900 Jahre Probstzella

Mit Sportfest, Feuerwehrauscheid und großem Festumzug erreichen die Feiern am zweiten Juni in Probstzella ihren Höhepunkt im Jubiläumsjahr.

Die Bahnhofstraße in Probszella mit dem „Haus des Volkes“ am Hang. Foto: Angelika Bohn

Die Bahnhofstraße in Probszella mit dem „Haus des Volkes“ am Hang. Foto: Angelika Bohn

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Die Quelle der Loquitz liegt auf 630 Metern Höhe unterhalb des Wetzsteins, höchster Berg des Thüringer Schiefergebirges. Nach dem ersten Drittel ihrer Reise Richtung Saale nimmt sie einen linken Nebenfluss auf, die Zopte. Am Zusammenfluss bauen vor 900 Jahren in absoluter Waldeinsamkeit Benediktiner aus Saalfeld ein hölzernes Bethaus. In den dichten Wäldern ringsum leben verstreut slawische Siedler, um deren Seelenheil sie sich sorgen. Die Benediktiner sind erfolgreich. Ihr Rodungsrecht zieht Kolonisten an. Aus Wald wird Ackerland. Der 1225 erwähnte Probst von Zella besitzt Güter in über 40 Orten. Die Probstei ist nun ein burgähnlicher Bau.

An der Tradition festhalten

Das Gründungsdatum der Mönchszelle 1116 lässt sich nicht genau belegen, auch Spuren der Probstei Zella gibt es nicht mehr, erzählt Anja Scheidig. Sie ist der gute Geist von Probstzella, stellt sie Karen Fiebig, zuständig für Kultur und Tourismus in der 20 Ortsteile zählenden Verwaltungsgemeinschaft Schiefergebirge mit Sitz in Probstzella vor. Die beiden sind das Organisationsteam für den Festumzug.

Dass Probstzella in diesem Jahr feiert, ist eine Frage der Tradition. Die beginnt 1966 (850 Jahre) und wird 1991 fortgesetzt. Daran will man festhalten, schreibt Bürgermeister Mechtold im Programm zum Festjahr. Ein Jahr Feste, Feiern, Märkte, Vorträge, Wanderungen, Puppenspiel, Konzerte bis zum Kirchweihgottesdienst am 30. Oktober. Höhepunkt wird der Festumzug. Die beiden Frauen sind dabei, sich auf den besten Standort für die Tribüne zu einigen, an der die bebilderte Ortsgeschichte am 12. Juni vorbeiziehen wird.

226 Einwohner, sagt die Statistik, leben in Deutschland pro Quadratkilometer. Im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt sind es 106, in Probstzella 41. Der demografische Wandel hat um den Ort keinen Bogen gemacht. Die Jungen sind weggegangen, die Alten mehr und mehr pflegebedürftig. Die Mittelalten fahren zur Arbeit über den Berg in die bayerischen Glasfabriken. Einige Mittelständler bieten Arbeit im Ort. Zwei Hände reichen, um an einem Wochentag die Menschen im Ortskern zu zählen, eine für die Autos auf dem Norma-Parkplatz am Bahnhof. Hier stand bis Anfang 2009 das Gebäude der Kontrollstelle der deutsch-deutschen Grenzübergangsstelle. „Güst“ sagen die Zellaer noch heute. 20 Millionen Bahnreisende haben zwischen 1949 und 1990 hier ihre Personaldokumente vorgewiesen und den Inhalt ihrer Koffer gezeigt, während draußen Hunde die Züge absuchten. Ebenso durchsucht wurde jeder Güterzug nach Versteckten. Die Güst war 2008 die letzte erhaltene ihrer Art. Mit bis zu 150 Besuchern pro Tag, hat der Publizist Roman Grafe prognostiziert, hätte Probstzella rechnen können, wäre die Güst zum Museum umgebaut worden. Bis der Abrissbagger kam, hat Grafe versucht, vom Ministerpräsidenten bis zum Denkmalschutz Verbündete für den Erhalt des Gebäudes zu finden. Erfolglos. Das 2010 von Roman Grafe im Auftrag der Geschichtswerkstatt Jena gestaltete Güst-Museum hat seinen Platz im historischen Bahnhof und ist Mittwoch, Sonnabend und Sonntag von 13 bis 16 Uhr geöffnet.

Hinterm Ort beginnt der Eiserne Vorhang

Von sich reden macht das Museum zuletzt im Juni 2012. Fotografen, Reporter und Kamerateams berichten vom Zusammentreffen von zwei Schulklassen mit Roland Jahn. Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes war 29 Jahre zuvor in Knebelketten von einem Stasi-Kommando zum Grenzbahnhof Probstzella gebracht und in das letzte Abteil des nächsten Interzonenzugs nach Bayern eingeschlossen worden. Hundert Leute hatte die Stasi an der Strecke postiert, falls Jahn die Notbremse zieht und aus dem Zug springt, erzählt Roman Grafe den Schülern. „Diktaturen muss man nicht schlechtmachen – sie sind schlecht“, sagt er. Zehn Jahre hat Grafe in Probstzella Fakten gesammelt für seine Chronik „Die Grenze durch Deutschland“ (Siedler, 2002), hat Archive durchforstet, Flüchtlinge, Grenzer und Bewohner interviewt.

