„Neue Ideen“: Marta Doehler-Behzadi über die Verweltlichung der Kirche

Weimar  Um Kirchen in Zeiten schwindender Mitgliederzahlen wieder mit Leben zu füllen, diskutiert die Evangelische Kirche Mitteldeutschland (EKM) derzeit die Mischnutzung ihrer Gotteshäuser. Marta Doehler-Behzadi erklärt die Strategiesuche.

Marta Doehler-Behzadi ist Geschäftsführerin der Internationalen Bauausstellung Thüringen, die die Evangelische Kirchebei ihrem Ideenaufruf "Stadtland: Kirche - Querdenker für Thüringen 2017" unterstützt. Foto: Peter Michaelis

Marta Doehler-Behzadi ist Geschäftsführerin der Internationalen Bauausstellung Thüringen, die die Evangelische Kirchebei ihrem Ideenaufruf "Stadtland: Kirche - Querdenker für Thüringen 2017" unterstützt. Foto: Peter Michaelis

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Seit Februar sucht sie deshalb mit der Internationalen Bauausstellung Thüringen (IBA) Querdenker mit innovativen Ideen. OTZ hat das Projekt in den vergangenen Wochen begleitet und vier Ostthüringer Kirchen vorgestellt. Zum Abschluss der Serie "OTZ - Wir lassen die Kirche im Dorf" fragen wir Marta Doehler-Behzadi, Geschäftsführerin der IBA Thüringen, nach dem Stand des Projekts.

Frau Doehler-Behzadi, wie steht es derzeit um den Querdenker-Ideenaufruf?

Momentan sind wir auf Strategiesuche.

Das müssen Sie uns genauer erklären. Der Wettbewerb läuft ja bereits eine Weile.

Das stimmt. Und seit Beginn sind etwa 105 Videos und 187 sonstige Ideen bei der EKM eingegangen. Von Hochschulen erwarten wir noch etwa 100 weitere. Wir freuen uns über diese Fülle. Gleichzeitig aber ist die Vielzahl eine Herausforderung, mit der es nun umzugehen gilt. In den letzten Monaten sind wir viel gereist. Und es ist schon etwas anderes, diese fast 2000 Kirchen selbst zu sehen und die kleinteilige Struktur zu erleben, als sie nur vom Plan zu lesen. Das ist ein großer Reichtum.

Der aber nicht mehr bezahlt werden kann, weil es an Mitgliedern fehlt...

Richtig. Kleinste Dörfer mit zwei Kirchen und nur 60 Einwohnern, von denen vielleicht noch sechs in die Kirche gehen. Was machen wir damit? Glücklicherweise gibt es da auch die vielen engagierten Leute. Deren Ideen müssen nun gesichtet werden, welche zu verfolgen sind.

Gibt es bei den Ideen bereits erkennbare Tendenzen?

Gute Frage. Ich glaube nicht, dass es die eine Antwort auf die Frage gibt, die der Querdenker-Aufruf stellt. Aber das hat sicher auch niemand erwartet. Die Vielschichtigkeit der Antworten schlägt sich daher auch in den Beiträgen nieder. Wir haben beispielsweise viele Ideen jenseits von konkreten Standorten, die wichtig und naheliegend sind. Tolle Ideen wie eine Hochzeitskirche mit angeschlossenem Standesamt, da könnte man meiner Meinung nach auch ohne IBA einfach sofort loslegen.

Was lässt sich noch erkennen?

Der Ideenwettbewerb hat schon heute sein Ziel erreicht, den Kopf freizumachen für neue Ideen. Wenn Kirchen beispielsweise Gemeindezentrum sein wollen, warum dann nicht auch mit weltlichen Funktionen wie einem angeschlossenen Paketzentrum oder dem Verkaufsraum für regionale Produkte. Das macht die Sache auch deshalb spannend, weil es dann auch Menschen in die Kirche zieht, die nicht christlich gebunden sind. Denn auch sie würden das Gebäude vermissen, wenn es nicht mehr da wäre.

Gab es auch kuriose Ideen?

Nennen wir sie lieber künstlerisch. Mir fällt dafür unter anderem eine Biotop-Kirche ein. Diese Idee unterstützt eine Öffnung der Kirche für Pflanzen- und Tiere. Für Fledermaus und Turmfalke könnten im Gebäude ja leicht entsprechende Lebensbedingungen geschaffen werden. Ähnliches gilt für die Bienenkirche. Dann erinnere ich mich noch an eine Wellness-Kirche. Die Kirche als ein Ort der Gesundheit also, was ja gar nicht so weit weg ist vom spirituellen Gehalt. Natürlich waren da auch solche Ideen, die zweifellos Diskussionen auslösen werden.

Haben sie ein Beispiel?

In einem eingereichten Film wurden statt der Wetterfahne auf der Kirche wechselweise ein Supermarktzeichen, ein Tankstellenlogo, die Wimpelkette eines Kindergartens und ein Halbmond gezeigt. So etwas wird Fragen aufwerfen.

Was halten Sie von solchen Ideen?

Wir müssen nicht um jeden Preis provozieren, andererseits verändert sich unsere Welt nun mal und einen Zuzug gibt es auch. Nehmen Sie die Hagia Sophia in Istanbul. Auch das war einmal eine christliche Kirche, die heute eine Moschee ist. Vielleicht sollten wir also etwas entspannter mit diesem Thema umgehen, das derzeit sehr unentspannt diskutiert wird.

Wie wird die IBA mit solchen Diskussionen umgehen?

Wir werden während der Ausstellungszeit übers Land fahren und sie führen. (Anm. d. Red.: Von Mai bis November 2017 werden alle eingereichten Vorschläge in einer Ausstellung in der Kaufmannskirche Erfurt gezeigt.) Der Querdenker-Wettbewerb heißt schließlich auch so, weil wir uns gestatten wollen, erst einmal quer zu denken und andere Gedanken überhaupt zuzulassen. Da wir die Kirchen nicht abreißen möchten, haben wir viel Platz für Experimente. Und auch wenn einige Ideen vielleicht nicht umgesetzt werden können, setzen sie womöglich etwas in Gang.

Apropos in Gang setzen: Die IBA möchte die fünf besten Ideen baulich umsetzen. Haben sie bereits Favoriten?

Die gibt es noch nicht. Selbst wenn, dürfte ich nichts verraten. Nur so viel: Fünf Projekte sind das, was wir bis 2023 leisten möchten. Das ist aber nur eine ungefähre Zahl. Wenn ein weiterer Vorschlag wirklich gut ist, könnten es auch sechs werden.

Nach welchen Kriterien werden die Projekte ausgewählt?

Die eingereichten Ideen sollten wirklich innovativ und in ihrer Gestaltung exzellent sein. Darüber hinaus sollten sie etwas Neues schaffen und den Anspruch der Nachhaltigkeit erfüllen. Wir streben Projekte an, die Bestand haben und weltoffen sind, die man aber gut mit Thüringen verheiraten kann.

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