Experten im OTZ-Telefonforum: Vorsorge kann Darmkrebs verhindern

Der Darmkrebs gehört auch heute noch zu den häufigsten bösartigen Tumoren in Deutschland mit circa 70.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Zwei Fachärzte aus Gera beantworteten am Dienstag Leserfragen im OTZ-Telefonforum.

Der Geraer Chefarzt Uwe Will und Facharzt Bernhard Goldmann beim OTZ-Telefonforum. Foto: Ulrike Kern

Der Geraer Chefarzt Uwe Will und Facharzt Bernhard Goldmann beim OTZ-Telefonforum. Foto: Ulrike Kern

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Auch in diesem Jahr widmet sich der bundesweite Darmkrebsmonat März wieder mit zahlreichen Veranstaltungen deutschlandweit dem Thema der Vermeidung von Darmkrebs.

Durch konsequente Vorsorgemaßnahmen ist es heute möglich, diese Tumorerkrankung effektiv zu verhindern. Bereits Vorstufen bösartiger Tumore, sogenannte Polypen, können im Rahmen der Darmkrebsvorsorge erkannt und behandelt werden.

Uwe Will, Chefarzt der 3. Medizinischen Klinik des SRH-Waldklinikums Gera, und Bernhard Goldmann, Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, beantworteten beim OTZ-Telefonforum am Dienstag Leserfragen zu diesem Thema.

Ich bin 48 Jahre und rundherum fit. Allerdings sind in der letzten Zeit in meinem Bekanntenkreis Fälle von Darmkrebs aufgetreten und somit mache ich mir Gedanken, ob ich nicht auch schon mit der Darmkrebsvorsorge beginnen sollte? Ab wann wird die Darmkrebsvorsorge empfohlen und was genau versteht man darunter?

Für die asymptomatische Bevölkerung wird ab dem 50. Lebensjahr die jährliche Durchführung eines Tests empfohlen, bei dem okkultes „verstecktes“ Blut im Stuhl nachgewiesen wird. Mit diesem Test werden bereits geringste Mengen Blut im Stuhl nachgewiesen. Neuere genetische beziehungsweise immunologische Stuhltestverfahren zeigten in Studien eine höhere Detektionsrate für Tumoren und ihre Vorstufen. In absehbarer Zeit werden diese Tests Eingang in die Routine finden. Ab dem 55. Lebensjahr wird eine Darmspiegelung empfohlen.

Ich gehöre auch zu den sogenannten Vorsorgemuffeln, insbesondere was die Darmkrebsfrüherkennung angeht. Ich habe nie Verdauungsprobleme gehabt, obwohl ich bereits 65 Jahre alt bin. Meine Frau drängt mich allerdings zur Darmspiegelung. Muss ich mich dieser unterziehen, auch wenn ich keine Darmprobleme habe?

Sie sollten sich auch bei fehlenden Beschwerden einer Vorsorgekoloskopie unterziehen. Gerade frühe Tumorstadien bleiben lange symptomlos. Aber genau diese lassen sich gut behandeln mit einer hohen Chance auf definitive Heilung. Bei Darmtumoren in fortgeschrittenen Stadien bei organüberschreitendem Wachstum mit einem Einbruch in Nachbarorgane, Tumorabsiedlungen, sogenannte Metastasen in anderen Organen wie Leber und Lunge, müssen auch erweiterte Behandlungen wie Chemotherapie und/oder Strahlentherapie erfolgen.

Was kann ich selbst irgendwie dazu beitragen, der Entstehung eines Darmtumors vorzubeugen?

Sie sollten auf ausreichende und regelmäßige körperliche Aktivität achten. Bereits 30 bis 60 Minuten tägliche körperliche Aktivität gehen mit einem verringerten Risiko für die Entstehung eines bösartigen Darmtumors einher. Weiterhin sollten Sie auf das Rauchen verzichten und Alkohol nur in Maßen zu sich nehmen. Bei übergewichtigen Personen wird eine Gewichtsreduktion empfohlen. Auf eine gesunde Ernährung, vermehrten Verzehr von Obst und Gemüse (fünf Portionen am Tag) sowie ballaststoffreiche Kost sollte geachtet werden. Insbesondere wird auch eine nur geringe Konsumierung von rotem bzw. verarbeitetem Fleisch empfohlen.

