Aktion Wandlungswelten: Familie da, wo sie manchmal fehlt

Jena  Der Jenaer Verein „Aktion Wandlungswelten“ bietet hilfebedürftigen Menschen die Möglichkeit, vorübergehend in Gastfamilien zu leben. So wie der junge Student Markus Bartel in Wöllnitz.

Dieter Mäs und seine Partnerin Martina Dittmar aus Jena-Wöllnitz haben Markus Barthel bei sich aufgenommen. Der 22-jährige Chemiestudent und im eigenen Zimmer mit Bad fühlt er sich sehr wohl. Foto: Robin Kraska

Dieter Mäs und seine Partnerin Martina Dittmar aus Jena-Wöllnitz haben Markus Barthel bei sich aufgenommen. Der 22-jährige Chemiestudent und im eigenen Zimmer mit Bad fühlt er sich sehr wohl. Foto: Robin Kraska

Foto: zgt

Das Prinzip des Betreuten Wohnens in Familien ist schnell zusammengefasst: Erwachsene aller Altersklassen, die eine seelische oder geistige Beeinträchtigung haben, kommen für eine bestimmte Zeitspanne bei Gastfamilien unter. Diese Familie auf Zeit bindet ihren Gast in ihren Alltag ein und lässt ihn am Familienleben teilhaben – für manche das erste Mal, dass sie familiäre Strukturen und Geborgenheit kennelernen. Und für manche eine Alternative zu Klinik oder Heim.

Anderswelt Autismus: Formeln, ein Kinderspiel

Einer der aktuell 41 Menschen, die in Thüringen auf diese Weise betreut werden, ist Markus Barthel aus Erfurt, 22 Jahre alt. ­Ein junger Mann mit Brille, Kapuzenpulli und roter Wuschelfrisur; waschechter Studententypus. Seine Beeinträchtigung sieht man ihm nicht an: Markus ist Autist. Er hat Schwierigkeiten in der Kommunikation mit Anderen, auf Menschen zuzugehen fällt ihm nicht leicht. Doch er hat überragende analytische Fähigkeiten und „ein unglaubliches Gedächtnis“, wie Dieter Mäs berichtet. Gaben, die ihm bei seinem Chemiestudium zugute kommen.

Dieter Mäs und seine Lebensgefährtin Martina Dittmar haben Markus vor drei Jahren in ihr Eigenheim in Wöllnitz aufgenommen, als dieser für sein Studium nach Jena zog. Den Kontakt zur „Aktion Wandlungswelten“ stellte seine Mutter her, mit der er bis dato zusammenlebte.

Bis zu diesem Zeitpunkt beherbergte die Patchworkfamilie, wie Martina Dittmar sagt, schon zwei andere Bewohner im selben Programm. „Nachdem unsere Kinder aus dem großen Haus ausgezogen waren, überlegten wir: Was mit dem ganzen Platz anstellen?“, erinnert sich Mäs. In der Anbauwohnung pflegten sie zunächst seinen Vater, danach eine Tante, später vermieteten sie die Wohnung, ­2013 kam dann Markus. „Wir sehen ihn nicht als jungen Mann, der irgend ein Problem hat, sondern einfach als tollen Studenten, der richtig was auf dem Kasten hat“, sagt das Paar stolz. Als­ in einer Quizshow die Millionenfrage nach der Zusammensetzung der DNS gestellt wurde – Markus wusste die Antwort sofort. Dieter Mäs und Markus besprechen etwas – Markus erinnert sich noch zwei Jahre später an den Moment.

Gegenseitig voneinander lernen und profitieren

Unterstützung für ihr Engagement bekommt die Familie durch Kristina Pommer und Christiane Sachse, Sozialarbeiterinnen bei der „Aktion Wandlungswelten“. Ein Grundsatz ihrer Arbeit: Typisch gibt‘s nicht. „Die Bandbreite der Betreuten, wie auch der Gastfamilien ist groß“, sagt Projektleiterin Pommer. Neben älteren Paaren, wie Dieter Mäs und Martina Dittmar, gibt es auch junge Familien mit kleineren Kindern sowie Alleinstehende, die mitmachen. „Hauptsache ist, dass die Gastgeber den Betreuten voll in ihren Alltag integrieren und ihn als vollwertiges Mitglied anerkennen“, betont Sachse.

Die Eignung auf beiden Seiten wird in persönlichen Gesprächen sowie einem verpflichtenden Probewohnen herausgefunden. „Das Kennenlernen ist äußerst wichtig“, sagt sie weiter. Neben all den vielen Erfolgsgeschichten, käme es eben doch manchmal vor, dass­ die Chemie nicht stimme und Betreuungen gar abgebrochen werden müssten. „Die Ausnahme“, sagen die beiden­ Sozialarbeiterinnen.

Alle Gastgeber sind grundsätzlich Laien; eine intensive Vorbereitung vor und Betreuung während der Betreuungsphase ist daher unabdingbar. Dazu gehören ­auch Vor-Ort-Besuche wie an diesem Montagmittag. Markus Barthel ist ein weniger betreuungsintensiver Gast, der am Wochenende selbstständig zu seiner Schwester und seiner Mutter nach Erfurt fährt und auch den Weg zur Vorlesung allein bestreitet. Wenn ihm der Sinn nach Ruhe, langem Lesen oder Lernen oder er sich einfach nur in Formeln und Zahlen verlieren will, zieht er sich in seinen separaten Wohnbereich zurück. „Im Grunde profitieren Markus und die ganze Familie gegenseitig voneinander“, sagen Dieter Mäs und Martina Dittmar,­ die ihren Gast nicht mehr missen mögen.

Während des Gesprächs sagt Markus wenig,­ antwortet jedoch geschliffen, wenn er angesprochen wird. Längst hat er sich in seine Gastfamilie eingelebt. Nur eine Sache war ihm Anfangs nicht ganz geheuer: Konrad, der Irish Setter der Familie. „Der ist manchmal sehr qurilig“, sagt er. Doch inzwischen lümmeln sie gemeinsam auf dem Sofa.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.