Pferdequäler hat in Thüringen zum achten Mal zugestochen

Brotterode  Der Pferdequäler, der in ganz Thüringen seit einiger Zeit sein Unwesen treibt, hat am Sonntag erneut zugestochen – wieder auf einem Pferdehof in Trusetal bei Brotterode, wie die Polizeiinspektion Suhl bestätigte.

In Thüringen hat der Pferdestecher bereits zum achten Mal zugestochen.

Foto: Christoph Keil

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Es war bereits die achte Attacke auf Pferde-Stuten in diesem Jahr in Thüringen, die fünfte im Monat April, die zweite auf eine Stute auf dem Hof in Brotterode. Alle Tiere wurden mit einem scharfen Werkzeug im Genitalbereich schwer verletzt. Bisher haben alle Pferde überlebt, auch dank Notoperationen.

„Es ist wie Terror. Man weiß nicht, wann und warum es geschieht. Man hat Ohnmacht und Angst“, sagt einer der betroffenen Pferdehalter. Der Täter kommt wie aus dem Nichts, er verschwindet wie ins Nichts. „Keine Spur.“ Dabei fahndet die Thüringer Polizei inzwischen sogar aus Hubschraubern nach dem Tierquäler.

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Ob es eine Verbindung zu älteren Fällen von Tierquälerei in Thüringen gibt, ist noch unklar. Bereits im Juni 2017 hatte ein Tierquäler zwei Pferde auf einem Reiterhof in Döbritschen im Weimarer Land schwer verletzt.

Einer Stute fügte der Täter im Geschlechtsbereich einen etwa vier Zentimeter langen Schnitt zu. Außerdem schlug der Unbekannte auf das Tier ein. Das zweite Pferd, ein Schimmel, wurde am Vorderbein verletzt. Beide Tiere überlebten die Attacken.

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„Bundesweit gibt es immer wieder Übergriffe auf Pferde“, berichtet Judith Pein für die Tierschutzrechtsorganisation Peta, die inzwischen 1000 Euro Belohnung für Hinweise ausgelobt hat, die zur Festnahme des Thüringer Stutenquälers führen.

„Peta fordert ein behördliches Register, in dem Anschläge auf diese Vierbeiner und bereits überführte Tierquäler erfasst werden“, sagt Pein. „So könnten mögliche Tatzusammenhänge aufgezeigt sowie Täterprofile erstellt werden. Behörden könnten effektiver überregional zusammenarbeiten.“

Aus Pferdestechern können Mörder werden

Tatsächlich werden immer wieder und quer durch Deutschland Pferde verletzt und getötet. Eine ganze Serie von mindestens 50 Attacken auf Pferde gab es im norddeutschen Raum zwischen 1993 und 2003. Mit einer Art Lanze wurden seinerzeit viele Pferde zu Tode gestochen.

Aus Pferdestechern könnten Mörder und Totschläger werden. Davon sind Kriminalpsychologen überzeugt, die die Angriffsserie in Norddeutschland ausgewertet und Täterprofile daraus abgeleitet haben.

Es gebe „deutliche Hinweise, dass Tierquälereien als frühes Warnzeichen für eine spätere Entwicklung gelten müssen, die bis hin zu Mehrfachtötungen von Menschen gehen kann“, analysierten die Bremer Wissenschaftler Dietmar Heubrock und Dorothee Parildayen-Metz.

Peta stellt fest: „Zahlreiche Mörder vergingen sich zunächst an Tieren, bevor ihnen Menschen zum Opfer fielen.“

Blick in die Psyche von Tierquälern

Einen Blick in die Psyche von Tierquälern gewährte der Prozess gegen den Armbrustschützen von Jena, bei dem die Polizei eine Armbrust mit Zielfernrohr, 171 Armbrustbolzen und zwei Luftgewehre mit etwa 32.000 Schuss Munition sicherstellte. Im Alter von etwa 20 Jahren hatte der Täter 2005 mit dem Luftgewehr auf Katzen geschossen. 2007 wurde er Mitglied eines Schützenvereins. Schließlich reichte all dies dem jungen Mann nicht mehr, der sich selbst als tierlieb bezeichnete und zu Hause Kanarienvögel hielt.

Im Juni 2012 begann die lautlose Jagd mit der Armbrust auf Pferde und Rinder. Im Schutz der Nacht fuhr der Mann mit seinem VW-Bus die Weiden rund um Jena ab. Ein präzises Ziel hatte er wohl nicht, nur das allgemeine Ziel zu töten.

