Aufzeichnungen über das Erd beben in Mitteldeutschland von 1872

Schmölln  Geschichten aus dem Altenburger Land: Diesmal über das Erd­beben in Mitteldeutschland von 1872, welches Mensch und Tier auch im Altenburger Land spürten.

Seismometer-Ausdruck der Aufzeichnung im Geodymnamischen Observatorium Moxa (Saale-Orla-Kreis) von den Bodenbewegungen während des schweren Erdbebens (Stärke 8,9) in Japan. Die Außenstelle der Friedrich-Schiller-Universität Jena nimmt die Restrierung von Erdbeben in aller Welt vor. Symbolfoto: Peter Cissek

Seismometer-Ausdruck der Aufzeichnung im Geodymnamischen Observatorium Moxa (Saale-Orla-Kreis) von den Bodenbewegungen während des schweren Erdbebens (Stärke 8,9) in Japan. Die Außenstelle der Friedrich-Schiller-Universität Jena nimmt die Restrierung von Erdbeben in aller Welt vor. Symbolfoto: Peter Cissek

Foto: zgt

Der 6. März 1872 war ein sonniger, windstiller Tag, als kurz vor 16 Uhr plötzlich die Erde bebte. Das Beben war in einem weitem Umkreis im Bereich zwischen Frankfurt am Main, Magdeburg und Prag mehrere Sekunden lang zu spüren und versetzte die Menschen in Angst und Schrecken. Sein Zentrum lag in Sachsen, Thüringen und der Oberlausitz, wo die seismische Aktivität sonst eher mäßig ist.

In diesem Gebiet lagen allerdings Orte, von denen keinerlei Erschütterungen gemeldet wurden. Das Beben hatte eine Herdtiefe von etwa zwölf Kilometern und erreichte eine Stärke von ungefähr fünf auf der Richterskala (mittelstark). Dem Ereignis ging seit dem Morgen ein starkes Abfallen der Barometer voraus, das sich nach dem Beben noch weiter fortsetzte.

Dumpfes Grollen und wellenförmige Bewegung

In Schmölln hatte der Postmeister bereits zwei Stunden vorher bemerkt, dass sich die Brief­waage ohne äußeren Anlass heftig bewegte. Kurz vor Beginn wurden schließlich die Hunde ausgesprochen ängstlich.

Zunächst hörten die Menschen im Freien ein dumpfes Grollen, das sie in leichteren Fällen mit einem entfernten Donner oder dem Geräusch eines schnell vorüber fahrenden Wagens verglichen. Bei stärkeren Fällen, wie in Nöbdenitz, wurde das Geräusch mit dem von mehreren schwer beladenen Wagen verglichen, denen die Pferde durchgingen. Dem folgte das eigentliche Erdbeben. Es wurde meist als wellenförmige Bewegung beschrieben oder auf der Erdoberfläche gesehen. An manchen Orten wurde wiederum eher ein Stoß empfunden.

In Beerwalde sahen die Bauern auf dem Feld den Stoß deutlich an den Erlen am Bach und hatten das Gefühl, als sinke das Beet, auf dem diese standen, mit den Bäumen hinab.

Das Gefühl ist von einigen mit dem der Trunkenheit verglichen worden. Zu ebener Erde warf das Beben mancherorts Kinder zu Boden, doch anderenorts hatten Spaziergänger gar nichts wahrgenommen. In Schmölln stürzten zwei Kinderwagen um, so dass die Kinder herausfielen. So mancher erzgebirgische Bergmann glaubte an eine unterirdische Explosion, und die ­Belegschaften fuhren erschrocken aus.

Die Häuser schwankten hin und her. Das Beben war deshalb auch wesentlich stärker in den oberen Etagen der Häuser zu spüren. Dadurch knisterten dort die Tapeten, Pendeluhren schlugen, schlecht sitzende Türen sprangen auf, die Fensterscheiben klirrten oder zersprangen und die Gläser in den Schränken stießen aneinander. An manchen Orten stürzten Öfen ein und die Kirchenglocken fingen durch die Schwingung an zu läuten, zum Beispiel in Gotha.

In Altenburg wurden mehrere Essen, in Nöbdenitz sieben, in Schmölln mehr als dreißig und in Gößnitz zwei Drittel aller Essen beschädigt, wobei manche davon sich merkwürdig gedreht hatten – aber alle in dieselbe Richtung. Ein Teil der Häuser trug durchgehende Risse davon, die meisten in den Südwänden.

In der Pößnecker Porzellanfabrik fiel eine ganze Reihe Porzellanfiguren zu Boden. Auch Uhren blieben stehen – jedoch nur solche, die nord-südlich schwangen, die Richtung, in der nach allgemeiner Aussage das Erdbeben verlief.

In Frauenprießnitz sprang das Deckengewölbe der Kirche und machte eine sofortige Reparatur erforderlich. In Cronschwitz löste sich ein Stück Felswand. Auf der Sorge in Gera wurde ein Mann von dem Beben zu Boden geworfen, einige Einwohner wurden durch herabfallende Ziegel verletzt.

In einer Geraer Drogerie fuhren alle Schubkästen an der Ostwand heraus, die oberen stärker als die unteren. In der Elsteraue barst bei einem neuen Haus die Wand, so dass man nach außen sehen konnte.

