Tinnitus-Selbsthilfe in Jena: Ich höre was, was du nicht hörst

Jena  Etwa 5 Millionen Deutsche leiden an Tinnitus – Tendenz steigend. Seit einem Monat gibt es in Jena daher eine Selbsthilfegruppe, in der sich Betroffene helfen, damit umzugehen. Die OTZ sprach mit ihnen.

Viele Faktoren können zu chronischem Tinnitus führen. Symbolfoto: Martin Kappel

Viele Faktoren können zu chronischem Tinnitus führen. Symbolfoto: Martin Kappel

Foto: zgt

Eines Morgens wachte sie auf. Es begann wie durch einen Schalter, klagt die Teilnehmerin der Selbsthilfegruppe. „Plötzlich machte es Bing“, sagt sie und schaut in die Runde. „Und da war er – mein bester Freund.“ Die anderen nicken beklommen. Jeder im Raum hat dieses Problem schon ähnlich erlebt.

Denn die Rede ist von Tinnitus. Laut Schätzungen leben in Deutschland gegenwärtig etwa vier Prozent der Menschen mit der chronischen Erkrankung. Das sind fast drei Millionen Mitbürger. Auch in und um Jena leben dementsprechend viele Betroffene. Grund genug also, eine eigene Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen. „Diese Gruppe ist erst die zweite ihrer Art“, erklärt Harry Apitz. Der Schleizer ist Gründer der ersten thüringischen Selbsthilfegruppe, die von der Deutschen Tinnitus Liga e.V. unterstützt wird. Heute steht er den Jenaer Teilnehmern beratend zur Seite.

Tinnitus – Die Heilung gilt als chancenlos.

„Hier wird nicht gejammert, sondern ausgetauscht“, sagt Apitz entschlossen. Erfahrungsaustausch und zu zeigen, dass man nicht allein ist, soll daher künftig einmal monatlich auf dem Programm stehen.

Das sei besonders wichtig bei einer Krankheit, die im Grunde nicht heilbar ist, erklärt Daniela Ivansic-Blau, die das Tinnitus-Zentrum in Jena leitet. „Man kann nur lernen, mit den Symptomen umzugehen.“ Außerdem habe eigentlich jeder Tinnitus , sagt sie. Nach Konzerten oder in Stresssituation hört man das Summen, Pfeifen oder Dröhnen im Ohr. „Die meisten können das aber gut überhören oder rausfiltern“, so Ivansic-Blau. Wenn das Ohrgeräusch allerdings störend wird und über drei Monate anhält, spricht man von chronischem Tinnitus. Anatomischer Auslöser sind feine Haare und Flüssigkeiten im Innenohr.

Als Hauptursache des chronischen Leidens, erklärt die Psychologin, trete zuvor meist eine Hörschädigung auf. „So war es auch bei mir“, erläutert eine Teilnehmerin. Nach einem therapierten Hörsturz sei die unangenehme Geräuschkulisse zurück geblieben. Bei etwa 50 Prozent der Patienten sei die Ursache eindeutig feststellbar, erklärt Ivansic-Blau. „Beim Rest sind die Gründe vielschichtiger.“ Genau deshalb bemüht sich die Psychotherapeutin im Tinnitus-Zentrum seit über zwei Jahren auch um eine interdisziplinäre Behandlung – Hand in Hand mit Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten, Hörgeräteakustikern, Physiotherapeuten und Psychologen. „Bei mir war es wohl das Gesamtpaket: Stress, Wirbelsäulenprobleme, Hörstürze und die Arbeit“, pflichtet eine ehemalige Patientin des Zentrums bei. Ein anderer Betroffener berichtet von Mobbing und einem daraus resultierenden Nervenzusammenbruch als Schlüsselmoment.

Die Folgen sind mitunter katastrophal. „Schlaf- und Konzentrationsstörungen waren es bei mir“, sagt ein männlicher Gruppenteilnehmer. „Daran kann dann schließlich auch der Job hängen.“ Das schlimmste für ihn sei jedoch, dass er weder Ruhe noch Lärm ertrage. Dabei zeigt er auf Kopfhörer und einen MP3-Player mit spezieller Entspannungsmusik.

„Wissen sie, was das akuteste Problem am Tinnitus ist?“, fragt Harry Apitz dann. „Gehäuft tritt die Krankheit auch bei Kindern auf“, erklärt er dann. In der heutigen Schnellebigkeit, dem Schulstress und in der andauernden Erreichbarkeit durch Handys sieht er die Grundlagen für die wachsenden Fallzahlen. In Schleiz seien es bereits 50 Menschen, die regelmäßig zu den Sitzungen kämen.

Daher hofft er nun, dass auch in Jena viele die Selbsthilfegruppe nutzen, um sich zu informieren und sich gegenseitig zu beraten. „Es ist viel wert, wenn unsere Patienten wissen, wie es nach der Behandlung weiter geht“, lobt auch Ivansic-Blau die Gruppen-Gründung.

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