Den Sturz hat sie ihm ersparen wollen

Andreas und Petra Schmidt-Schaller als zeitloses Liebespaar Goethe und Ulrike von Levetzow

Leidenschaft kennt kein Alter: Andreas Schmidt-Schaller und Tochter Petra lasen auf Schloss Ettersburg.
Foto: Maik Schuck

Leidenschaft kennt kein Alter: Andreas Schmidt-Schaller und Tochter Petra lasen auf Schloss Ettersburg. Foto: Maik Schuck

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Ettersburg. Oh! sagt er. Ach! sagt sie. Ach, Exzellenz. Die Szene ist zu Marienbad, anno 1823. Goethe und Ulrike sind in Liebe entflammt. Doch wie weiter? "Wenn er, 74, sie, 19, heiraten würde, wäre sie, 19, die Stiefmutter seines Sohns August, 34, und seiner Schwiegertochter Ottilie, 27." Die verzweifelten Rechenkünste des alten Goethe, der die blutjunge von Levetzow begehrt wie weiland Werher seine Lotte, gehören zu den literarischen Bonmots, mit denen Martin Walsers Roman "Ein liebender Mann" gesegnet ist. Und der am Donnerstag beim Pfingstfestival auf Schloss Ettersburg bei Weimar in einer szenischen Lesung dargeboten wurde.

Auf äußerst vergnügliche Weise, was wiederum an der Besetzung liegt: Andreas Schmidt-Schaller und Tochter Petra - beide aus Film und Fernsehen bekannt - werfen sich spielerisch die Bälle zu. Er schmunzelt über Goethes Eitelkeit, sie schaut verwundert an sich herab: "Da kam sie. Ein fast farblos grünes Kleid, das ihre Figur mit vielen kleinen Knöpfen genau nachzeichnet. Den runden Ausschnitt mit Spitzen besetzt. Ihre Haare immer ein bisschen loser als alle anderen Frauen"..."

Heiterkeit im Saal, denn das Kleid, das die junge Schauspielerin trägt, ist tatsächlich grün, und ihre blonden Haare fallen locker. Petra Schmidt-Schaller, die am DNT Weimar schon Romeos Julia war, spricht eine umwerfende Ulrike, so wie ihr Vater einen stattlichen Dichtergreis vorgibt, auch wenn beide keine 55 Jahre trennen. Er spielt mühelos nach oben, sie flott nach unten, beide mit viel Humor und Sinn für Interaktionen. Süffisant setzt sie Goethes jungen Nebenbuhler de Ror in Szene, was er, sich das schüttere Haar zerzausend, mit Poesie wettmacht: "Nur wer die Sehnsucht kennt, / Weiß, was ich leide!" Als Lotte und Werther treffen sich die beiden beim Marienbader Kostümball, doch Goethes dramatischer Sturz auf den Boden der Tatsachen bleibt aus.

Oh, sagt er, die Textfassung ist von meiner Tochter. Ach, sagt sie, das wollte ich ihm ersparen. Wie soll man auch einen Text kürzen, bei dem jeder Satz ein Genuss und jede Pointe ein Treffer ist? Für Petra Schmidt-Schaller ist es die zweite Begegnung mit Walser. 2007 war sie die verführerische Helene in der Literaturverfilmung "Ein fliehendes Pferd" und gewann mit Katja Riemann, Ulrich Tukur und Ulrich Noethen den Bayerischen Filmpreis. Jetzt überzeugt sie mit ihrem Vater als zeitloses Liebespaar.

"Größter Applaus."

www.schloss ettersburg.de

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