Lesung in Neustadt: Von der Schokomafia bis zum Dekokrieg

Neustadt  André Kudernatsch nimmt vor rund 80 Gästen in der Stadtbibliothek Neustadt die Auswüchse in der Vorweihnachtszeit auf‘s Korn

André Kudernatsch las vor rund 80 Gästen in der Stadtbibliothek Neustadt aus seinem Buch „Auweia, Weihnachten!“. Auf seiner Rumkugel-Tour 2018 wurde er von Andreas Groß musikalisch ­begleitet.

André Kudernatsch las vor rund 80 Gästen in der Stadtbibliothek Neustadt aus seinem Buch „Auweia, Weihnachten!“. Auf seiner Rumkugel-Tour 2018 wurde er von Andreas Groß musikalisch ­begleitet.

Foto: Peter Cissek

Gleich nach den Sommerferien steht Weihnachten vor der Tür. Zumindest im Supermarkt. „Die Schokomafia verblüfft mich jedes Mal wieder. Ihre Weihnachtsmänner schleichen sich über Nacht ein und glotzen mich beim nächsten Einkauf hundertfach an, wie sie da stramm stehen in Reih und Glied. Wer sie kauft, nimmt in Kauf, dass sie zum Fest gar nicht mehr schmecken und unter der Silberfolie grau angelaufen sind.“ Buchautor André Kudernatsch erzählte am Freitagabend auf seiner „Rumkugel-Tour 2018“ in der Stadtbibliothek Neustadt ziemlich nikolausige Geschichten.

Die Lesung aus seinem aktuellen Buch „Auweia, Weihnachten!“ vor rund 80 Gästen war amüsant wie ein Comedy-Abend. Denn der in Erfurt lebende Journalist hat Weihnachten und vor allem das Drumherum auf‘s Korn genommen. Als Pendant zum Supermarkt habe er die Alternative, beim Edelschokofritzen in der Landeshauptstadt einen mit Schokolade gefüllten Adventskalender zu erwerben. Oder wenigstens das von Jahr zu Jahr teurer werdende Nachfüllset, welches er spätestens im September bestellen dürfe. Jedes Jahr müsse er überlegen, ob er das Geld in die feinen Pralinen des Chocolatiers investieren oder doch lieber 24 Mon Cherie des Ostens, also Halloren-Kugeln nachfüllen will. Seine Lebensgefährtin Brenda winkt ab und will gar keinen Adventskalender mehr haben. „Es merkt aber außer uns niemand, dass wir ein Zeichen gegen den Konsum setzen. Alle wissen es und alle machen mit. Weihnachten ist ein Riesen-Geschäft geworden“, bedauert Kudernatsch.

Bei seinem Auftritt in der Stadtbibliothek, bei dem er von Andreas Groß am Keyboard musikalisch begleitet wurde, machte der Autor auf spaßige Weise darauf aufmerksam, dass die meisten Menschen inzwischen zur Herkunft der Feste nichts mehr sagen könnten.

Ende Oktober wurde über WhatsApp eine wichtige Botschaft verbreitet: „Die Jugend weiß nicht mehr, warum wir Helloween feiern. Das ist traurig. Denn hätte Jesus nicht den Riesenkürbis besiegt, wären wir alle nicht da. Darauf sollten wir uns besinnen, auf den Geist der Weihnacht, der im Kürbiskompott steckt“, ließ Kudernatsch seine Gäste lachen.

Gurke im Baum als Brauch, jetzt hier auch

„Es ist ein alter Brauch. Jetzt haben wir ihn auch. Aus Lauscha oder USA, plötzlich war die Gurke da“, machte sich der Autor mit dem von Pianomusik unterlegten Gedicht „Die Gurke im Baum“ über den aus Glas hergestellten Weihnachtsbaumschmuck in Form einer Gewürzgurke lustig.

Besonders heiter wurde es, als André Kudernatsch nach seinen Beobachtungen auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt die fünf Hauptbesuchergruppen beschrieb. Angefangen bei den Kindern: „Eltern fräsen sich mit Kinderwagen durch die Besoffenen und die Dunkelheit. Sie hinterlassen eine Schneise von überfahrenen Füßen, abgestürztem Essen und verschüttetem Glühwein. Kinder in diesen Kutschen müssen erst größer werden, um selbst loslaufen zu können. Dann sind sie rasch von oben bis unter mit Zuckerwatte, Ketchup und Kinderpunsch beschmiert.“ Kudernatsch ulkte, dass den Kindern nicht nur vom Süßkram speiübel sei, sondern auch deshalb, weil sie mit ihren Köpfen auf Gesäßhöhe der Erwachsenen laufen.

Gruppe 2, die Jugendlichen, läuft vorzugsweise in dünnen Jäckchen und T-Shirts über den Markt. Schauen sich nichts an und schleppen über Stunden eine offene Flasche Bier mit sich herum und lassen eigene Bässe aus dem Rucksack dröhnen, so lange der Bluetooth-Lautsprecher Saft habe. Wissen im Idealfall, dass nach Weihnachten ein neues Jahr beginnt und sie näher ans Erwachsensein rücken.

„Ältere Männer tragen zwar Funktionsjacken, müssen trotzdem ständig pinkeln“, ließ Kudernachtsch das Publikum lachen. Diese Gruppe rufe mit Vorliebe „Lass mal die Luft raus“ beim Nachfüllen der Becher und finde sich mit jedem Schluck witziger und jünger. Sprechen zwischendurch die fremden Frauen an mit „junge Frau“, „schöne Frau“ oder „Frollein“. Je nach Geschmack der Ehefrau tragen die Männer Weihnachtspullover, Weihnachtsmützen und Weihnachtssocken, fühlte sich so manche Gattin im Publikum lachend bestätigt.

Die älteren Damen zögen hingegen völlig befreit als Mädelsrunde los: „Diese Ladys sind außer Rand und Band. Vorzugsweise tragen sie blinkende Elchgeweihe auf kecken Kurzhaarfrisuren mit Strähnchen. Diese schillernde Mischung scheint ihnen direkt ins Gehirn durchzusickern, denn sie gackern pausenlos.“ Gruppe 5, die Leute vom Land, also aus Neustädter Sicht Menschen aus Saalfeld, beklagen die hohen Preise und kaufen trotzdem jeden Ramsch, so der Autor.

Kudernatsch nahm in seinem Programm den vorweihnachtlichen Dekorationskrieg unter Nachbarn auf die Schippe, beklagte aber auch, dass man sich kaum noch ein persönliches Wort schreibe, sondern hauptsächlich Bilder auf WhatsApp weiterleite. Fazit: Ein äußerst unterhaltsamer Abend.

Eine kurze Zugabe und ein Autogrammstündchen gab es noch, denn Kudernatsch wollte eiligst heim. Bei Riverboat im MDR-TV sei Katarina Witt zu sehen. Und er weiß: „Kati wartet nicht.“

André Kudernatsch „Auweia, Weihnachten!“, 120 Seiten, Salier Verlag, ISBN: 978-3-96285-000-5

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