Eichsfeld: Der Herr der Zeit

Büttstedt  Werner Hanstein aus Büttstedt sammelt Uhren und hat ein paar ganz besondere Exemplare in seinem Vier-Seiten-Hof zusammengetragen.

Werner Hanstein aus Büttstedt hat sich in einer Scheune eines Vierseitenhofes eine umfangreiche Uhrensammlung angelegt.

Werner Hanstein aus Büttstedt hat sich in einer Scheune eines Vierseitenhofes eine umfangreiche Uhrensammlung angelegt.

Foto: Johanna Braun

Die übergroße Uhr an der Stirnseite der Scheune von Werner Hanstein aus Büttstedt lässt schon vermuten, dass hinter dem Tor etwas mehr schlummert als nur das geparkte Auto. Die Uhr mit fast drei Meter Durchmesser hing einst am Dima-Gebäude in Dingelstädt, jetzt zeigt sie den Büttstedtern im Unterdorf die genaue Uhrzeit an. Werner Hanstein hat eine Leidenschaft, und sie hat mit der Zeit zu tun. Er sammelt Uhren. In allen Formen und Größen – und selbst gebaut hat er auch eine ganz besondere.

Angefangen hat alles damit, dass die Turmuhr der Büttstedter Kirche – oder besser deren Uhrwerk – nicht mehr gebraucht wurde, da sie zukünftig elektronisch angetrieben werden sollte. Niemand wusste so richtig wohin mit dem gusseisernen Uhrwerk, wiegt es doch an die 150 Kilogramm. Es steht jetzt auf dem Boden der ehemaligen Scheune des Vier-Seiten-Hofes von Werner Hanstein. Es ist ein imposanter Anblick und sieht man das Zifferblatt am Erker im Innenhof, erahnt man nicht, wie viel Technik hinter dieser steckt. „Das ist meistens so bei Uhren. Macht man sie auf, sieht man, was alles funktionieren muss, damit sie läuft“, sagt der Sammler.

Das Turmuhrwerk hat Werner Hanstein auseinandergebaut, nummeriert und alle Teile gesäubert. „Ich hatte keine Ahnung von der Technik“, blickt er zurück. „Und damals war es mit dem Internet noch nicht so weit. Also habe ich mich in die Bücher gestürzt.“ Seine Töchter gingen beide auf die Universität, also kam er in der dortigen Bibliothek an Fachliteratur heran. „Später habe ich mir auch viel im Internet gesucht.“ Bis das Uhrwerk endlich wieder lief, verging ein ganzes Jahr.

Problem der Glocken unkonventionell gelöst

Angetrieben wird es mit den Gewichten aus Gusseisen, die in der Mitte der großen Scheune hängen. Einmal wöchentlich musste Werner Hanstein diese wieder nach oben ziehen, denn das Uhrwerk ist ein sogenanntes 7-Tage-Werk. „Dann habe ich es mal drei Wochen vergessen, bin nicht dazu gekommen, also habe ich einen Motor drangebaut. Jetzt zieht sie sich automatisch auf.“ Jede Viertelstunde läutet es auf dem Hof, denn „zu einer Turmuhr gehört natürlich auch eine Glocke“. Aber wie an eine heran kommen? Bei einem Besuch eines Uhrenmuseums machte es dann Klick bei Werner Hanstein. Dort wurden abgeschnittene Gasflaschen als Glocken benutzt. Zwei davon hängen jetzt auch in der Scheune und werden mit Holzschlägeln jede Viertelstunde getroffen. „Sie sind aus Holz und nicht aus Eisen – aus Rücksicht auf die Nachbarn“, sagt Werner Hanstein.

1899 kam das Turmuhrwerk nach Büttstedt und fristete ein einsames Dasein auf dem Kirchturm, denn noch nicht mal die Messdiener, die das Läuten der Glocken übernahmen, durften ihm zu nahe kommen. „Normalerweise sind auch solche Uhrwerke in einem Holzverschlag oder etwas ähnlichem untergebracht.“ Auf dem Dachboden der Scheune hat das Uhrwerk jetzt regelrecht Auslauf – und alleine ist es auch nicht mehr, denn viele andere Uhren leisten ihm Gesellschaft.

Ein paar davon sind sogenannte Nebenuhren, die zu einer Mutteruhr gehören. Letztere gewährleistet eine exakt synchrone Gangweise aller angeschlossenen Uhren. Jede Minute werde ein kurzes Stellsignal an die untergeordneten Nebenuhren ausgesendet, das dort über einen Schrittmotor das Zeigerwerk antreibe, erklärt Werner Hanstein. Solche Anlagen werden zum Beispiel in Schulen oder auf Bahnhöfen verwendet. Die Mutteruhr von Werner Hanstein regelt so zwölf Nebenuhren auf dem gesamten Grundstück.

Mars, Jupiter und Saturn: Astronomiestunde gratis

Hinzu kommen in der Sammlung unzählige Wohnzimmer- und Küchenuhren, Reisewecker und normale Wecker in verschiedenen Formen und Farben, eine Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald oder zahlreiche Stechuhren. Auch eine Rufuhr aus dem Krankenhaus gehört dazu. Diese zeigte mit Lichtern in einem bestimmten Code an, welche Schwester oder welcher Arzt wo gebraucht wurde.

Im ehemaligen Kuhstall steht außerdem noch ein Fernschreibegerät. Dort arbeitet Werner Hanstein gerade an einer Turmuhr, die er aus Bayern geholt hat. Viele der Teile liegen noch in einer Kiste, die in der Ecke steht. Auch sie ist aus Gusseisen, wenn auch viel kleiner als die auf dem Dachboden. Aber das Lieblingsstück des Sammlers hängt im Hof. Es ist der Nachbau einer astronomischen Uhr aus dem 15. Jahrhundert. „Bekannt sind solche Uhren zum Beispiel vom Prager Rathaus, aber auch in Münster, Bern oder Rostock gibt es solche.“

Werner Hanstein hat seine selbst gebaut. „Sie ist das Abbild des Kosmos auf einer flachen Ebene“, erklärt er. Abzulesen ist der Sonnenstand – die Sonne ist klar zu erkennen – aber auch der Stand des Mondes, der als silberne Kugel dargestellt ist. „In der Mitte befindet sich die Erde, da solche Uhren nach dem geozentrischen Weltbild gebaut wurden.“ Es ist außerdem erkennbar, wann Voll- oder Neumond ist und in welcher Richtung sich die Planeten Mars, Jupiter und Saturn im Himmel befinden. Selbstverständlich sagt die Uhr dem Betrachter auch die Uhrzeit an, ebenso wie den aktuellen Monat im Jahr.

Viele der Uhren, die Werner Hanstein sein Eigen nennt, hat er zusammen mit seiner Frau auf Flohmärkten gefunden. „Die meisten sind Zufallsfunde.“ Der gelernte Schlosser war früher in ganz Deutschland unterwegs und hat oft in Schulen Treppen eingebaut. Dort habe er mit den Hausmeistern Kontakt aufgebaut und viele Uhren so bekommen. „Es ist eine Sammelleidenschaft geworden, und ich habe es meiner Frau zu verdanken, dass es sich noch in Grenzen hält. Denn obwohl sie mich immer unterstützt und auf meinen Touren dabei ist, passt sie auf, dass es nicht überhand nimmt.“

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