Freie Coronavirus-Tests bleiben in Thüringen tabu

Erfurt.  Es geht schnell. Mit wenigen Handgriffen wechseln die Tüten mit den Corona-Proben aus dem Behälter der Erfurter Abstrichstelle in die Box des Laborfahrers.

Das Institut für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Jena untersucht Proben auf das Coronavirus: Beate Haschke ist beim Verarbeiten einer der eingereichten Proben.

Das Institut für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Jena untersucht Proben auf das Coronavirus: Beate Haschke ist beim Verarbeiten einer der eingereichten Proben.

Foto: Tino Zippel

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Arzt und Transporteur tragen Schutzmasken, der Ton ist freundlich, man kennt sich schon. 21 Abstriche sind es an diesem Vormittag, die Ausbeute von drei Stunden. Die Abstrichstelle ist gerade umgezogen aus dem Erfurter Helios in einen isolierten Bereich im Gesundheitsamt, zentral gelegen in der Innenstadt. Sicherheitskräfte bewachen die Eingänge, rein darf nur, wer die Testbedingungen erfüllt. In ganz Thüringen hat sich die Zahl der Abstrichstellen mittlerweile auf über 30 erhöht. Zu finden sind sie über das ganze Land verteilt in 20 Städten. Kassenärztliche Vereinigung, niedergelassene Ärzte, Medizinische Versorgungszentren, Labors und Kliniken stemmen den Betrieb gemeinsam. Die Koordination obliegt dem ärztlichen Bereitschaftsdienst, der über die regionalisierte Telefonnummer 116 117 zu erreichen ist, sowie den Gesundheitsämtern.

Ärzte melden sich freiwillig für Dienst in Abstrichstellen

Für den Allgemeinmediziner Norbert Daumann ist es der zweite Einsatz innerhalb von eineinhalb Wochen. Diesen Dienst organisiert er mit seiner Hausarzt-Kollegin Ulrike Reinsch. Alle Ärzte melden sich freiwillig. Inzwischen sei der Betrieb weitgehend eingespielt, sagt Daumann. Anfangs dauerte es eine Woche und länger, bis Testergebnisse vorlagen. Proben mussten nach Berlin oder Heidelberg geschickt werden, dort kam man kaum nach.

„Inzwischen machen wir das alles in Thüringen, Wartezeit maximal drei Tage“, sagt Daumann. Laut Gesundheitsministerium übernehmen derzeit sechs Thüringer Labore Abstrich-Untersuchungen. Das sind neben den Einrichtungen im Landesamt für Verbraucherschutz (TLV) in Bad Langensalza und an der Uniklinik Jena private Unternehmen in Erfurt, Suhl, Ritschenhausen, Greiz, Jena und Altenburg.

Die tägliche Probenkapazität liegt zwischen 1000 und 2000 Proben. So führt etwa das Virologie-Labor des TLV seit Februar validierte Untersuchungen mittels PCR aus Nasen- oder Rachenabstrichen sowie Sekreten der Atemwege (Sputum) durch. Schon seit März sei man auf höhere Probenzahlen eingestellt. Dienste wurden angepasst, analysiert wird von Montag bis Samstag.

„Eine statistische Auswertung mit Stand Mitte März ergab, dass mit Probeneingang 9. März 2020 rund 80 Prozent der Proben nach einem Tag befundet sind, 90 Prozent nach zwei und 99 Prozent nach drei Tagen“, rechnet Ministeriumssprecher Frank Schenker vor. Die Annahme im Landeslabor sei rund um die Uhr sichergestellt, in dringenden Fällen könnten Proben durch Kuriere außerhalb der regulären Dienstzeiten transportiert werden. „Bei Kapazitätsüberlastung können Proben so auch schnell an andere Labore in Thüringen weitergeleitet werden“, sagt Schenker. Das ist auch notwendig. Schon länger fordern Experten, WHO und auch die Öffentlichkeit mehr Proben, um positiv Getestete schneller und besser isolieren zu können.

