Jeder holt sich seinen Flüchtling ab: Integrationssatire von Wolfgang Andrä im Kino

Weimar  Integrationssatire im Kriechgang: Der Weimarer Regisseur und Drehbuchautor Wolfgang Andrä bringt den Film „Heimsuchung“ ins Kino.

Amina Merai als Samira Alsahamien aus Eritrea und Markus Fennert als Bauingenieur Herr Richter begegnen sich im Waschraum des Flüchtlingsheimes.

Amina Merai als Samira Alsahamien aus Eritrea und Markus Fennert als Bauingenieur Herr Richter begegnen sich im Waschraum des Flüchtlingsheimes.

Foto: 1Meter60-Film Weimar

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„Och komm, du hast das doch prima gemacht“, sagt Frau Rau und beugt sich zu Samira herab, die in Tränen ausbricht. „Ich glaube nicht, dass es hier ums Primamachen geht“, fährt Betti dazwischen, „sondern dass es eine sehr belastende Situation ist.“ Das wisse sie, wehrt Frau Rau ab. „Und deswegen möchte ich sie trotzdem einmal streicheln.“

Diese Szene kennen wir im Grunde. Sie ereignete sich, als Angela Merkel beim Bürgerdialog im Juli 2015 in Rostock das palästinensische Flüchtlingsmädchen Reem aus dem Libanon traf, das die Abschiebung fürchtete. Zu dieser Zeit stand die große Flüchtlingswelle des selben Jahres noch bevor. Und zu dieser Zeit arbeitete der Weimarer Regisseur und Drehbuchautor Wolfgang Andrä längst an einem Film, der alles und jeden infrage stellt: ausgelöst durch ein deutsches Aufnahmeprogramm für 5000 syrische Flüchtlinge 2013.

Film spielt in einem Flüchtlingsheim

Zwei Jahre nach jener Merkel-Szene konnte er seinen ersten Langspielfilm, eine Satire, endlich drehen, binnen zwölf Tagen. Arbeitstitel damals: „Wir schaffen das“. Unterm vieldeutigen und vielsagenden Titel „Heimsuchung“ kommt das jetzt ins Kino.

Der Film spielt in einem Flüchtlingsheim, in dem Menschen dauerhafte Bleibe andernorts suchen, wovon sich der gemeine Bürger heimgesucht fühlt. Eine Heimsuchung bedeutet aber vor allem dieser Film selbst, für seine Zuschauer nämlich, die unterschwellig involviert sind.

Andräs Szenario: Es gibt ein neues Integrationsgesetz, das jedem Deutschen mit einigermaßen Raum in der Hütte einen Flüchtling zuweist. Drei Bewohner einer Reihenhaussiedlung kommen der schriftlichen Aufforderung nach, sich ihren Gast abzuholen. Einer besticht den Heimleiter, weshalb sie aussuchen können, welcher ihrer Flüchtlinge zu wem am besten passt. Sie veranstalten eine Art Bewerbungsgespräch, das zum Verhör mutiert. Dann dreht sich der Spieß um: Die Gasteltern wider Willen buhlen um die Gunst der Gäste.

Ein politischer, keineswegs aber politisch korrekter Film

Das ist schon abenteuerlich genug, aber das ist noch nicht alles. Andrä steckt seine sechs Protagonisten in einen Kriechgang und zwingt sie damit gleichsam zu einem solchen. Im engen und niedrigen Kellerraum des Heimes ereignet sich ein gedrungenes Kammerspiel, das auch bedrückend wirken kann, aber zugleich absurd komisch ist. Drehort war 2017 tatsächlich ein Flüchtlingsheim in Weimar, das in Nachbarschaft zu den Filmemachern Wolfgang und Yvonne Andrä liegt. Sie wohnen dort: in einer Reihenhaussiedlung

Ihr Film ist mit Satire im Grunde unzureichend beschrieben und entzieht sich sonst elegant jeder Genrebezeichnung. Er ist so wendig und wechselhaft wie das Leben, in dem man oft nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll und dann beides tut.

