In Mosambik ermordete Thüringer: „Ich will wissen, warum“

Frauenprießnitz.  Vor 35 Jahren wurden in Mosambik acht DDR-Helfer ermordet, darunter auch Thüringer. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Manfred Grunewald lässt die Erinnerung daran nicht los.

Manfred Grunewald aus Frauenprießnitz.

Manfred Grunewald aus Frauenprießnitz.

Foto: Elena Rauch

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Das alte Rentamt in Frauenprießnitz (Saale-Holzland-Kreis) ist ein heimatidyllischer Ort. Vom alten Dreschflegel, bis zur Bauernküche findet man hier alles, was einst einen Dorfalltag ausmachte. Zusammengetragen und mit Gespür fürs Detail ausgestellt von Manfred Grunewald. Er ist hier der Ortschronist.

Mitten in dieser Gemütlichkeit stößt der Besucher auf ein Porträtfoto, dessen Botschaft aus dieser Thüringer Heimatidylle auf verstörende Weise herausfällt: Es zeigt Wolfgang Smardz, einst Vorsitzender der ansässigen LPG Pflanzenproduktion. Ermordet im Dezember 1984 bei Unango, Mosambik.

Mit ihm starben damals sechs weitere Entwicklungshelfer aus der DDR, darunter die Thüringer Günter Skibbe und Manfred Lindner, im Kugelhagel von Attentätern. Ein weiterer deutscher Kollege starb wenig später noch in Mosambik an seinen Schussverletzungen.

Manfred Grunewald lässt diese Tragödie nicht los

Getötet wurden außerdem ein Kollege aus dem damaligen Jugoslawien und mosambikanische Mitarbeiter. In diesem Dezember ist das 35 Jahre her. Aber Manfred Grunewald lässt diese Tragödie nicht los. Unaufgeklärt und ungesühnt, bis heute. Und nahezu vergessen.

Er kannte sie alle, Wolfgang Smardz und er waren enge Berufskollegen, Freunde. Manfred Grunewald saß in jener Interflugmaschine, die am 9. Dezember die Särge mit den Toten nach Berlin brachte.

Zusammen mit den Ehefrauen der Getöteten und ihren Kindern. Auch er gehörte zu den DDR-Fachleuten, die in der nordmosambikanischen Provinz Niassa halfen, eine Staatsfarm aufzubauen. Eine von insgesamt sechs in Mosambik. Sie hatten, erzählt er, in Unango schnell geholfen, den Hunger der Menschen zu bekämpfen.

Auch Wohnungen und Brunnen wurden gebaut

Mit einer Herde von Zebu-Rindern, Hühnern, Enten und Ziegen, Gänsen. Maisfeldern und Äckern, auf denen Auberginen, Bohnen, Gurken, Ananas, Maniok und Süßkartoffeln wuchsen. Alles auf gerodeter Savanne, 1500 Hektar. Etwa 500 Mosambikaner arbeiteten dort und wurden gleichzeitig ausgebildet, um die Flächen später aus eigener Kraft bewirtschaften zu können. Auch Wohnungen und Brunnen wurden gebaut.

Das Großprojekt ging auf einen Vertag zurück, den die DDR-Führung mit der regierenden sozialistischen Frelimo-Partei 1979 schloss. Natürlich verfolgten die DDR und andere Staaten des Sozialismus mit dieser Unterstützung auch politische Ziele. Es waren die Achtzigerjahre, und es ging um Einflusssphären und Interessen, um Ost und West.

Doch so sahen sie es in Niassa nicht. „Wir sahen die Not und wie die einstige Savanne mit unserer Hilfe viele Menschen in Lohn und Brot brachte“, sagt Manfred Grunewald. Das Wort Entwicklungshelfer gehörte damals nicht zum gängigen Vokabular, doch so betrachteten sie sich. Als er gefragt wurde, musste er nicht lange nachdenken. Er lernte tropische Landwirtschaft und Portugiesisch, im Januar 1984 kam er in Mosambik an.

Manfred Grunewald: „Wir fühlten uns im Norden sicher.“

Es herrschte nicht nur Mangel an allem und vielerorts Hunger, ein Bürgerkrieg zerrüttete das Land, zunächst in einigen Provinzteilen, später überall. Die regierende Frelimo-Partei wurde von gegnerischen Renamo-Gruppen bekämpft, armiert vor allem von der damals in Südafrika herrschenden Apartheid-Regierung.

„Doch wir“, erinnert sich Manfred Grunewald, „fühlten uns im Norden sicher.“ Viele Kollegen hatten sogar ihre Kinder mit, für sie gab es zwei Lehrerinnen. Sie wohnten in der Provinzhauptstadt Lichinga, ganz nah am Alltag der Menschen dort.

