Berlin. Alle Jahre wieder gibt es unter dem Mistelzweig mehr Krach als Küsse. Eine Expertin sagt, warum es an Weihnachten zu Trennungen kommt.

Advent, Advent, die Beziehung brennt. Obwohl die Vorweihnachtszeit eigentlich für Harmonie und Besinnlichkeit stehen sollte, gelten die Tage rund um das Fest der Liebe als jährlicher Höhepunkt der Trennungen. Woran das liegt, erklärt die Paartherapeutin Vera Matt.

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Beziehungs-Aus zu Weihnachten: Das sind die häufigsten Gründe

Wenn es an Weihnachten kracht, sitzen die meisten Paare im selben Boot. Das zeigt eine Studie der Dating-Plattform „Parship“ aus dem vergangenen Jahr mit rund 1.100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Demnach streitet sich jeder Dritte an Weihnachten mit seiner besseren Hälfte, nicht selten folgt eine Trennung. Bei den 18- bis 29-Jährigen klagen 63 Prozent über zu wenig Zeit mit dem Partner. Schließlich muss der Liebste oder die Liebste an den Feiertagen mit Onkel und Tante oder Cousin und Cousine geteilt werden. Bei den Älteren sorgt dagegen vor allem die weihnachtliche Arbeitsteilung für Zündstoff. So geben 23 Prozent der 30- bis 39-Jährigen und rund 36 Prozent der 50- bis 59-Jährigen an, sich über die Festvorbereitungen zu streiten. Bei den Jüngeren sind es nur 6 Prozent.

1. Familientraditionen sorgen für Zoff unter dem Christbaum

Über alle Altersgruppen hinweg werden die Schwiegereltern als Hauptstreitpunkt während der Feiertage genannt (38 Prozent aller Befragten). Denn unterschiedliche Vorstellungen von Traditionen und Bräuchen in den Familien sorgen oft für dicke Luft. Das kann auch die Paartherapeutin Vera Matt bestätigen. „Das Problem fängt schon damit an, dass Weihnachten als Familienfest verstanden wird“, sagt sie. „Aber was ist eine Familie? Vater, Mutter, Kind – oder gehören auch die Eltern dazu? Und was ist mit den Schwiegereltern, den Verwandten, dem Ex-Partner, dessen Eltern, dem einsamen Nachbarn?“

Vera Matt ist seit 2000 selbständige Paartherapeutin mit einer Praxis am Berliner Stadtrand im brandenburgischen Falkensee. 
Vera Matt ist seit 2000 selbständige Paartherapeutin mit einer Praxis am Berliner Stadtrand im brandenburgischen Falkensee.  © Thomas Ernst

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2. Ein idealisiertes Bild von Weihnachten führt nur zu Enttäuschungen

Dass es an Weihnachten so oft zu Beziehungsbrüchen kommt, hat laut Vera Matt auch mit einem idealisierten Familienbild zu tun, das in einer ebenso idealisierten Erwartung eingebettet ist, wie Weihnachten sein sollte. „Da die meisten von uns schon als Kinder ein idealisiertes Bild von Weihnachten vermittelt bekommen haben – mit leckerem Essen und schönen Geschenken – tragen viele diese Vorstellung auch als Erwachsene mit sich herum“. Umso größer sei dann die Enttäuschung, wenn die Realität nicht den kindlichen Erwartungen entspreche, erklärt die Paartherapeutin.

3. Auch die Vorweihnachtszeit bringt Stress

Auch die Vorweihnachtszeit kann für reichlich Zoff sorgen. Gerade vor Weihnachten herrsche in vielen Lebensbereichen „so etwas wie eine Jahresendpanik“, sagt Matt. Viele Menschen sind ohnehin gestresst von der Liste der Erledigungen bis zum Fest. Hinzu kommt der Druck, Geschenke zu kaufen, die den Mitmenschen gefallen, finanzielle Sorgen, die beim Geschenkekauf mitspielen, und Besuche von Familie und Verwandten, die eingeplant werden müssen. Aber auch äußere Stressfaktoren wie Einladungen zu Feiern oder Abgabetermine im Job spielen eine Rolle – „da reißt der Geduldsfaden einfach schneller“, sagt Matt.

