden überhaupt erst drei Beilhorte geborgen, die größer waren als dieser aus Dermsdorf im Landkreis Sömmerda. Was aber seine Entdeckung so einzigartig macht, ist der Fundzusammenhang. Platziert war der Hort am Eingang und exakt auf der Mittelachse eines Langhauses, dessen Dimensionen alles bisher Entdeckte in den Schatten stellt: Mit 44 Metern Länge und zehn Metern 50 Breite war dieser dreischiffige Pfostenbau so etwas wie eine Kathedrale der frühen Bronzezeit. "Er ist", sagt Küßner leise, "einer der bedeutendsten Funde in Mitteldeutschland seit der Himmelsscheibe von Nebra."

Bloß dreieinhalb Kilometer Luftlinie vom Grabhügel des mysteriösen "Fürsten von Leubingen" liegt die Halle entfernt, ihre Datierung ins 19./18. Jahrhundert vor Christi Geburt fällt ungefähr in dieselbe Zeitspanne. Diente sie womöglich dem Regenten als Residenz? Versammelte er dort sein Gefolge zu rituellen Feiern? - "Vielleicht", antwortet Küßner und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. "Nur Belege haben wir keine dafür." Aber obwohl aus dem Fundhorizont chemische Analysen, die Hinweise auf tierischen Kot geben könnten, bislang fehlen, ist sich der Fachmann sicher: "Ich glaube nicht, dass Vieh darin untergestellt war."

Konstruktion nötigt hohen Respekt ab

Ihre Wohnhäuser errichteten die sesshaften Menschen der Bronzezeit, die überwiegend von der Landwirtschaft lebten, in weitaus pragmatischeren, bescheideneren Größenordnungen. Typischerweise bildeten eng nebeneinander eingegrabene Holzpfosten die Seitenwände; die Zwischenräume wurden teilweise mit Flechtwerk ausgefüllt und mit Lehm wärmedämmend verschmiert. Alles, was nach 4000 Jahren davon bei archäologischen Grabungen noch auffindbar ist, sind Strukturveränderungen im Sediment - eben die einstigen Pfostenlöcher.

Wenn man davon ausgeht, dass das Dach einen Neigungswinkel von 45 bis 50 Grad gehabt haben muss, damit darauf keine Schneemassen liegen blieben und die Traglast überansprucht hätten, muss das Dermsdorfer Langhaus etwa acht bis neun Meter hoch gewesen sein. Die konstruktive Leistung der Altvorderen nötigt selbst heute noch Zimmerleuten Respekt ab. Zumal man damals ja nicht mit Nägeln arbeitete, sondern die Verbindungen zwischen den massigen Bauelementen allein mit Holzdübeln und Seilen stabilisierte. Und soviel ist klar: Diesen Aufwand einer dreischiffigen Monumentalhalle betrieb man gewiss nicht für einen Normalsterblichen.

Die nach dem böhmischen Fundort Únetice sogenannte Aunjetitzer Kultur - zwischen Sachsen-Anhalt, Schlesien und Niederösterreich lokalisiert - reichte von 2200 bis 1600 vor Christus. "Hier haben wir zum ersten Mal Fürsten", erklärt Mario Küßner. Denn einige Gräberfunde deuten anhand ihrer Ausstattung auf eine herausgehobene Elite hin.

Zu den bedeutendesten Relikten aus dieser Zeit zählt der Grabhügel des Fürsten von Leubingen, den der Jenaer Archäologe und Kunsthistoriker Friedrich Klopfleisch bereits anno 1877 entdeckte: Die Erdaufschüttung mit 34 Metern Durchmesser am Fuß und acht Metern Höhe repräsentierte für damalige Verhältnisse ein einzigartiges, weithin sichtbares Mahnmal. Darin eine gezimmerte Kammer für den ausgestreckt auf dem Rücken bestatteten Toten und eine Fülle an kostbaren Beigaben für seine letzte Reise, darunter Stabdolche und Goldschmuck.

Der Idee, dass es sich bei diesen Fürsten um gewählte Anführer gehandelt hätte, widersprechen reich ausgestattete Kindergräber - so etwa ein Fund nahe Apoldas. Indessen wurden gewöhnliche Bronzezeit-Leute während der Aunjetitzer Kultur in hockender Stellung beigesetzt - mit dem Kopf im Süden und der Blickrichtung nach Osten, gen Morgenröte. Man darf also annehmen, dass unsere Vorväter Transzendenz-Vorstellungen hegten. Denkbar ist, dass sie einen Sonnenkult pflegten.

Damit scheint die Deutung, dass das nun entdeckte, damals größte Haus Mitteldeutschlands tatsächlich als Sakralraum diente, durchaus plausibel. Der weltliche Regent hätte zugleich das Amt eines Oberpriesters inne, und der Beilhort am Eingang wäre einem Sonnengott geweiht? - "Mag sein", sagt Mario Küßner, dem derlei Spekulationen ja nicht unsympathisch sind. "Aber die Belege fehlen."

Handelswege bis ans Mittelmeer

Neben der insinuierten kultischen Bedeutung repräsentiert der Beilhort jedenfalls auch immensen Reichtum und Macht. Woher die Metallerze stammten, lässt sich in solchen Fällen manchmal durch die Analyse enthaltener Spurenelemente feststellen. Ob die Einflusszone des Leubingers bis ins Mansfeldische Revier reichte, wo man seinerzeit Kupferschiefer abbaute? Oder wurde der Rohstoff aus dem Alpenraum, gar aus Südosteuropa erhandelt? "Thüringen war damals schon ein Transitland", bemerkt Küßner. Die Routen reichten von der Ostsee bis in den Mittelmeerraum, und nicht zuletzt dank des Salzes aus der Region verfügte man über adäquate Tauschgüter.

Für den erfahrenen Archäologen entsteht zumindest ein wahrscheinliches Szenario vom Herrschaftsgebiet des Fürsten. Die bronzezeitliche Siedlung bei Schloßvippach, seit 2000 von Teams des Landesamtes und des Jenaer Professors Peter Ettel ausgegraben, liegt nur zwölf Kilometer weit weg. Vielleicht ergeben die jetzigen Grabungen bei Dermsdorf noch weitere Befunde. "Klar ist im Moment nur, dass wir bis Jahresende vor Ort fertig sein müssen", sagt Mario Küßner. Denn wie fast immer, wenn die Spezialisten vom Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie graben, steht ein Versorgungstrassen- oder Straßenbau an - diesmal ein Zubringer von der B 85 zur Autobahn.

Erst danach beginnt die langwierige Auswertung der Funde. Ob der Leubinger Fürst und seine Dynastie vor 4000 Jahren in Dermsdorf Hof hielten? Eindeutige Beweise dafür wird es vielleicht niemals geben. Nur soviel ist sicher: Mario Küßner & Co. steht eine ebenso aufwendige wie spannende Detektivarbeit bevor.

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