Im letzten Jahr hatte ich eine Vorsorgekoloskopie. Es wurden mehrere Polypen entfernt. Mir wurde gesagt, dass ich deswegen kurzfristig zur Kontrolle kommen muss. Wann sollte die nächste Darmspiegelung erfolgen?

Der Zeitpunkt der Kontrollkoloskopie ist abhängig von der Anzahl, der Größe und dem histologischen Befund der abgetragenen Polypen. Sie sollten sich mit Ihrem Hausarzt in Verbindung setzen oder den Zeitpunkt für eine erneute Untersuchung in der Einrichtung erfragen, die die Untersuchung bei Ihnen durchgeführt hat.

Ich habe von neueren und schonenderen Untersuchungsmethoden zur Darmkrebsfrüherkennung gehört. Was wird heute empfohlen?

Auch heute gilt die Koloskopie als Goldstandard mit der höchsten Sensitivität und Spezifität in der Früherkennung von Darmtumoren und seinen Vorstufen. Die alternativ möglichen bildgebenden Untersuchungsverfahren CT-und MR-Kolonographie oder die Kolonkapsel erreichen gerade in der Erkennung kleiner Veränderungen unter einem Zentimeter Größe schlechtere Ergebnisse als die Koloskopie. Auch bietet die Darmspiegelung als einzige Untersuchung gleichzeitig die Möglichkeit, Karzinomvorstufen vollständig zu entfernen und somit die Entstehung von Karzinomen zu verhindern. Die Vorbereitung zu all den genannten Untersuchungen ist übrigens gleich.

Welche Beschwerden sollten mich daran denken lassen, dass möglicherweise ein Darmtumor vorliegen kann?

Größere Tumoren können Beschwerden machen. Sie sollten sich umgehend in ärztliche Betreuung begeben, wenn Blut im Stuhl oder am Toilettenpapier sichtbar ist, wenn Sie Schmerzen im Bauch haben oder an Gewicht abnehmen. Ein weiteres Warnsymptom ist eine plötzliche Änderung der Stuhlgewohnheiten.

Ich hatte vor zwei Jahren bereits eine Darmspiegelung und abgesehen von ein paar Ausstülpungen am Darm wurde nichts Auffälliges gefunden. Wann sollte ich mich einer nächsten Untersuchung unterziehen?

Nach erfolgter kompletter Darmspiegelung mit unauffälligem Befund wird die nächste Kontrolluntersuchung nach fünf bis zehn Jahren empfohlen.

Vor drei Jahren wurde bei mir eine Colitis ulcerosa diagnostiziert. Besteht bei dieser Erkrankung ein erhöhtes Darmkrebsrisiko?

Ja. Bei Patienten mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung, insbesondere der Colitis ulcerosa besteht gegenüber der Normalbevölkerung ein erhöhtes Risiko für kolorektale Karzinome in Abhängigkeit von der Erkrankungsdauer, der Ausdehnung und der Krankheitsaktivität. Nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs-und Stoffwechselerkrankungen wird eine regelmäßige Karzinomvorsorge empfohlen. Bei Befall des gesamten Dickdarms sollte ab dem 8. Krankheitsjahr eine jährliche komplette Koloskopie mit ausgiebigen Probenentnahmen, bei Befall der linksseitigen Dickdarmabschnitte ab dem 15. Jahr nach Krankheitsbeginn erfolgen.

Bei meinem Bruder wurde im Alter von 52 Jahren die Diagnose Darmkrebs gestellt. Ab wann sollte ich wegen einer möglichen familiären Belastung zur Vorsorgekoloskopie?

Bei circa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen liegt eine familiäre Belastung vor. Verwandte ersten Grades von Personen mit Dickdarmkrebs, die vor dem 60. Lebensjahr erkrankt sind, haben gegenüber der Normalbevölkerung ein deutlich erhöhtes Risiko, ebenfalls zu erkranken. Sie sollten sich zehn Jahre vor dem Alterszeitpunkt des Auftretens des Karzinoms bei Ihrem Bruder einer ersten Koloskopie unterziehen.

Meine Gynäkologin führt regelmäßig einen Stuhltest bei mir durch, der bisher auch immer unauffällig war. Sollte ich trotzdem eine Vorsorgekoloskopie durchführen lassen?

Ja, denn nur in circa 30 Prozent bluten Tumore hin und wieder, so dass der Test nur eine geringe Vorhersagewahrscheinlichkeit für das Vorliegen von bösartigen Darmtumoren und ihren Vorstufen hat.