Die perversen Feste der Wikinger: „Midsommar“, ab Donnerstag im Kino

Weimar  Mit „Midsommar“ entführt der Autorenfilmer Ari Aster in okkulte Gegenwelten. Ein Horrortrip. Am Donnerstag, 26. September, startet der Film in unseren Kinos.

So harmlos wie sie hier wirkt, ist die Mittsommernacht im schwedischen Harga nicht.

So harmlos wie sie hier wirkt, ist die Mittsommernacht im schwedischen Harga nicht.

Foto: Csaba Aknay

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Langsam, quälend langsam erzählt US-Regisseur Ari Aster die Geschichte von „Midsommar“. Sie handelt von einem vermeintlich harmlosen Ausflug, den vier amerikanische Studenten nach Schweden unternehmen, um in Hälsingland, der Heimat ihres Kommilitonen Pelle, ein Mittsommernachtsfest mitzuerleben. Wenig deutet darauf hin, dass es sich um einen Horrortrip handeln könnte. Dann, nach einer Stunde, bricht das finsterste Grauen sich Bahn am helllichten Tag. Zwei Greise stürzen sich von der Klippe; neugierig fährt die Kamera in Großaufnahme auf das zerschmetterte Antlitz der Frau; der Mann, da er noch lebt, wird mit einem Holzhammer erschlagen. Ättestupa heißt dieses okkulte Wikinger-Ritual. Nichts für schwache Nerven. Diesen Donnerstag startet der Film in unseren Kinos.

Anderntags geht das Fest weiter, als wäre gar nichts passiert. In ihren folkloristisch bestickten, weißen Gewändern wirkt die Dorfgemeinschaft so lieblich und harmlos wie aus den Tourismusprospekten. Christian, Mark, Josh und Pelle studieren in den USA Anthropologie, und zwei von ihnen wollen über altes schwedisches Brauchtum promovieren; Dani, Christians Freundin, hat sich für Psychologie immatrikuliert. Ein bisschen sorgt sie sich um die Beziehung, deshalb hat sie die vier ins abgelegene Harga, vier Autostunden nördlich von Stockholm, begleitet. Dass sich Pelle für sie interessiert, nimmt sie wertfrei zur Kenntnis. Dieses Beziehungsdrama indes gibt nur die Nebenhandlung ab für das brutale okkulte Treiben der Sekte im Dorf – und endet in menschlichen Abgründen.

Grundsätzlich versteht sich Aster auf die krude Kunst, entzückende Harmlosigkeiten mit plötzlichen Schockmomenten zu kontrastieren. Bei ihrer Ankunft im Dorf sind die Vier freudig und freundlich aufgenommen worden. Sogleich schenkt Ingmar, Pelles Bruder, Pilztee aus; man döst oder tanzt auf der grünen Wiese. „Spürt ihr das, wie die Energie aus der Erde aufsteigt?“, fragt Ingmar. Über dem possierlichen Völkchen wölbt sich ein hölzerner Strahlenkranz. Alles ist festlich geschmückt, und das gemeinsame Schlafhaus ist mit alten Bildergeschichten verziert, die wie Prophezeiungen den unerbittlichen Horror vorausahnen.

Das Ekelhafte an diesem Film ist, dass er verflucht gut fotografiert und erzählt ist. Zeitweilig entfaltet er psychedelische Wirkungen. Lange schöpft der Zuschauer gar keinen Argwohn, dass grausamste Verbrechen verübt werden. Nur mitunter folgt die Kamera den Figuren aus Vogelperspektive, auf der Autofahrt nach Norden steht sie sogar Kopf. Der Soundtrack hat einige verstörend schräge Glissandi parat. Sonst – bis zur Szene auf der Klippe – genießt man die Landschaftspanoramen in einer scheinbar sehr ursprünglich, heilen Welt. Fast mag man sich mit den fremden Gästen identifizieren, die mit neugieriger Empathie – wie Ethnologen – sich ins Geschehen hineinziehen lassen.

Ymir zu Ehren begeht man in Harga alle 90 Jahre das neuntägige Fest. „Geister! Zurück zu den Toten!“, ruft Inga. Jedermann hier fühlt sich mit den Ahnen verbunden. Christian wird sogar Rubi Radr, die heilige Schrift in Runen, gezeigt; nur fotografieren darf er sie nicht. Alles geschieht in unausweichlicher Selbstverständlichkeit. Christian erklärt, einigermaßen hilflos, den Freunden die verstörend brutalen Rituale: „Das ist was Kulturelles.“

In gleichförmigem Tempo eskaliert das Mittsommernachtsfest, mit dem nach altem Brauch die Dorfgemeinschaft ein planvolles Werden und Vergehen zelebriert. Dem Suizid der Alten steht die Zeugung von Jungen gegenüber, um eine Seelenwanderung zu provozieren. So geht Mark mit einem Mädchen – sie wolle „es“ ihm zeigen – und kehrt nicht zurück. Josh wird von Mark, der zum Zombie entstellt ist, ertappt, wie er die Runen der heiligen Schrift fotografiert und mit dem Hammer erschlagen. Christian erhält die Erlaubnis, sich mit Maja zu paaren; wie unter einem geheimnisvollen Zwang tut er das auch.

Unterdessen tanzt Dani – gespielt von der vorzüglichen Florence Pugh – mit den anderen um den Maibaum und kann plötzlich Schwedisch sprechen. Sie wird zur Maikönigin erkoren; am Ende wird sie über Menschenopfer zu entscheiden haben. All das, so will Ari Aster uns wohl suggerieren, sei schlicht altes Brauchtum. Mag sein; doch gehört diese Wikinger-Gegenwelt nicht in unsere Zeit. Was diesen Film von gewöhnlichen Streifen des Horror- und Mystery-Genres unterscheidet, ist, dass das Grauenvolle so fest ins Schöne implantiert wurde. Empfindsame Seelen seien davor gewarnt.

„Midsommar“ startet am Donnerstag, 26. September, unter anderem in folgenden Thüringer Kinos: Cinestar Erfurt, Cinestar Weimar und Cineplex Gotha.

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