4. Single-Wunsch zu Weihnachten

Von wegen Single-Blues an Weihnachten: Laut Paartherapeutin Vera Matt wünschen sich viele Menschen zumindest zu Weihnachten die Freiheit des Singledaseins. „Die vielen Verpflichtungen und der Weihnachtsstress machen gerade den Dezember zu einer Kompromisszeit, die viele überfordert“, sagt Matt. Wenn es dann zu wenig Raum gebe, sich als Paar damit auseinanderzusetzen, seien Streit und vielleicht sogar eine Trennung programmiert.

In ihrer Praxis erlebt Matt, dass viele Paare Weihnachten auch zum Anlass nehmen, ihre Beziehung zu hinterfragen. Fragen wie „Ist der Mensch an meiner Seite der, mit dem ich mein Leben verbringen möchte?“ oder „Möchte ich diesen Menschen meiner Familie vorstellen? „Der Blick richtet sich auf das, was einem Glück bringen sollte – und die Beziehung wird auf eine harte Probe gestellt.“ Die Tage um Weihnachten seien deshalb für viele Paare eine Zeit, in der sie unerwartet getrennte Wege gehen, so Matt.

5. Paare wünschen sich einen Neuanfang vor dem Jahreswechsel

Lang ersehnte Veränderungen oder lange aufgeschobene Entscheidungen über die Zukunft der Beziehung gewinnen vor dem Jahreswechsel ebenfalls an Bedeutung. Laut Paartherapeutin Matt bringt das Paare dazu, über ihre Beziehung nachzudenken und Bilanz zu ziehen. So werden an Weihnachten oft Probleme angesprochen, die die Beziehung das ganze Jahr über belastet haben. In Gesprächen mit Ihren Patientinnen und Patienten konnte Matt vor allem zwei Probleme identifizieren, die zu dem Wunsch führen, sich an Weihnachten zu trennen. Die Paare nannten „die Angst oder die Gewissheit, betrogen worden zu sein“, und „Lügen“, wenn sie das Gefühl hatten, dass ihr Partner während des Jahres oft nicht ehrlich zu ihnen war.

6. Im Winter mangelt es an Vitaminen und Endophinen

Schließlich gibt es noch einen natürlichen Faktor, der in der Weihnachtszeit zu mehr Konflikten führt: der Lichtmangel im Winter. „Die Sonne geht später auf und früher unter und leider verbringen die meisten Menschen die wenigen Sonnenstunden, die übrig bleiben, bei der Arbeit. Das schlägt vielen aufs Gemüt“, sagt Vera Matt. „Denn wer keine Sonne und kein Vitamin D tankt, hat weniger Energie und Lebensfreude, ist schneller schlecht gelaunt und gerät häufiger in Streit.“ Zudem seien die Möglichkeiten, Ärger zu kompensieren, im Sommer vielfältiger. Während im Sommer ein kurzer Ausflug an den See für Ablenkung sorgen kann, bleibt man bei Dunkelheit und Kälte lieber in den eigenen vier Wänden.

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Trennungen zur Weihnachtszeit vermeiden: Tipps von einer Expertin

Das beste Mittel gegen gebrochene Herzen an Weihnachten ist laut Paartherapeutin Vera Matt, sich zu fragen, was das Fest für einen selbst bedeutet. „Vielleicht fällt der Druck schon ab, wenn man merkt, dass Weihnachten für einen nur ein Feiertag mit unklaren Ritualen ist“, sagt Matt. Wer dennoch andere Vorstellungen vom Fest der Liebe hat, sollte das dem Partner mitteilen, rät die Paartherapeutin. Zu wissen, wie sich der andere ein gelungenes Fest vorstellt, sei schon die halbe Miete, denn dann könnten Erwartungen nicht so leicht verletzt werden.

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Im nächsten Schritt müsse man als Paar dann schauen, inwieweit man sich in seinen Vorstellungen aufeinander zu bewegen kann. „Vielleicht feiert man in einem Jahr ausgiebig und fährt im nächsten Jahr zum Entspannen weg“, schlägt Matt vor. An Weihnachten könnten sich die Liebenden dann zu einem Team zusammenschließen, um gemeinsam gegen Stressfaktoren wie Bräuche oder nörgelnde Schwiegereltern anzukämpfen.