Ökumenische Akademie Gera will die verbindenden Kräfte stärken

Gera  Das will die Ökumenische Akademie Gera sagt im Interview Leiter Frank Hiddemann vor seiner Einführung

Pfarrer Frank Hiddemann aus Gera wird am 28. Januar als Leiter der Ökumenischen Akademie Gera eingeführt

Pfarrer Frank Hiddemann aus Gera wird am 28. Januar als Leiter der Ökumenischen Akademie Gera eingeführt

Foto: Sylvia Eigenrauch

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Am Sonntag, dem 28. Januar um 17 Uhr soll der promovierte Pfarrer Frank Hiddemann als Leiter der Ökumenischen Akademie Gera in der Kirche St. Marien in Untermhaus eingeführt werden. Wir sprachen mit ihm.

Die Ökumenische Akademie wird am Wochenende neu belebt. Waren Sie der Motor?

Ich bin Diakoniepfarrer geworden, weil ich mehr der Pfarrer für die Kirchenfernen bin. Als Regionalstellenleiter der Evangelischen Erwachsenenbildung bin ich zugleich der, bei dem sich alle Bildungsarbeit vorstellen können. Zwölf Jahre Akademie in Neudietendorf liegen hinter mir. Dann mit voller Absicht und Genuss auch Gemeindepfarrer. Das ist das Sichtbare. Ich lebe das Modell der alten Ökumenischen Akademie weiter.

Wann gab es sie in Gera schon einmal?

Von 1994 bis 1998. Trotz der Kürze existiert eine lebendige Erinnerung. Der evangelische Schulpfarrer Gunnar Berndsen war der Leiter und nutzte damals die Infrastruktur der katholischen Kirche.

Wird das wieder so sein?

Zu meiner Überraschung gibt es viele Unterstützer. Die Diakonie, die Evangelische Erwachsenenbildung, die Kirchenkreise Altenburger Land und Gera und die katholische Kirche gehören dazu. Letzteres stellt eine Verwaltungskraft für einen Tag in der Woche und Sachmittel. Außerdem gibt es Fördergelder aus dem Bundesprogramm Demokratie leben und von politischen Stiftungen.

Sind Sie nicht mehr Pfarrer?

Doch. Sehr gerne sogar. Ich behalte die halbe Stelle in der Gemeinde Untermhaus. In St. Salvator habe ich mich Mitte 2017 verabschiedet. Zur anderen Hälfte bin ich Akademieleiter. Deren Finanzierung ist sehr fragil und zunächst für zwei Jahre. In der Zeit will ich erreichen, dass die Akademie Leute zieht und sich nicht mehr wegdenken lässt.

Wen will die Akademie bewegen und was erreichen?

In Gera braucht es weniger Frustration, weniger Quengeln, mehr ein Kräfte bündeln. Diese verbindenden Kräfte wollen wir mit unseren Angeboten stärken.

Warum machen sich die Kirchen an diese Aufgaben?

Kirche ist nicht nur spirituelle Heimat, sie handelt auch. Die Akademie versucht, die Gesellschaft zu verändern, besser mit Problemen umzugehen. Kirchen sind der dritte Ort, wenn es zwei Streithähne gibt.

In welche Richtung stellen Sie sich Veränderung vor?

Im Moment ist es so, dass große Teile der Gesellschaft ausgeklinkt sind, sich in Neo-Gemeinschaften zurückziehen. Wir Kirchen wollen versöhnend wirken. Dazu müssen wir uns auch die Hände schmutzig machen und in Grauzonen politischen Handelns begeben. Nur so können wir abdriftende Gruppen halten und Versöhnung leben.

Eine siebenteilige Veranstaltungsreihe zu den Politikfeldern der AfD macht den Anfang. Warum? Weil diese Partei uns den Riss in der Gesellschaft sehr deutlich macht?