Es ging um den „Kick“: 14 Monate Haft nach Armbrust-Attacken auf Tiere

Bis es der „Soko Weide“ der Kriminalpolizei in Jena im April 2013 gelang, den gelernten Sozialbetreuer, der inzwischen als Wachschützer arbeitete, zu überführen, erschoss er ein Pferd, ein Rind sowie, zuletzt, den Labrador der Nachbarin. Den ließ der junge Mann zunächst in seine Wohnung laufen, schoss dem Hund den Armbrustbolzen in die Schulter und schlug ihn, da er noch lebte, mit der Machete tot.

„Wollten Sie ihn töten?“ fragte der Richter im Prozess. „Ja“, sagte der Angeklagte. „Dann habe ich den Hund in eine Tüte getan und weggebracht.“ Er entsorgte den Müllsack im Jenaer Forst, wo zwei Hobbyfotografen drei Wochen später den Kadaver entdeckten.

„Der Reiz beim Schießen lag bei ihm nicht darin, Tiere zu quälen“, sagte der Verteidiger des jungen Mannes während des Prozesses 2013 vor dem Amtsgericht Jena. „Es war mehr der Adrinalinstoß durch die Gefahr, erwischt zu werden.“ So ist es festgehalten im fast wortgetreuen Protokoll eines Prozessbeobachters.

Tierquälerei im Weimarer Land weckt schlimme Erinnerungen

Der Vater war als Ingenieur sehr erfolgreich. Der Sohn war nach dem Ende der Hauptschulzeit oft arbeitslos oder hatte Gelegenheitsjobs. Er brachte Essen auf Rädern oder arbeitete für einen Sicherheitsdienst.

Da die Eltern „nicht auf ihn eingegangen“ seien, habe sein Mandant „psychische Probleme“ entwickelt, erklärte der Verteidiger vor Gericht. Als Adoptivkind habe er sich „nie richtig angenommen geführt“. Er habe stets mit dem Gefühl gelebt, den Erwartungen der Eltern nicht zu entsprechen. Da er in der Schule kaum Kontakt hatte, sei er „in die innere Immigration“ gegangen.

Dann fand er für den Frust ein Ventil: Computerspiele. Auf W-Lan-Partys trat er in den Spielewettstreit. Da war er gut, gewann und genoss den Erfolg. Ego-Shooter-Spiele, Spiele mit Waffen, mochte er gern. Er wurde Sportschütze in einem Verein. „Der Umgang mit Waffen hat zu einer Erhöhung seines Selbstwertgefühls geführt“, trug, laut Protokoll, der Verteidiger vor.

Der junge Mann wurde arbeitslos und wohnte weiter bei den Eltern. „Sie machten Druck, er solle sich bewegen, eine Arbeitsstelle finden“, berichtete der Anwalt. „Seine Minderwertigkeitsgefühle wurden immer größer.“

Dann begann er, etwa 2005, auf Katzen zu schießen. Er besaß ein Luftgewehr, zunächst eine kleine Armbrust, später eine größere.

Er sagte: „Entschuldigung.“

Bei der Landespolizeiinspektion Jena, wo man den jungen Mann nach akribischen, langwierigen Ermittlungen im April 2013 als so genannten Armbrustschützen überführte, hat man ihn so in Erinnerung: „Der Täter hatte Versagensängste, die er dadurch kompensierte, dass er Schwächere, die sich nicht wehren konnten, verletzte und tötete.“

Das Urteil gegen den damals 31-Jährigen lautete: 14 Monate Freiheitsstrafe, nicht zur Bewährung ausgesetzt.

Der Staatsanwalt hatte eine etwas höhere Strafe gefordert: für die angeschossenen Tiere vier Monate Freiheitsstrafe, für das getötete Pferd sowie das getötete Rind sieben Monate Freiheitsstrafe, für die getötete Labradorhündin der Nachbarin sieben Monate Freiheitsstrafe.

Der Verteidiger des jungen Mannes, der auf eine Bewährungsstrafe hoffte, räumte im Plädoyer ein: „Man kann nicht einfach losgehen, wenn man mit Problemen nicht klarkommt und schmerzempfindliche Tiere quälen.“

Zuletzt, so vermerkt es das Protokoll, wandte sich der junge Mann erstmals während der Gerichtsverhandlung direkt ans Publikum, in dem vor allem Tierbesitzer saßen. Er sagte: „Entschuldigung.“

Aus dem Publikum war „höhnisches Lachen“ vernehmbar.

Der junge Mann „zuckt die Schultern“ und sagt: „Ich kann’s nicht wieder gutmachen.“

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