Arnstadt. Die Tafeln in Thüringen sind am Limit. Mit Blick auf den Herbst werden die Sorgen noch größer. Dabei könnten ein paar Gesetzesänderungen die Situation verbessern.

Dienstagmorgen, 8 Uhr: Helga Brack packt für die Morgenrunde zu den Supermärkten den Transporter mit Kisten voll. Dass sie die alle brauchen wird, ist mehr Hoffnung als Erwartung. Man weiß nie, was man bekommt und Dienstag ist ohnehin nicht der beste Tag.

„Guten Morgen, habt ihr was für uns?“: Ihre Frage beim ersten Stopp in Ichtershausen wird quittiert mit drei Packungen Nektarinen, zwei mit Weintrauben, einem Beutel Kartoffeln, einem Netz Zitronen. Dazu ein paar Keksrollen, Zahnputz-Tabs und einer Tüte Vogelsand. „Besser als nichts, das kam auch schon vor“, bemerkt sie lakonisch.

Joghurt-Spende als seltener Glücksfall

Günther Sattler leitet die Tafel in Arnstadt.
Günther Sattler leitet die Tafel in Arnstadt. © Elena Rauch

Ein paar Kilometer weiter sieht es auf der Lieferrampe auch nicht üppig aus. Wenigstens füllen zwei Dutzend Möhren-Bunde, Rettiche und Pfirsiche einige Kisten mehr. Im letzten Discounter vor dem Frühstück kann sie immerhin einige Paletten mit Weintrauben in den Transporter wuchten, eine Kiste Bananen, Salat, Toastbrot und sogar ein paar Töpfchen Basilikum. Doch in der Summe muss sie nüchtern feststellen: „Die Ausbeute war übersichtlich.“ Dank einer Spende vom Milchhof können sie morgen auch Joghurt ausgeben, erzählt Mitarbeiterin Kerstin Droemer, und es klingt direkt freudbetont. Es ist ein inzwischen seltener Glücksfall.

Und das geht jetzt schon seit Monaten so. Milchprodukte sind Mangelware, Haltbares wie Reis, Nudeln oder Konserven bekommen sie schon lange nicht. Gemüse und Obst, das nicht mehr taufrisch ist, versuchen immer mehr Märkte noch zum Billigpreis zu verkaufen. „Früher landete das bei uns“, sagt Tafel-Chef Günther Sattler.

Das ist nicht der einzige Grund, warum die Vorsitzende des Landesverbandes der Tafeln, Beate Weber-Kehr, von einer „dramatischen Situation“ spricht. Denn Arnstadt ist nur ein Beispiel. Günter Sattler wirft einen Blick auf seine Bestandslisten und überlegt, womit er anfangen soll. Wegen der gestiegenen Spritpreise haben sie schon vor Wochen den Beitrag pro Hilfspaket von drei auf vier Euro erhöhen müssen, die Mehrkosten gleicht das nicht aus. An Rücklagen sei nicht zu denken, der unverzichtbare Kühltransporter ist inzwischen „volljährig“. Wie sie die Kosten für Energie und Wärme nächstens stemmen sollen, ist ihm ein Rätsel. „Im Grunde bewegen wir uns seit anderthalb Jahren am Limit.“

Anfragen mit dem Ukraine-Krieg spürbar erhöht

Und seit dem Ukraine-Krieg haben sich die Anfragen spürbar erhöht. Bei den großen Tafeln wie in Erfurt oder Jena sei der Zulauf um ein Drittel gestiegen, sagt Beate Weber-Kehr.

Bei der Arnstädter Tafel sind aktuell 700 Menschen angemeldet, und mehr können es zur Stunde auch nicht werden, seit einigen Wochen gibt es eine Warteliste. Das sei, bemerkt die Verbandschefin, eigentlich das Schlimmste, was einer Tafel passieren kann: Menschen wegschicken zu müssen. Zum Beispiel Rentner, die lange mit sich ringen und dann abgewiesen werden. Es eine bittere Erfahrung zu nennen, wäre untertrieben. Sie spricht derzeit mit den Fraktionen im Landtag, damit finanzielle Hilfe für Tafeln im Haushalt 2023 ein fester Posten wird. Sie ist optimistisch.

Doch auch das ist nicht alles, zunehmend gehen Personalprobleme an die Substanz. Viele Ehrenamtliche gehen aus Altersgründen, während der Nachwuchs ausbleibt. Eine Entwicklung, der Corona noch eine Umdrehung mehr verpasst hat.„Es kommt gerade viel zusammen und das zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt“, konstatiert Beate Weber-Kehr mit Blick auf den Herbst und Winter.

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In Arnstadt zum Beispiel ist kaum einer der etwa 30 Ehrenamtlichen jünger als 50 Jahre. Helga Brack, die regelmäßig die Supermarktrunde fährt, Lebensmittel sortiert und an der Ausgabe steht, arbeitet seit 17 Jahren für die Tafel. Sie ist jetzt 68 Jahre alt und ohne Tafel würde ihr viel fehlen. Aber manchmal, bekennt sie, melde sich der Rücken. „Wir sind kein Schachverein, hier muss hart und lange gearbeitet werden“, bemerkt Günther Sattler.

Ehrenamt bei Tafeln braucht eine Menge Zeit

Das beschreibt das Dilemma. Ehrenamt bei einer Tafel braucht eine Menge Zeit, die Berufstätige nicht haben. Helfen würde zum Beispiel, wenn mehr Wege außerhalb des Ersten Arbeitsmarkts zur Arbeit bei Tafeln führen würden, schlägt Beate Weber-Kehr vor. Auch Modelle wie ein Bundesfreiwilligendienst habe in Thüringen noch Luft nach oben. Vorstellbar sei vieles.

Ehrenamtlich und spendenbasiert: Das sind die Arbeitsgrundsätze der Tafeln, sie sind keine staatlichen Einrichtungen, stellt die Verbandschefin klar. Doch Institutionen wie Sozialämter und Ausländerbehörden verweisen schnell auf die Tafel, wenn es finanziell eng wird. Wenn Tafeln verlässlicher Teil des sozialen Hilfsnetzes bleiben sollen, brauchen sie selbst mehr Hilfe. Gesellschaftlich und institutionell. Seit zum Beispiel in Frankreich ein Gesetz Märkten das Wegwerfen verwertbarer Lebensmittel verbietet, erhalten die Tafeln dort mehr Spenden. Darauf, so die Verbandschefin, warte man in Deutschland noch.

„Thüringen hilft“ unterstützt die Tafeln: Spendenkonto DE89 8205 1000 0125 0222 20 Empfänger: Diakonie Mitteldeutschland