Steuergeld an pflegende Angehörige? „Viel zu große Maschen im Pflegenetz“

Jena  Gastbeitrag: In Thüringens ländlichen Gebieten wird vielfach die Pflege von Familienmitgliedern erbracht. Das ist auch nötig, denn zunehmend gibt es weiße Flecken, wo kein Pflegedienst hinfahren und die Versorgung aufnehmen will, weil es wirtschaftlich unzumutbar wäre.

Eine Pflegekraft hilft einer alten Frau beim Trinken aus einem Becher in einem Seniorenheim.

Eine Pflegekraft hilft einer alten Frau beim Trinken aus einem Becher in einem Seniorenheim.

Foto: Patrick Pleul/dpa

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Der Ostthüringer Bundestagsabgeordnete Albert Weiler (CDU) fordert eine Pflegefinanzierung durch Steuergelder, um die Laienpflege durch Familien­angehörige zu verbessern. Grundsätzlich ist der Idee hinter dem Vorhaben zuzustimmen, insbesondere die Lastenverteilung auf alle Einkunftsarten, nicht nur auf den Arbeitslohn. Aus meiner achtjährigen Leitungserfahrung in der Altenpflege sage ich aber: Die reale Welt der Pflege sieht anders aus.

In Thüringens ländlichen Gebieten wird vielfach die Pflege von Familienmitgliedern erbracht. Das ist auch nötig, denn zunehmend gibt es weiße Flecken, wo kein Pflegdienst hinfahren und die Versorgung aufnehmen will, weil es wirtschaftlich unzumutbar wäre.

Am Rande der körperlichen und seelischen Überforderung

Hier sind pflegende Angehörige gefragt. Sie leisten eine unbezahlbare Arbeit, die nie ausreichend bezahlt werden kann. Mutig mit viel Hingabe und täglichem Zurückstecken von eigenen Bedürfnissen. Häufig trifft es gerade die Schwiegertochter, die bis dahin nicht gut genug war, den Sohn geheiratet zu haben. Der ganze Tagesablauf wird im 15-Minuten-Takt organisiert, ohne dass pflegende Angehörigen Zeit für sich selber haben.

Immer am Rande der körperlichen und seelischen Überforderung. Die Folge von Pflege bedeute häufig soziale Isolation. Freunde treffen, Kaffee trinken mit einer guten Freundin und eigene Arztbesuche beim Zahn- und Hausarzt werden zu einer zunehmenden Herausforderung, die sich im Pflegealltag nicht unterbringen lässt.

Als pflegender Angehöriger kann man nicht einmal unbeschwert in den Erholungsurlaub fahren. Eigentlich sieht der Gesetzgeber Entlastungsleistungen wie Kurzeit- und Verhinderungspflege für genau solche Fälle vor, nur: wenn ich im Januar meinen Sommerurlaub buchen will, möchte mir kein Altenheim einen Kurzeitpflegeplatz für den Sommer zusichern. Warum? Weil die Altenheime alle unter einem hohen Kostendruck stehen, und ein geplanter Kurzzeitpflegeplatz bedeutet geplanter Leerstand in den Wochen davor.

In den Städten dagegen sind kaum Familienangehörige vorhanden, die die Pflege übernehmen könnten, denn die Kinder sind aus beruflichen Gründen weggezogen. Auch wenn es ein nostalgischer Wunsch ist, dass die Familie die Pflege übernimmt, bleibt es häufig ein frommer Wunsch.

