Rudolstadt: Mutter von 4 Kindern im Ausbildungs-Praktikum ohne finanzielle Unterstützung

Eine junge Mutter von vier Kindern bekommt für Zeit des Praktikums am Ende ihrer Ausbildung zur Erzieherin weder wie bisher Meisterbafög noch Leistungen des Jobcenters. Das will sie so nicht hinnehmen.

Andrea Freitag absolviert derzeit im Rahmen ihrer Ausbildung ein unentgeltliches Praktikum beim Diakonieverein Rudolstadt. Während dieser Zeit bekommt sie behördlicherseits keinerlei finanzielle Unterstützung. Foto: Heike Enzian

Andrea Freitag absolviert derzeit im Rahmen ihrer Ausbildung ein unentgeltliches Praktikum beim Diakonieverein Rudolstadt. Während dieser Zeit bekommt sie behördlicherseits keinerlei finanzielle Unterstützung. Foto: Heike Enzian

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Rudolstadt. Andrea Freitag wird im Sommer ihre Ausbildung zur Erzieherin an der IBKM Berufsschule in Mellenbach, die sie über ein Meisterbafög finanziert, abschließen. Allerdings zieht es sie nicht in einen Kindergarten. Sie kann sich gut eine andere soziale Arbeit vorstellen. Seit dem 1. Februar absolviert sie daher ein Praktikum beim Diakonieverein Rudolstadt, Bereich Obdachlosenhilfe. Unentgeltlich, das war von vornherein so vereinbart. "Ich war schon im September vergangenen Jahres da und habe mich jetzt wieder dafür entschieden. Die Arbeit liegt mir, ich kann mir das auch für die Zukunft vorstellen", sagt die 34-jährige allein erziehende Mutter von vier Kindern.

Was sie bei dieser Entscheidung nicht wusste: Während des Berufspraktikums bis 31. Juli steht sie ohne finanzielle Leistungen da. Das Meisterbafög, das sie bisher bezog, wird nicht weiter gezahlt mit der Begründung, es würden nur Schulzeiten, keine Praktikumszeiten gefördert. Unterstützung vom Jobcenter Saalfeld-Rudolstadt in Form der Grundsicherung für sich und fürs Wohnen bekommt sie auch nicht. Nur die Kinder sind abgesichert.

"Ich habe mich für dieses Praktikum entschieden, weil ich davon ausgegangen bin, dass das Jobcenter die Leistungen wieder übernimmt", sagt die junge Frau. So wie übrigens auch schon im September vergangenen Jahres, als das während eines sechswöchigen Praktikums ohne Probleme funktionierte. Warum das jetzt anders ist, kann Andrea Freitag nicht verstehen.

Dabei kennt sie sich aus mit Behörden, hat während des Praktikums schon vielen anderen geholfen. Dass es sie selbst einmal betreffen würde, konnte sie sich nicht vorstellen. Aber alle Anfragen nach Zuständigkeit und Hilfe liefen ins Leere. "Ich fühle mich als Mutter von vier Kindern, die eine zweite Ausbildung macht und gerne beruflich weiterkommen möchte, vollkommen vom deutschen Sozialsystem im Stich gelassen", sagt sie. Mehr noch: "Ich könnte es mir ganz einfach machen. Wenn ich mit meinen Kindern ganz zu Hause bleiben würde, bekäme ich das Geld anstandslos. So aber tue ich alles dafür, für mich und meine Kinder sorgen zu können und werde bestraft", sagt sie. Denn ihr fehlt nicht nur das Geld zum Leben und für die Miete - die Rede ist von rund 400 Euro im Monat - sondern auch für die Krankenversicherung.

Im Jobcenter Saalfeld-Rudolstadt ist die Situation von Andrea Freitag bekannt. Allerdings sieht man dort keine Möglichkeit, ihr zu helfen. "Die Gesetzeslage ist so", sagt Steffen Rocktäschel, stellvertretender Geschäftsführer des Jobcenters. Dass sie im September das Geld bekommen habe, sei ein Versehen gewesen.

Er räumt ein, dass es sich hier um einen Sonderfall handelt. "Es heißt, dass grundsätzlich jegliche Ausbildung vom Leistungsbezug ausgeschlossen ist. Der Gesetzgeber hat an diese spezielle Situation nicht gedacht." Andrea Freitag muss es ausbaden. Im Grunde will man mit der Regelung Dauerausbildung verhindern. Außerdem geht man davon aus, dass der Betrieb zahlt. Einzige Ausnahme: Liegt kurz vor Ende der Ausbildung bei den Betroffenen besondere Härte vor, könnte das Geld in Form eines Darlehns gewährt werden, das nach der Ausbildung wieder zurückgezahlt werden muss. "Eine andere Lösung gibt es nicht", so Rocktäschel mit Blick auf die Paragrafen. Dieses Angebot hat man Andrea Freitag gemacht. Sie hat es abgelehnt. "Ich möchte nicht mit noch mehr Schulden in mein Berufsleben starten", so ihre Begründung.

Unterkriegen lassen will sich Andrea Freitag nicht. Sie hat eine Fachanwältin eingeschaltet, die Widerspruch gegen den Bescheid des Jobcenters eingelegt hat. Reagiert die Behörde bis Freitag dieser Woche nicht, so will sie ein Eilverfahren beim Sozialgericht anstreben.

Auch beruflich schmiedet die 34-jährige Pläne. Nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung möchte sie gern ein duales Studium in der Fachrichtung Soziales an der Berufsakademie in Gera aufnehmen. Eventuell mit dem Diakonieverein als Praxispartner.

Um die Zeit bis zum Ende des Praktikums finanziell überbrücken zu können, ist Andrea Freitag auf Hilfe aus ihrem Umfeld angewiesen. Außerdem hat sie sich an die Thüringer Stiftung "Hand in Hand" gewandt. Diese hilft Familien in Not schnell und unbürokratisch, heißt es auf der Internetseite. Der Antrag läuft.

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