RKI erweitert seine Empfehlungen für Corona-Tests

Gerade hat das Robert-Koch-Institut (RKI) die Test-Kriterien noch einmal erweitert. Thüringen schließt sich dem uneingeschränkt an. Vorrangig zu testen sind jetzt alle Personen mit Symptomen einer akuten Atemwegserkrankung und Kontakt zu einem Covid-19-Fall. Zu dieser Gruppe gehören auch Reiserückkehrer aus Risikogebieten. Außerdem schließt die Neuregelung nun Menschen mit Hinweisen auf eine virale Lungenentzündung sowie medizinisch oder pflegerisch tätige Personen ein, desgleichen Zugehörige von Risikogruppen, die zwar keinen Kontakt zu einem Covid-19-Fall hatten, aber Symptome zeigen. Auch in der Abstrichstelle, wo bisher viele Testwillige wegen nicht erfüllter Kriterien wieder weggeschickt wurden, stellt man sich jetzt auf eine größeren Ansturm ein. Freie Tests sind in Thüringen nicht möglich, sagt Gesundheitsministerin Heike Werner. Negative Tests bedeuteten nicht zwangsläufig, dass keine Infektion vorliegt – gerade zu Beginn der Inkubationszeit seien oft nur sehr wenige Viren nachweisbar. Nach Meinung von Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene an der Uniklinik in Jena, sollte es aber so viele Tests wie möglich geben. „Das derzeitige Test-Volumen in Thüringen ist ein Minimum. Die Wahrscheinlichkeit, dass plötzlich die schweren Fälle auftauchen, ist umso höher, je mehr Menschen in der Stadt oder im Land das Virus in sich tragen. Daher müssen wir rechtzeitig wissen, was um uns vorgeht, und so lange es noch machbar ist, die Infektionsketten brechen. Wegen der hohen Dunkelziffer an Infizierten mit wenig oder gar keiner Symptomatik zeigen die Tests nur die Spitze des Eisberges. Zumindest diese Spitze müssen wir klar darstellen können. Das Beispiel Südkorea zeigt: Wer viel testet, kann sich besser vorbereiten“, sagt Pletz.

Deshalb habe er auch Verständnis dafür, dass erste Labore in Deutschland Testmöglichkeiten für alle anböten. Allerdings seien diese mit Preisen um die 150 Euro viel zu teuer. Als eines der größten Labore in Thüringen schafft die Uniklinik derzeit etwa 500 PCR-Tests pro Tag, angestrebt würden 1000 oder mehr.

Hoffnung setzt der Infektiologe auch in Antikörpertests. Sie zeigten, ob Menschen bereits Kontakt mit Corona hatten, ohne dass sie es bemerkten. „Bei einer Durchseuchung von 30 bis 40 Prozent beginnt der Herdenschutz zu wirken. Bisher kennen wir keine evidenzbasierten Reinfektionen. Um uns hier Klarheit zu verschaffen, müssten wir mal Tausende mit den Bluttests untersuchen“, sagt Mathias Pletz. Allerdings brauche der Körper eine Weile, bis er Antikörper bildet. Deshalb seien diese nicht immer gleich zu finden. Zudem suche man noch unter mehreren Anbietern nach einem guten Test.

Erste hochbetagte Corona-Patienten geheilt aus Uniklinik entlassen

Bei aller Anspannung können sich Pletz und seine Mitstreiter immerhin über ein Zeichen der Hoffnung freuen. Erstmals konnten am Dienstag und Mittwoch auch hochbetagte Corona-Patienten geheilt nach Hause zurückkehren. „Es erfüllt alle Beteiligten mit großer Freude und Genugtuung, wenn auch über 80-Jährige mit Vor- oder Begleiterkrankung bei guter Gesundheit und mit negativen Virustest entlassen werden können“, sagt der Infektionloge hörbar erleichtert.

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