Die Holocaust-Überlebende Eva Fahidi-Pusztai zu Gast in Thüringen

Erfurt  Heute, zum Holocaust-Gedenktag, wird die 90-jährige Eva Fahidi-Pusztai, ungarische Jüdin und Überlebende von Auschwitz und Buchenwald, auf der Bühne der Erfurter „Schotte“ dank einer Einladung des „Erinnerungsortes Topf & Söhne“ gemeinsam mit einer jungen Kollegin ihr Leben tanzen. Vergangenes Jahr war sie eine der letzten Zeuginnen im Gröning-Prozess. Gestern Abend gab sie unserer Zeitung ein Interview.

Eva Fahidi-Pusztai hat Auschwitz und ein KZ-Außenlager von Buchenwald überlebt. Heute tanzt die 90-Jährige in Erfurt. Foto: Esther Goldberg

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Heute, zum Holocaust-Gedenktag, wird die 90-jährige Eva Fahidi-Pusztai, ungarische Jüdin und Überlebende von Auschwitz und Buchenwald, auf der Bühne der Erfurter „Schotte“ dank einer Einladung des „Erinnerungsortes Topf & Söhne“ gemeinsam mit einer jungen Kollegin ihr Leben tanzen. Vergangenes Jahr war sie eine der letzten Zeuginnen im Gröning-Prozess. Gestern Abend gab sie unserer Zeitung ein Interview.

Mit welchem Nachnamen möchten Sie angesprochen werden?

Mein Mädchenname Fahidi ist mein richtiger Name. Also Eva Fahidi. Das Wesentliche, was mit mir geschehen ist, ist mir unter meinem Mädchennamen widerfahren. Deshalb ist auch mein Buch „Die Seele aller Dinge“ unter diesem Namen erschienen.

Wieso sprechen Sie so gut deutsch?

Es gab schließlich mal eine österreichisch-ungarische Monarchie. Die ungarischen Juden wurden damals Staatsbürger und waren allen anderen Menschen in Ungarn gleichgestellt. Man hat deutsch gesprochen in meinem Elternhaus. Also: Kein jiddisch, sondern deutsch. Und selbstverständlich ungarisch.

Sie sind nicht das erste Mal in Thüringen, kommen regelmäßig als Überlebende nach Buchenwald. Was bedeutet es Ihnen, ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag mit Ihrem Tanzprojekt in Erfurt aufzutreten? In jener Stadt also, in der die Verbrennungsöfen von Auschwitz konstruiert und gebaut wurden?

Das ist schon etwas sehr Besonderes. Die Leiterin des Erinnerungsortes Topf & Söhne hat mich eingeladen. Als ich das erste Mal hierher kam, musste ich mich sehr daran gewöhnen, an diesem Ort zu sein, von dem aus der Blick hinüber nach Buchenwald nahezu ungehindert ist und wo das Grauen auf dem Reißbrett entstanden war. Die Zeiten sind vorüber – hoffentlich.

Haben Sie denn Angst, dass sich die Gräuel der Nazis wiederholen könnten?

Für mich nicht, nein. Ich bin alt. Aber ich denke an meine vier Enkel und an die anderen Jungen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass so etwas wiederkommen kann – irgendwo auf dieser Welt.

Was kann wiederkommen?

Eine Tortur, wie ich sie erlitten habe. Torturen gibt es in vielen Teilen der Welt.

Sie haben einmal gesagt, Hass würde die Menschen zu Opfern machen. Aber verzeihen können Sie auch nicht. Wie halten Sie die Balance?

Es ist eine lange Zeit vergangen. Wenn man so viel gelitten hat, denken manche vielleicht, man solle ein klein wenig besser als andere geworden sein. Ich habe deshalb gehofft, ich kann verzeihen. Aber es gelingt mir nicht, mich dazu zu zwingen. Doch wenigstens will ich niemanden mehr hassen – so geht es fast allen Überlebenden.