1945 ist Probstzella nicht mehr einfach ein Ort an der viel befahrenen Bahnstrecke Berlin-München. Wenige Meter hinter dem Ortsausgang endet nun die sowjetisch besetzte Zone und die amerikanisch besetzte beginnt. 1949 teilt hinter Probstzella ein Eiserner Vorhang zwei Staaten. Probstzella wird Sperrgebiet. Unten, wo die Sormitz in die Loquitz fließt, wird ein Kontrollpunkt errichtet. Ohne Passierschein kommt keiner in den Ort. „Feindliche Elemente“ werden ausgesiedelt.

Die jüngere Geschichte Probstzellas ist für Roman Grafe ein Lebensthema. Und der Ort hat nicht nur das Grenzregime, sondern etwas zu bieten, das außer einigen Bauhausexperten bis 1990 kaum bekannt ist: das „Haus des Volkes“, monumentales Zeugnis wirtschaftlichen Pioniergeistes und sozial engagiertem Unternehmertums.

Franz Itting heißt der Mann, der 1909 in Probstzella ein Elektrizitätswerk baut, das die Orte und Dörfer ringsum mit Strom versorgt. Itting wird reich, aber der in Saalfeld geborene Unternehmer ist Sozialdemokrat. Er will den einfachen Leuten etwas zurück geben. Er will ihnen ein großes Kulturhaus schenken. Itting engagiert den Saalfelder Architekten Klapprodt. Er beginnt, am Hang gegenüber dem Bahnhof über den kleinen, Schiefer gedeckten Häusern ein riesiges Gebäude mit kräftigem Walmdach und einer Laterne zu bauen. Zu dieser Zeit studiert Ittings Sohn am Bauhaus in Weimar. Gotthard Itting macht den Vater mit dem Bauhaus-Schüler und -Meister Alfred Arndt bekannt. Sie überzeugen Itting, dass Arndt den angefangenen Bau im Sinne des Bauhauses umgestaltet und weiterführt. So schafft Arndt das größte Bauhausobjekt Thüringens mit Kino, Festsälen, Theater, Restaurant, Café, Parkanlage, Sportanlagen und Hotel. Nur vom Hang der anderen Talseite ist das Gebäude in seiner Größe zu sehen.

Die Roten verjagen den „Rote Itting“

Probstzella erlebt ab Mitte der 20er Jahre eine Zeit des Aufbruchs. Sommerfrischler und Touristen kommen. Die Bahn bringt Waren und transportiert die Produkte der Region in alle Welt. Noch 1921 hatte man aus Not den wertvollen Marienaltar der Kirche nach Eisenach ans Museum verkaufen müssen. Die Figuren aus Lindenholz wurden um 1510 in der Werkstatt von Hans Gottwalt von Lohr, einem Schüler Tilman Riemenschneiders, geschnitzt und bemalt. Vor dunkelbraunem Hintergrund in einem vergoldeten Strahlenkranz steht die Madonna, neben ihr die Heilige Katharina und Barbara. Ihre Mäntel sind vergoldet und blau gefüttert. Die Untergewänder sind in Rot und Silber gehalten. Versilbert ist auch die Mondsichel, auf der Maria steht. Ein Werk von großer, anrührender Schönheit und unschätzbarem Wert.

Vom Aufschwung profitiert Probstzella, bis es isoliert ist. Für den Industriepionier Itting aber ist hier schon 1933 alles vorbei. Der „Rote Itting“ wird von den Nazis ins KZ gesperrt. 1948 wird er von anderen Roten enteignet und erneut eingesperrt. Itting flüchtet ins nahe Ludwigsstadt und fängt mit 75 wieder von vorne an. Bis kurz vor seinem Tod 1967 schaut er in der Werkstatt nach dem Rechten. Seit 2014 gibt es im „Haus des Volkes“, heute Bauhaushotel Probstzella, ein von Roman Grafe konzipiertes Franz-Itting-Museum.

15 Kilometer sind es von hier bis zum Rennsteig, knapp sechs Kilometer bis zum Grenzturm auf dem Hopfberg, für den man sich zuvor den Schlüssel in der Gemeindeverwaltung holen kann. Auf einer Länge von 60 Kilometern führt der Schieferpfad von Probstzella über Lehesten und das fränkische Ludwigsstadt nach Gräfenthal und zurück. Zwölf Kilometer sind es bis zur Burg Lauenstein, der Loquitzradweg und der Lutherweg queren den Ort. Im Bahnhof erzählt eine neue, zweite Ausstellung die Geschichte, wie die Eisenbahn einst bescheidenen Wohlstand ins Thüringer Schiefergebirge brachte.

Wer in dieser malerischen Mittelgebirgslandschaft wandern will und Ruhe sucht, muss die Zeit nutzen. Noch ist wegen Ausbaus der Strecke der Schnell- und Güterverkehr eingestellt. Kein Intercity rauscht durchs Tal. Neben der alten Rheintaltrasse zählt die Fahrt von Saalfeld nach Nürnberg für Eisenbahnfreunde zu den schönsten Zugverbindungen Deutschlands. Sie schwärmen, wie der Schnellzug mit Tempo 90 die Frankenwaldrampe überwindet und sich in unzählige Kurven legt. Von Lichtenfels (270 Meter Höhe) über Steinbach am Wald (594 Meter Höhe) hinunter nach Saalfeld – nur Achterbahnfahren ist schöner und das Aussteigen in Probstzella gänzlich unbeschwert.

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