Jeden Morgen um fünf Uhr setzte sich ein Fahrzeugtross zur 60 Kilometer entfernten Farm in Bewegung. Anfangs unbewaffnet, ab September 1984 kam ein mosambikanischer Begleitschutz dazu. Einfache Karabiner und Kalaschnikows, mehr Ausrüstung hatten die Männer nicht.

Auf einer dieser Fahrten, am 6. Dezember 1984, überfielen bewaffnete Männer den Tross. Dass es sich um Renamo-Leute handelte, bezweifelte niemand in der Provinz. Es war kein Gefecht, es war eine regelrechte Hinrichtung. So beschrieb es ihm später einer der Überlebenden, der als einziger Deutscher auf dem Boden kriechend entkommen konnte.

Mit den Toten, mit Frauen und Kindern zurück nach Hause

Dass Manfred Grunewald an jenem Morgen nicht in einem der Fahrzeuge saß, verdankt er einem Zufall: Er war in der Hauptstadt Maputo, unterwegs in den Heimaturlaub. Stattdessen flog er zurück nach Lichinga. Und zwei Tage später mit den Toten, mit Frauen und Kindern zurück nach Hause.

Dort hatte die abendliche „Aktuelle Kamera“ bereits von dem Überfall berichtet. Die kommenden Wochen, die eigentlich ein unbeschwerter Urlaub über Weihnachten und Neujahr sein sollten, wurden zur schwersten Zeit seines Lebens. Er fuhr zu fast jeder Beerdigung.

Kurze Zeit später verließen alle DDR-Entwicklungshelfer Mosambik. Auch andere Länder wie China, Rumänien, Italien, Norwegen, Schweden und Portugal zogen ihre Fachleute ab. Ein schwerer Verlust für die Menschen, denen die verschiedenen Projekte halfen. Und eine schwere Niederlage für die regierende Frelimo-Partei.

War dies das eigentliche Ziel des Anschlags? Wenn ja, wer waren die Auftraggeber?

Lediglich einen Bericht an den „VEB Fortschritt Landmaschinenbau“

Antworten darauf gibt es bis heute nicht. Von Polizei oder Staatssicherheit, sagt Manfred Grunewald, wurde er damals nicht befragt. Er schrieb lediglich einen Bericht an den „VEB Fortschritt Landmaschinenbau“, den Betrieb, der ihn und andere Kollegen nach Mosambik geschickt hatte.

Dann geschah lange Zeit nichts. Zur Geheimhaltung, versichert er, hatte ihn niemand verpflichtet. Manfred Grunewald begann als Buchhalter zu arbeiten, versuchte irgendwie klarzukommen mit seinen Erinnerungen. Und auch mit diesem nicht einfachen Gedanken: Ich habe überlebt, die anderen mussten sterben.

Die Wende kam, und eigentlich hatte Manfred Grunewald geglaubt, dass sich die Behörden des vereinigten Deutschland für die Hintergründe der Morde an deutschen Fachleuten in Mosambik interessieren würden. Aber niemand fragte.

„Ich will wissen, warum sie, die nur friedliche Hilfe leisteten, sterben mussten.“

2007, nachdem ein Team des MDR die Ereignisse dokumentarisch aufarbeitete, kam Manfred Grunewald auf den Gedanken, selbst Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Gera zu erstatten. „Es waren“, sagt er, „schließlich meine Kollegen. Und ich will wissen, warum sie, die nur friedliche Hilfe leisteten, sterben mussten.“ Im Auftrag der Staatsanwaltschaft wurde er vom Landeskriminalamt Thüringen befragt. Doch aufgeklärt wurde wieder nichts. Später teilte ihm die Staatsanwaltschaft mit, dass die Angelegenheit an die Behörden in Maputo übergeben wurde.

Vor zehn Jahren war Manfred Grunewald gemeinsam mit anderen einstigen Kollegen noch einmal in Unango. Von der Großfarm sind nur ein paar Felder geblieben. Und die Erinnerung. Die Kollegen von damals sprechen noch heute mit Hochachtung von den Helfern aus der DDR. An der Stelle des Überfalls erinnert heute ein Stein an die Toten.

Manfred Grunewald kann sich nicht damit abfinden, dass ihr Tod unaufgeklärt bleiben soll. In Mosambik nicht, wo es nach dem Friedensschluss 1992 eine allgemeine Amnestie für Verbrechen im Bürgerkrieg gab. Weil es ohne Versöhnung keinen Neuanfang geben konnte. In Deutschland nicht, wo die Behörden ganz offensichtlich zu wenig Interesse haben, um auf eine Aufklärung zu dringen. „Was ich noch tun kann“, sagt er, „ist die Erinnerung am Leben zu halten.“

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