Sie haben als Nebenklägerin an dem Prozess gegen den SS-Mann Oskar Gröning im vergangenen Jahr teilgenommen und ihn nicht gehasst. Können Sie das erklären?

Ich hatte das Gefühl, das sogenannte Dritte Reich ströme mit all seinen Phrasen in den Gerichtssaal, als er geredet hat. Ich war 14 Tage während des Prozesses dabei. Gröning hat ganz bestimmt nichts begriffen, gar nichts.

Sie haben beinahe 60 Jahre lang über das Grauen von Auschwitz und das Außenlager des KZ Buchenwald geschwiegen, seit zwölf Jahren reden Sie. Da waren Sie bereits beinahe 80 Jahre alt. Was gab den Ausschlag?

Ich bin am 1. Juli 2003 erstmals nach dem Krieg nach Auschwitz gefahren. Da habe ich gesehen, wie das alles geworden ist: schönes Gras und lustiger Löwenzahn. Und ich dachte, die Welt weiß nichts, gar nichts. So habe ich mein Schweigen gebrochen. Es ist wichtig, dass es die Erinnerung gibt. Man muss aus dem Inneren heraus berichten.

Derzeit bitten Flüchtlinge in Europa um Hilfe in der Not. Wie empfinden Sie, dass ausgerechnet Ungarn zuerst die Grenzen geschlossen hat?

Hätte Herr Orban ein Gewissen, hätte er das nicht getan. Die Menschen sind auf der Flucht und die Kinder nicht in Sicherheit. Was wird mit ihnen? Sie haben keine blasse Ahnung, wie es mit ihrem Leben weitergehen kann. Was haben sie denn getan? Ich finde es scheußlich und kann nicht helfen. Ich habe schon so viel geschrien und gebrüllt.

Es gibt Juden in Ungarn, die sich vor der Bewegung ihres Landes immer weiter nach rechts fürchten. Haben auch Sie Angst?

Ich habe keine Angst. Ich weiß, dass es so ist. Aber meine Zeit ist limitiert. Vielleicht war der Antisemitismus in all den Jahren, so lange ich schon lebe, gar nicht fort.

Macht Sie das wütend?

Ich bin beinahe apathisch geworden mit der Zeit. Wenn wir nicht in Europa gemeinsame Wege gehen, sehe ich keine gute Entwicklung. Ich bin nicht befugt, über die richtigen Wege zu sprechen, weil ich gar nicht die Ausbildung dafür habe. Aber es ist einfach eine Frage der Herzensbildung, dass ein Miteinander bereits in jüngstem Alter notwendig ist für eine gute Zukunft.

Wie erleben Sie Deutschland?

Ehrlich? Mit ein wenig Neid. Warum kann man etwas in diesem Land, das anderswo nicht geht? Warum ist hier Demokratie möglich und anderswo nicht? Als ich 1989 erstmals nach Deutschland kam, da habe ich erlebt, wie intensiv man sich hier auseinandersetzt mit der eigenen Geschichte.

Heute abend werden Sie mit der 32 Jahre jungen Tänzerin Emese Cuhurcova in „Sea Levander oder die Euphorie des Seins“ Ihr Leben tanzen. Was hat Sie bewogen, mit 90 erstmals tanzend auf die Bühne zu gehen?

Ich tanze schon, seit ich ein kleines Kind war. Auch nach dem Krieg gehörte strenge Gymnastik ganz normal zu meinem Leben. In dem freien Budapester Theater „The Symptoms“ habe ich regelmäßig am offenen Tanztraining mitgewirkt. Vor genau einem Jahr sprach mich die Direktorin und Regisseurin Reka Szabo auf das Projekt an, tanzend und sprechend mit einer jungen Frau ins Gespräch zu kommen – nicht nur über den Holocaust. Ich habe zugesagt, wir haben viel geprobt. Die Premiere war im Oktober vergangenen Jahres in Budapest, die Deutschland-Premiere fand am Sonntag in Berlin statt – und nun treten wir zweimal in Erfurt auf.

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