„Heimsuchung“ ist eindeutig filmisch. Einerseits. Andererseits finden hier Einstellungen und Szenen statt, die so lang und eindringlich sind wie auf dem Theater. Gedreht im Cinemascope-Format, wechselt der Film immer wieder die Perspektive. Er arbeitet auch mit Überwachungs- und mit Handykameras. Und er arbeitet mit Blicken der Figuren in die Kamera. Er spricht den Zuschauer direkt an und verlangt von ihm schließlich: Entscheidungen.

Low-Budget-Produktion

Dahinter steckt der unbedingte Wille zur Filmkunst ebenso wie der, einen künstlichen Film unbedingt zu vermeiden. Beides löst Andrä ein.

Und damit hat er ein bestechend eindringlich und ganz natürlich spielendes Ensemble vor die Kamera gelockt, für eine Low-Budget-Produktion, die 26.000 Euro kosten durfte.

„1meter60-Film“, die Firma der Andräs sowie von Stefan Petermann, musste an vielen Ecken sparen, nicht aber an Ideen und Konzept. Sie haben, da sie ihre eigenen Produzenten sind und nun ihre Verleiher, viel auf sich genommen, sozusagen vom Casting bis zum Catering. Sie haben sich aber auch einiges erspart: faule Kompromisse etwa. „Heimsuchung“ ist ein kompromisslos stringenter Film geworden, der seinen tragikomischen Figuren ein doppelbödiges Spiel erlaubt, sie niemals ins Klischee abgleiten lässt, der ihnen ihre Masken zugesteht und sie ihnen, einem nach der anderen, vom Gesicht reißt. Durchaus möglich, dass darunter nur die nächste Maske lauert.

Das ist ein durchaus politischer, keineswegs aber politisch korrekter Film. Er ist korrekt nur insofern, dass darin niemand korrekt handelt.

Zwischen Betrug und Selbstbetrug, Lüge und Wahrheit

Flüchtlinge werden nicht in die Opferrolle abgeschoben, sie sind so wenig die ewig netten und höflichen und pflegeleichten Menschen wie es die drei deutschen Bürger sind. Alle bewegen sich zwischen Betrug und Selbstbetrug, Lüge und Wahrheit.

Herr Richter (Markus Fennert), Bauingenieur, der die Siedlung mit Kameras überwacht, mimt den Blockwart und Wortführer. Betti (Elisabeth Heckel), lesbische Lehrerin, gibt sich weltoffen und selbstbewusst, neigt aber nicht ganz grundlos zu Eifersucht. Frau Rau (Ulrike Schuster) ist eine angstbesetzte Rechtsradikale mit Mutterinstinkt. Sie treffen auf den Kosovo-Albaner Djadi (Walid Al-Atiyat), einen strenggläubigen Muslim, der nicht zum ersten Mal in Deutschland ist, Bekanntschaft mit dem IS machte und nun den Dolmetscher geben muss. Er übersetzt für die voll verschleierte Samira (Amina Merai), eine Rashaida aus Eritrea, die dort Spitzeldienste leistete und soeben zum Christentum überlief. Und für den syrischen Kinderarzt Abbas (Husam Chadat), der seinen Sohn bei einem Raketenangriff verlor und auf jede falsche Freundlichkeit pfeift.

Das Kammerspiel unter ihnen heißt: Wer mit wem, wer gegen wen? Konflikte treten nicht allein zwischen Deutschen und Flüchtlingen zutage, sondern auch untereinander. Niemand traut dem anderen über den Weg, jeder hat hier eine Leiche im Keller. Mehrfach eskaliert die Situation auf das Schärfste – und auf das Schönste. Pfefferspray und Elektroschocker kommen zum Einsatz.

In „Heimsuchung“ ist kaum etwas so, wie es scheinen will. Und alles ist ständig in Bewegung, während wir die Unzulänglichkeit menschlichen Strebens betrachten und dabei, sehr heiter bis stark bewölkt, auf uns selbst zurückgeworfen werden.

Siebzehn Jahre braucht es, bis „1meter60-Film“ den ersten Langspielfilm herausbrachte. Das lange Warten hat sich mehr als gelohnt.

Lichthaus Kino Weimar: heute um 21.15 Uhr, am 27.10. & 3.11., 15.20 Uhr, am 30.10. & 6.11., 17 Uhr sowie 31.10., 17 Uhr. Sondervorstellungen: 29.11., 20 Uhr, Saalgärten Rudolstadt. November-Termin im Metropol Gera in Vorbereitung.

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