Schau im Eiermannbau über Narben und ihre Geschichten

Apolda.  Fotografie-Design-Projekt zum Thema Narben von Maria Gottweiss und Lilli Glade im Eiermannbau Apolda.

Die Künstlerinnen Maria Gottweiss (links) und Lilli Glade stehen in der "Wall of Femme" in ihrer Ausstellung „Ästhetik der Unvollkommenheit“ im Eiermannbau in Apolda.

Die Künstlerinnen Maria Gottweiss (links) und Lilli Glade stehen in der "Wall of Femme" in ihrer Ausstellung „Ästhetik der Unvollkommenheit“ im Eiermannbau in Apolda.

Foto: Martin Kappel

Eine außergewöhnliche Ausstellung hat am Wochenende zahlreiche Besucher in den Eiermannbau in Apolda gelockt. Unter dem Titel „Ästhetik der Unvollkommenheit“ haben sich die beiden Künstlerinnen Maria Gottweiss und Lilli Glade gleich auf mehreren Ebenen mit dem Thema „Narben“ gearbeitet und entreißen den Gegenstand der eindimensionalen und unvollkommenen Betrachtung durch das herrschende Schönheitsideal.

„Eine Narbe ist kein Zeichen der Verletzung, sondern ein Zeichen der Heilung. Es handelt sich um einen Wundschluss“, beschreibt Maria Gottweiss einen ersten wichtigen Gedanken, der das Konzept zur fertigen Schau bildete. Hinzukam dann noch die Überlegung, Schmuck mit auf die Bilder zu bringen, der die Narbe wie eine Auszeichnung umspiele.

„Hall of Femme“ zeigt die Gesichter von 29 Frauen

Als die Idee geboren war, verbreitete sich das Vorhaben wie ein Lauffeuer. Insgesamt 29 Frauen meldeten sich, bevor die beiden Künstlerinnen in die nächste Projektphase übergingen. Hierzu wurde zunächst ein Interview geführt, wurden Fragen gestellt, die schnell eine intime Verbindungen zu den späteren Modellen herstellten.

Für die Besucher der Ausstellung hingegen ist der Sprung von den Gesichtern der Freiwilligen hin zu den Narben nicht nachvollziehbar. Die 29 Porträts im Mittelgang, der „Hall of Femme“ – in Anlehnung an die englische Bezeichnung für die Ruhmeshalle – verweisen nur auf sich selbst. Die Fotografien der Narben wiederum hängen „anonym“ in Seitenräumen.

Narben „verstehen“ über intime und anonyme Geschichten

„In unseren Vorgesprächen, die mal 30 Minuten, mal 3 Stunden dauerten, haben wir fleißig mitgeschrieben, die wichtigsten Worte notiert und kleine Geschichten daraus gebastelt“, erklärt Lilli Glade. Zu lesen sind diese auf Schildern und laden den Betrachter zusammen mit dem Bild auf eine Reise in das Innerste ein.

Hinter „Vater“ versteckt sich etwa eine unscheinbare Narbe im Gesicht, die vom Sturz von einem Spielgerüst stammt. Dieses eine Mal, so hieß es in der Erzählung, wurde sie, das da noch sechs Jahre alte Mädchen, vom Papa abgeholt – aus dem Krankenhaus. Er, der NVA-Soldat, der am Todesstreifen diente, sollte sich zwei Jahre später das Leben nehmen.

Führungen durch Ausstellung nach Anmeldung

Jede Narbe ist fotografisch perfekt freigestellt. Wo das Wundmal sitzt, kann der Betrachter nur erahnen. Die Art der Aufnahme ist vom japanischen Konzept „Wabi-Sabi“ inspiriert, verrät Lilli Glade. Der vermeintliche Makel wird durch die Fokussierung in Szene gesetzt und ästhetisiert.

Bis zum 31. Oktober kann die Ausstellung nach Voranmeldung über die Website aesthetik-unvollkommenheit.de besichtigt werden. Dann gehen die Bilder auf Wanderschaft, vielleicht um die Welt oder auch in ein Buch ein.