Demo in Apolda am 6. November 1989 aus Sicht der DDR

Apolda.  Bericht eines DDR-Majors benennt Personen und Zitate und schlägt SED-Kreisleitung Stellungnahme in „Das Volk“ vor

Undatierte Aufnahme aus dem Jahr 1990: Vor einer Post-Filiale im Weimarer Land steht ein Schild, dass zur sofortigen Aburteilung von Honecker, Mielke und der gesamten Stasi auffordert.

Undatierte Aufnahme aus dem Jahr 1990: Vor einer Post-Filiale im Weimarer Land steht ein Schild, dass zur sofortigen Aburteilung von Honecker, Mielke und der gesamten Stasi auffordert.

Foto: TA-Reproduktion: Sascha Margon

Wer hat in Apolda die Wende herbeigeführt? War es der Runde Tisch? War es das alternative Bürgerkomitee? Waren es die Personen, die sich heute damit rühmen? Es gibt viele Fragen, über die zu Beginn der Woche erneut beim Gelben Montag im Glockenstadtmuseum diskutiert und debattiert wurde, als sich Interessierte zum Wendeprojekt „Demokratie einfach machen! Heute vor 30 Jahren“ trafen. Bis zum 17. Mai soll das Projekt abgeschlossen werden. An diesem Tag beginnt die Ausstellung der Projektergebnisse im Stadtmuseum. Auch diese Zeitung beteiligt sich an der Spurensuche und ist über ein interessantes Dokument aus dem Archiv der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) gestolpert.

Verfasst hat den Bericht ein Major S. Er handelt von der Montagsdemonstration am 6. November 1989 in Apolda. Datiert ist der Bericht auf den 7. November. Im Lokalteil des Parteiorgans „Das Volk“ war am Dienstag die Demo in Apolda freilich ohne Erwähnung. Stattdessen wurde am Dienstag von der bereits zurückliegenden Zusammenkunft von Vertretern des Neuen Forums mit SED-Funktionären und Verwaltungsmitgliedern gesprochen, bei der beide Seiten zur Übereinkunft kamen: „Wir erheben keinen Stein!“ – so auch die Überschrift des Artikels.

Staatssicherheit identifiziert Wortführer als ehemaligen Stadtrat in Apolda

Eine „Chinesische Lösung“ wurde bekanntermaßen nicht vollstreckt. Dafür waren die Spitzel des angeschlagenen Regimes umso aktiver und vermutlich zahlreich unter den 12.000 Demonstranten in Apolda. Im Bericht des Majors heißt es: „Die vorliegenden Informationen zeigen, dass am heutigen Tag die Demonstration nachhaltige Wirkungen im Stimmungsbild hinterlassen hat und andere aktuelle Fragen, wie z.B. den Entwurf des Reisegesetzes in den Hintergrund drängen.“

Als Wortführer hätten Augenzeugen an jenem Montag Detlef Zimmer ausgemacht, ein ehemaliges SED-Mitglied, der zu diesem Zeitpunkt wegen seiner wiederholten Kritik am System als Apoldaer Stadtrat „abberufen“ war – durch mutmaßlichen Betrug des Gremiums und des übrigen Regimes angeblich sogar mit seiner eigenen Stimme, wie weitere Dokumente belegen, die dieser Zeitung vorliegen.

„Nieder mit den Kommunisten!“ – „Bei den Stasischweinen davor treten“

Weitere Protestler seien etwa ein Abschnittsbevollmächtigter der Volkspolizei gewesen oder etwa ein Malermeister. Letzterer soll wiederholt „Nieder mit den Kommunisten!“ gerufen und den Demonstrationszug dadurch „aufgehetzt“ haben.

„Der Antragsteller auf ständige Ausreise, Herr F., war mit seinem Sohn erschienen und schickte diesen an das Tor des Objektes und forderte auf, er solle bei den Stasischweinen davor treten“, heißt es im Bericht und weiter: „Analoge Handlungen wurden auch bei den anderen Teilnehmern festgestellt, die ihre Kinder zu solchen Handlungen veranlassten.“

Eine weinende ältere Frau habe sich laut Bericht des Majors anders verhalten: „Es ist alles so schrecklich, es sind doch junge Menschen, wie ihre Söhne, die jetzt dort drin sind [in der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS, Anm. der R.] und so beschimpft werden.“

Rat der Stadt nach Montagsdemo in Apolda besorgt um eigenen Machterhalt

Ein Spitzel archivierte eine Reaktion auf die Demo in Apolda. Ein Einwohner aus Bad Sulza soll gesagt haben: „Die Stasi hat ganz Bad Sulza bespitzelt und die Leute in die Zuchthäuser gesperrt. Die Frau B. wurde mit ihrem Kind verschleppt und bei Nacht und Nebel in ein Auto gezerrt.“

Zum Ende des Berichtes hin heißt es als Meinung aus dem Rat der Stadt: „Wenn jetzt schon das MfS angegriffen wird, was soll das werden, wenn es einmal gegen den Rat der Stadt geht?“

Major empfiehlt SED-Kreisleitung eine Stellungnahme in „Das Volk“

Im zweiten Teil des Berichtes gibt der Major der SED-Kreisleitung drei Ratschläge: Aussprache mit dem Genossen Zimmer, Klärung des aufrührerischen Verhaltens eines Herrn S. – Mitarbeiter der Zivilverteidigung – innerhalb des Rates des Kreises und eine Beratung „über die Möglichkeit, Meinungsäußerungen zum Verlauf und Inhalt der Demonstration im Kreisteil „Das Volk“ zu veröffentlichen.

Tatsächlich erschienen am 8. November dann Artikel und ein Interview mit Ingrid Janke, 1. Sekretärin der SED-Kreisleitung Apolda. Doch wurden die hitzigen Momente durch „Das Volk“ komplett ausgeblendet und von einer friedlichen Demonstration gesprochen. Für das Bleiben „in seinen Bahnen“ hätte auch die Volkspolizei gesorgt. Freilich tauchte das Wort „Revolution“ hier nicht auf. Vielmehr rief die SED über ihre Zeitung zum „offenen Dialog mit allen Bürgern“ auf für eine „Erneuerung des Sozialismus“ und „um die eingeleitete Wende unumkehrbar zu machen“.