Ein Lehrer für alle Fälle

Erfurt.  Die Ausbildung von Pädagogen soll in Thüringen künftig nicht mehr nach Schularten erfolgen, sondern nach Schulstufen.

Mathematikunterricht in einer 8. Klasse. Die Ausbildung der Lehrer soll in Thüringen künftig nicht mehr nach Schularten erfolgen.

Mathematikunterricht in einer 8. Klasse. Die Ausbildung der Lehrer soll in Thüringen künftig nicht mehr nach Schularten erfolgen.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

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Es war elf Tage vor der Landtagswahl, als die Regierung ein Maßnahmepaket gegen Lehrermangel vorlegte. Zu den angekündigten Veränderungen gehört eine Neuausrichtung der Lehrerausbildung an den Universitäten des Landes. Die soll künftig nicht mehr für einzelne Schularten wie Regelschulen und Gymnasien erfolgen, sondern nach Altersstufen der Schüler.

Im Gespräch ist eine solche Änderung schon länger. Nicht nur, weil sie der Logik des längeren gemeinsamen Lernens folgen würde, was auch viele Eltern wünschen. Auch weil die Absolventen dann disponibler einsetzbar wären, also dort wo der Lehrermangel derzeit am härtesten spürbar ist. Und das sind nicht in erster Linie Gymnasien, sondern neben Grundschulen die Regelschulen des Landes.

Alexander Gröschner leitet an der Universität Jena den Lehrstuhl für Schulpädagogik und Unterrichtsforschung und macht zunächst eine Rechnung auf: Von den knapp 750 Studenten, die sich zum Wintersemester für einen Lehramtsstudium eingeschrieben haben, will nur zehnte Regelschullehrer werden. Zehn Prozent, das gilt auch für die älteren Semester.

Gemessen an den Bedarfen eine Schieflage, die verstärkt wird, weil lange nicht alle Absolventen am Ende in Thüringer Schulen ankommen. Mehr als die Hälfte der Lehramtsstudenten kommt aus anderen Bundesländern und will erfahrungsgemäß auch in ihre Heimat zurück. „Abiturienten haben in der Regel keine eigenen Erfahrungen mit Lernen an der Regelschule“, bemerkt der Professor. „Sie kennen nur ihren Ruf und der ist nicht der beste. Wer Lehramt studiert, weil er vor allem an einem bestimmten Fach Interesse hat, wird Gymnasiallehrer“, so seine Wahrnehmung.

Für die Abkehr von einer Ausbildung, die streng nach Regelschullehrer und Gymnasiallehrer trennt, spricht aus seiner Sicht Vieles. Vor allem mit Blick auf die Gemeinschaftsschulen, deren Entwicklung er befürwortet. Weil sie durchlässig für unterschiedliche Schulbiografien ist und gleichzeitig alle Abschlüsse anbietet.

Das sieht auch Karin Kleinespel, wissenschaftliche Geschäftsführerin am Zentrum für Lehrerbildung der Universität Jena nicht anders. Die Übergänge zwischen den Schulstufen sind in einer Lernbiografien wichtige Knackpunkte, beschreibt sie eine Erfahrung. Man müsse, sagt sie, vom Kind her denken, und nicht von einer Schulstruktur aus.

Nach einer Reform, erklärt Professor Gröschner, würde es an der Jenaer Universität nur noch eine Ausbildung für Sekundarstufenlehrer geben, die einen Schwerpunkt wählen: Sekundarstufe I (5. bis 10. Klasse) oder Sekundarstufe II (5. Klasse bis Abitur). Das wäre von den diskutierten Modellen das favorisierte. Das Lehramtsstudium für die Sekundarstufe I. würde um ein Semester verlängert und nach zehn Semestern mit dem ersten Staatsexamen abschließen. Das zusätzliche Semester würde Zeit für Inhalte wie Arbeit mit multiprofessionellen Teams an Schulen oder der Inklusion schaffen. Unterm Strich, resümiert Professor Gröschner, würde es diesen Abschluss aufwerten und damit mehr Argumente für den Lehrerberuf bis zu Klasse 10 schaffen. Im Lehramtsstudium mit Schwerpunkt Sekundarstufe II würde sich nicht viel ändern, aber die Absolventen würden dann gewissermaßen auch per Abschluss in allen Schularten ab Klasse 5 einsetzbar sein. Also auch in einer Regelschule. Und es wäre dann, so wohl auch eine Intention, weniger die Ausnahme von der Regel, als derzeit.

Auch an der Universität Erfurt hält man eine Reform für zeitgemäß. Weil sie ein wichtiger Baustein für längeres gemeinsamen Lernen mit größerer Durchlässigkeit wäre, konstatiert Benjamin Dreer. Er ist wissenschaftlicher Geschäftsführer der Erfurt School of Education, die an der Universität die Lehramtsausbildung konzipiert: Für Förderpädagogik, Berufsschulen, Grundschulen und Regelschulen. Die künftigen Lehrer verlassen die Uni mit einem Masterabschluss. Gemessen an Leistungspunkten und Studienzeit ist nach seiner Einschätzung die Ausbildung der Regelschullehrer in Erfurt schon jetzt mit dem der

der Gymnasiallehrer in Jena vergleichbar.

Die Veränderungen sieht er in einer Vertiefung von Fach und entsprechender Fachdidaktik im Studium mit Blick auf den gymnasialen Anteil. Denn aus seiner Sicht wäre ein künftiger Sekundastufenlehrer, der nicht einen Schwerpunkt für die Sekundarstufe I oder II hat, sondern die Klassen 5 bis 12 unterrichtet, der konsequente Weg. Der Attraktivität des Studiums würde das nur gut tun, bemerkt er.

Wie die Reform am Ende aussehen wird, muss eine Landesregierung erst noch entscheiden. Dafür müsste dann auch das entsprechende Lehrerbildungsgesetz geändert werden. Auf die Pläne hatte Thüringens CDU mit Ablehnung reagiert. Sie wolle, hatte sie angekündigt, an der schulartbezogenen Ausbildung festhalten.

Doch erst, wenn es eine landespolitische Entscheidung gibt, können die Universitäten die Anpassung der Studieninhalte angehen, über neue Strukturen nachdenken und welche personelle Aufstockung das bedeutet. Von den schwebenden politischen Konstellationen einmal abgesehen, werden noch einige Jahre ins Land gehen, bis die Ergebnisse einer reformierte Lehrerausbildung in Thüringens Schulen ankommen könnten.

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