Herr Weiler regt an, dass pflegende Angehörige den Beruf aufgeben und im Gegenzug eine steuerfinanzierte Lohnersatzleistung erhalten, die über dem Mindestlohn-Netto liegt, also etwa 1150 Euro. Das sind fast genau die Hälfte der Lohnstückkosten für eine Pflegekraft, die den branchenspezifischen Mindestlohn erhält. Nur: Diese Pflegekraft versorgt durchschnittlich 12 bis 15 Pflegebedürftige, nicht nur eine. Herr Weilers Vorschlag würde also die Kosten für die Pflege versechsfachen. Außerdem würde sie dem Arbeitsmarkt wertvolle Fachkräfte entziehen und gerade bei Frauen den Rentenanspruch deutlich absenken, gerade zu einer Zeit, als wir gleichzeitig die überbordenden Kosten der Rentenversicherung ertragen und die Altersarmut bei Frauen lösen müssen.

Der Durchschnittslohn in Thüringen liegt bei etwa 3200 Euro brutto. Eine bessere Vergütung von Angehörigen ist sicherlich erstrebenswert, aber die vorgeschlagene Bezahlung zwischen dem Mindestlohn und dem Gehalt einer Pflegefachkraft wird für Angehörige nicht erstrebenswert sein, um ihren Beruf, der ihnen außerdem Wertschätzung und Anerkennung gibt, aufzugeben. Zumal die Kinder häufig selber kurz vor der Rente stehen, wenn die Eltern pflegebedürftig werden: nicht die beste Zeit, um einen Büroarbeitsplatz gegen schwere körperliche Arbeit einzutauschen.

Wie sollte man denn den Fachkräftemangel in der Pflege am besten bekämpfen? Die folgenden Maßnahmen wären nicht kostenneutral zu haben, wären aber trotzdem deutlich billiger und effektiver als Herr Weilers Vorschlag:

  • Ein verbindlicher Tarifvertrag für alle Pflegekräfte in der Altenpflege, der die Leistung fair entlohnt.
  • Ein verbindlicher Personalschlüssel in der Altenpflege, der die Zumutbarkeit der Arbeit garantiert.
  • Eine Wegevergütung auf dem Land, die die tatsächlichen Kosten berücksichtigt. So würden die unversorgten weißen Flecken verschwinden.
  • Ideelle Anerkennung von Pflege: Also keine Sprüche mehr wie „Pflegen kann jeder“. Und weg von der Vorstellung, Altenheime seien voll mit rüstigen Rentnern und einer kleinen Demenz-Ecke, es ist nämlich - aus Gründen der Wirtschaftlichkeit für unsere Gesellschaft - genau umgekehrt.

Die Laienpflege durch pflegende Angehörige, professionelle Pflege durch ambulante Pflegedienste und Altenheime sowie die medizinische Versorgung durch Haus- und Fachärzte und Therapeuten wie Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Probleme sind zu groß geworden, um nur einseitige Lösungsansätze zu finden. Mitarbeiter in der ambulanten Pflege und in den Altenheimen erwarten, dass sich etwas an ihrer Situation ändert.

Ein Netz von Pflege muss entstehen, in dem keiner durch die Maschen fällt. Weder die zu Pflegenden, noch die pflegenden Angehörigen, noch die qualifizierten Kräfte in den ambulanten Pflegediensten und Altenheimen. Zurzeit sind die Maschen im Pflegenetz zu groß und es fallen immer mehr Menschen durch. Es wird wohl nötig sein, Steuergeld in die Hand zu nehmen, aber es sollte nicht nur einer Gruppe, den pflegenden Angehörigen zu Gute kommen, sondern die pflegerische Situation sollte sich für alle deutlich menschenwürdiger und gerechter entwickeln, so dass wir als Gesellschaft wieder stolz sein können auf unsere Pflege.

  • Birgit Green arbeitet seit 1988 in der Pflege. Sie war in Führungspositionen bei der Diakonie Sozialstation Kahla, bei „Die Hilfreichen Schwestern“ Gera, im Johanniter-Altenheim „Diakoniezentrum Bethesda Eisenberg“ und im DRK-Altenheim „Am Kleinertal“ Jena tätig. Aktuell ist sie Pflegedienstleiterin in der Rehaklinik Median Saale Klinik Bad Kösen II.

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