Ja. Das ist mein tägliches Erleben. Ich treffe auf Leute, die schweigen oder heftige Thesen vertreten. Vor einiger Zeit war ich sehr schockiert, als ich Ergebnisse einer Untersuchung über rechtspopulistische Einstellungen unter Christen las. Sie sollen unter ihnen stärker als in der übrigen Gesellschaft verbreitet sein. Da höre ich beispielsweise von der Umvolkung am Sachsenplatz, weiß aber von der selben Person, dass zu ihrem Freundeskreis Flüchtlinge gehören. Wir wollen endlich ins Gespräch kommen, um das Auseinanderdriften zu verhindern. Dabei versuchen wir Sprech- und Kommunikationsverbote hinter uns zu lassen, Auseinandersetzung zu kultivieren. Ich glaube, dass die Veranstaltungen rational und rituell dem gerecht werden. Das ist riskant und wir können auch verlieren. Aber erst wenn wir auf der Basis von Argumenten miteinander reden, können wir Emotionen rausnehmen und sie andererseits in Energie umwandeln, um Lösungen zu finden. Für mich ist der Sachsenplatz ein Gewinn.

Wie kann Kirche als Ort der Veranstaltung helfen?

Wir sind der neutrale Ort. Hier kann jeder auch von sich selbst Abstand nehmen und seine Einstellung überdenken. Wir müssen reden. Ich will den Leuten das Gefühl geben, dass sie in den Worten, die sie sprechen, auch selbst vorkommen. Das ist urprotestantisch. Die Gewalt des Schweigens und des Ausgrenzens ist auch Gewalt und wird nicht funktionieren.

Laden Sie AfD-Mitglieder ein?

Ja. Zunächst wird jedes Mal ein Soziologe oder Politologe das Politikfeld und die Probleme die jetzt gelöst werden müssen, beschreiben. Danach moderiere ich ein Gespräch zwischen politischen Antagonisten. Im Anschluss unterzieht der Experte die darin gemachten Aussagen einem Faktencheck. Wen wir einladen, habe ich mit den Teilnehmern am Workshop des Stadtjugendrings „Mit Rechten reden“ besprochen.

Warum wählen Sie den Einstieg in die Reihe mit dem Thema Lügenpresse?

Das ist das Zentrale. Viele Leute distanzieren sich aus der dargestellten Gesellschaft in den Medien. Wenn es größere Repräsentanz der wirklichen Meinung gäbe, wäre das nicht passiert.

Was wollen Sie nach den sieben Abenden erreicht haben?

Ich will der Abgrenzung die Kraft nehmen. Sie entzaubern. Das ist riskant und der Ausgang ist offen.

Darüber hinaus planen Sie vier kulinarisch-liturgische Nachmittage zu Christen in Nahost, die Akademie am Vormittag und die Akademie unterwegs. Was verbirgt sich dahinter und wer sind die Mitstreiter?

Die Nahost-Reihe erzählt, dass 20 Prozent der Flüchtlinge, die bei uns wohnen, Christen sind und setzt auf Kooperation mit Claudia Rammelt und Pfarrer Christian Kurzke. Die Vormittagsreihe wendet sich an Leute, die in den Ruhestand gehen, Brüche akzeptieren und aktiv sein wollen. Hier unterstützen Andrea Dietrich und ­Martina Czaja. Die Akademie unterwegs meint auch Radtouren mit Friedrich Franke. Er ist Kreisvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs und die Verbindung zur Stadtgemeinde. Auch Wanderungen für Menschen die die Kirche interessant finden, stelle ich mir vor. Regina Sterna vom Alpenverein bereitet diese für uns vor.

Sie unterbreiten ein großes Angebot. Gibt es die Menschen, die darauf warten?

Ich bin sehr unsicher. Ich habe die Kulturhauptstadt-Debatte verfolgt und weiß, dass es viel Frust in der Stadt gibt. An der Redekultur in Gera zu arbeiten, sehe ich als etwas ganz Wichtiges an. Aber inwieweit das Leute annehmen, weiß ich nicht. Es kann auch sein, dass ich allein dasitze. Unser Programm hat ein provokantes Zentrum, das viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann, um klein zu beginnen.

Der Gottesdienst zur Einführung des Leiters der Ökumenischen Akademie mit Superintendent Andreas Görbert und Dekan Klaus Schreiter beginnt am Sonntag um 17 Uhr in St. Marien am Mohrenplatz. Die Predigt hält Frank Hiddemann.

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