Auf der Festung Königstein wankten die sechs Fuß starken Wände. Auch der Wasserspiegel der Elbe soll die Wellenbewegung geteilt haben. In Meißen waren nach dem Beben Risse im Steinpflaster zu erkennen. Der Chemnitzer Türmer versicherte, die Schwankung des Stadtturms sei viel stärker gewesen als bei dem starken Orkan von 1868.

Auch anderswo erlebten die Türmer das Beben besonders stark, zum Beispiel in Waltershausen und auf dem Turm der Paulskirche in Frankfurt am Main. In der sehr hoch gelegenen Bibliothek des Schlosses Osterstein war es kaum möglich, sich aufrecht zu halten. Tausende von Büchern fielen um und lagen auf den Dielen umher.

In der Nähe des Altenburger Schlosses exerzierten Soldaten, welche den Erdstoß sehr deutlich bemerkten. Die Spindel der neuen Kirchturmfahne in Langenberg hatte sich so verbogen, dass die Fahne ganz krumm stand. Ähnliches wurde aus Gößnitz berichtet.

In Posterstein waren die Erschütterungen stärker als in Gera, besonders auf dem anstehenden Felsen. Vom Porphyrberg lösten sich Felsbrocken. Der alte Schlossturm schwankte so sehr, dass die in der Nähe Wohnenden vor Schrecken heulten und kreischten, weil sie meinten, er stürze herab. In den Wänden des alten Schlosses und der Brücke bildeten sich viele Risse, die mit ihrem frischen Bruch durch Mörtel und Steine verliefen.

Im Schlosskeller bröckelte so viel von den Decken herunter, dass mehrere 100 Liter Milch unbrauchbar wurden. Im neuen Schloss wies nach dem Beben ­jedes Zimmer Risse in Decken oder Wänden auf. Im Dorf stürzte eine Gartenmauer ein. Die Tümpel der Sprotte schlugen Wellen. Im Löbichauer Schloss zertrümmerte das Beben eine Menge Glasgegenstände sowie eine ganze Anzahl Arzneiflaschen in der Schlossapotheke. Manche der eingetretenen Bauwerksschäden, zum Beispiel am alten Schloss und der Brücke Posterstein, blieben mehr als 100 Jahre zu sehen oder sind für den aufmerksamen Beobachter sogar noch heute erkennbar.

Sofort nach Ende des Bebens erhob sich ein starker Wind. An vielen Orten liefen entsetzte Menschen auf die Straßen. Nach der ersten Beruhigung schauten sie, ob und welche Schäden eingetreten waren. Die Tiere, besonders die beobachteten Ziervögel und Tauben, beruhigten sich nur langsam.

Im Gessental entstanden auf einer Wiese senkrecht nach oben zwei neue Quellen, die anfangs viel Schlamm hervorbrachten. In den nächsten Wochen nahmen diese auch nicht ab und waren so stark, dass man damit hätte eine Mühle betreiben können. Überhaupt führten alle Bäche im Bereich zwischen Gera und Schmölln plötzlich und anhaltend bedeutend mehr Wasser. In Collis dagegen versiegte eine Quelle und in Mennsdorf und Vollmershain je ein Brunnen. Ein anderer Mennsdorfer Brunnen, der seit Jahren immer weniger Wasser geführt hatte, war plötzlich wieder voll. In Tegkwitz entstand auf einer Wiese unterhalb des Gasthof ­anderthalb Tage nach dem Beben eine schildförmige Erhebung von circa acht Meter Durchmesser und einem halben Meter Höhe.

Ein Kampf zwischen Feuer, Luft und Wasser

Als man den Erdbuckel mit dem Spaten öffnete, strömte eine solche Menge Wasser heraus, dass in kurzer Zeit der ganze Talgrund unter Wasser gesetzt wurde und einem See glich. Die herausströmende Wassermenge wurde auf bis zu 170 Liter pro Minute geschätzt. Das Wasser wurde mit einem Graben dem Bach der benachbarten Mühle als neue Quelle zugeleitet. Die Mühle konnte dank dieses Zuflusses mit doppelter Kraft arbeiten. Auch anderthalb Monate nach dem Beben war noch keine Abnahme der neuen Quelle zu vermerken. Das Wasser hatte einen tintenartigen Geschmack und setzte stark Eisenoxydhydrat ab. Man erklärte diese Quelle damit, dass eine unterschiedlich starke Tonschicht über einer Wasser führenden Kiesschicht gebrochen war, wo sonst die Spannung des Wassers nicht ausgereicht hatte, die Tondecke zu durchbrechen.

Als Ursache für dieses Erdbeben sahen die Zeitgenossen einen Kampf zwischen Feuer, Luft und Wasser an, der in inneren Höhlen und Gängen der Erde stattfinde.

Die Tiefe der Erde berge verschlossene Luft, und wenn diese durch unterirdische Feuer erhitzt und die unterirdischen Wasser teilweise in glühende Dämpfe verwandelt würden, dann durchzuckten diese donnernd das Innere der Erde und suchten sich einen Ausweg. Den Ausgangspunkt eines solchen Kampfes zu finden, sei indes unmöglich.