Wo der Genuss aufhört: „Aktionswoche Alkohol“ an der Scholl-Schule Saalfeld

Saalfeld  Eben haben sie noch gelacht in der Aula beim Improvisationsstück über den Korn, jetzt lauschen sie einem „trockenen Alkoholiker“: verschiedene Begegnungen mit der Alkoholsucht für Scholl-Schüler.

Regina Polleter (links) von der Selbsthilfegruppe „Alkoholabhängige und deren Angehörige“ und Franziska Schüler,­ ­Mitarbeiterin im Gesundheitsamt, präsentieren „Sunflower“ und „Refresher“, Sommerdrinks, die auch ohne Alkohol ­schmecken. Foto: Sabine Bujack-Biedermann

Regina Polleter (links) von der Selbsthilfegruppe „Alkoholabhängige und deren Angehörige“ und Franziska Schüler,­ ­Mitarbeiterin im Gesundheitsamt, präsentieren „Sunflower“ und „Refresher“, Sommerdrinks, die auch ohne Alkohol ­schmecken. Foto: Sabine Bujack-Biedermann

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„Wir wollen Euch den Alkohol nicht verbieten, nur darauf hinweisen, dass Ihr verantwortungsvoll damit umgeht“, sagte Regina Polleter, in der Selbsthilfegruppe „Alkoholabhängige und deren Angehörige“ für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Am Mittwoch trat die SHG besonders öffentlich auf: Während der bundesweit veranstalteten „Aktionswoche Alkohol“ hatte sie einen Informationstag für die beiden neunten Klassen an der Staatlichen Regelschule „Geschwister Scholl“ organisiert.

Obwohl Alkoholsucht eine Krankheit ist, kann sie auch zum kabarettistischen Improvisationstheater taugen, zeigten Stephan Zinke und Alfred Kuhn, das „Trio vom Fenster“, das „einzige Trio, das zu zweit unterwegs ist.“ Ganz ohne Kalauer oder erniedrigende Anspielungen, dafür mit fröhlicher Spielfreude verwoben sie die Zurufe der Jugendlichen zu einer Geschichte mit verkatertem Morgen, Krankenschwester, Fee und Happy-End: „Der Korn ist alle für alle Zeit.“

Wer denn schon mal einen Korn getrunken habe, wollte Klaus-Dieter Berger wissen, und fünf, sechs Arme gingen nach oben: immerhin ein Viertel der Klasse 9a. Wem es geschmeckt habe, bohrte der 60-Jährige weiter: Da waren es nur noch „anderthalb Arme“. Der „trockene Alkoholiker“ verdeutlichte den Schülern damit die Gefahren der Alkopops – süß und den Alkohol verharmlosend: „Die Industrie versucht, sich neue Klientel zu verschaffen.“

Sein Lebensbericht war dagegen alles andere als anklagend. Ehrlich gestand Klaus-Dieter Berger ein, lange geglaubt zu haben, seinen Alkoholkonsum kontrollieren zu können. Er leugnete die Sucht, aber versteckte die Flaschen, es gab „Theater in der Familie und auf Arbeit“, er bekam schwere gesundheitliche Probleme: Es begann mit „ein paar Bierchen“ nach dem Fußballtraining mit Anfang Zwanzig und endete zwei Jahrzehnte später mit 3,23 Promille im Blut am Autosteuer an einer Treppe.

Sein Arzt habe ihn immer wieder an eine Selbsthilfegruppe verwiesen, erzählte Berger, aber erst als er seinen Führerschein wieder bekommen wollte, habe er zum „Blauen Kreuz“ gefunden. Heute weiß er, dass „eine Therapie unter Druck von außen“ nicht so erfolgreich ist, wie die selbstgewählte, auch wenn das ehrliche Eingeständnis der Sucht der schwierigere Weg ist. Berger ist inzwischen der Vorsitzende der Saalfelder Blaukreuz-Gruppe und leitet selbst Gruppenstunden.

„Nur fünf Prozent schaffen die Abstinenz aus eigener Kraft“, unterstrich auch Eva-Maria Burmeister den Wert „der Hilfe von Betroffenen, die das selbst durchhaben.“ Die promovierte Neurologin klärte die Jugendlichen über die Gefahren des Alkohols und die in jungen Jahren schneller wirkenden Suchtmechanismen auf. „Wer andere unter den Tisch trinkt, ist nicht der Held, sondern am meisten gefährdet“, sagte sie und fügte an, dass „Missbrauch da beginnt, wo der Genuss aufhört.“ Jeder solle „sich hinterfragen, wenn er von irgend etwas nicht mehr lassen kann“, beispielsweise in der Gemeinschaft einer Selbsthilfegruppe.

Längst nicht alle Gespräche während ihrer wöchentlichen Treffs – immer donnerstags, 17.30 Uhr im Caritas-Freiwilligenzentrum – drehten sich um Alkohol, so Regina Polleter, „da geht‘s auch mal um eine Werkstatt fürs Auto oder andere Alltagsprobleme.“ Eines ist den 14 Mitgliedern der Selbsthilfegruppe, die zum DRK Rudolstadt gehört, wichtig: „In der Anfangsrunde kann jeder über seine Dinge berichten, da wird nicht dazwischen geredet, da geht‘s ums Zuhören.“

Sabine Bujack-Biedermann kommentiert: Selbsthilfe für andere

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