Die kurze amerikanische Episode nach dem Zweiten Weltkrieg in Jena

Jena  Im Juni vor 70 Jahren neigte sich die amerikanische Besatzungszeit in Thüringen dem Ende zu.

Ein Zufallsfund in den US-Archiven: Luftaufnahme mit Blick auf das zerstörte Reichsbahnausbesserungswerk in der Löbstedter Straße. Hinter den Hallen sind zerstörte Gleise und Züge erkennbar sowie die bis zur Camburger Straße reichenden Gärten zu sehen, daneben eine Reihe von Bombenkratern. Foto: Sammlung Frank Döbert

Ein Zufallsfund in den US-Archiven: Luftaufnahme mit Blick auf das zerstörte Reichsbahnausbesserungswerk in der Löbstedter Straße. Hinter den Hallen sind zerstörte Gleise und Züge erkennbar sowie die bis zur Camburger Straße reichenden Gärten zu sehen, daneben eine Reihe von Bombenkratern. Foto: Sammlung Frank Döbert

Foto: zgt

Vor 70 Jahren war in Jena das große Einpacken angesagt. Gemäß den alliierten Verein­barungen räumten die US-Truppen das Gebiet von Thüringen, das Anfang Juli 1945 an die sowjetische Besatzungsmacht überging.

Die bis zum Abmarsch verbleibenden zweieinhalb Monaten nutzte die US-Militärregierung einerseits, um die zivile Ordnung nach den chaotischen Tagen kurz vor und nach der Befreiung wiederherzustellen, Kriegsgefangene zu internieren und Exponenten der NSDAP, der Polizei und der SS zu verhaften.

Die Zeit nutzten aber auch eine ganze Reihe von Spezialeinheiten mit Bezeichnungen wie CIOS, BIOS, FIAT, TICOM, die sofort hinter den Kampftruppen die in „schwarzen“ Listen aufgeführten Zielobjekte und -personen zu sichern.

Ganz oben auf diesen Listen standen die führenden Wissenschaftler und Techniker von Zeiss, Schott und der Universität, von denen eine Vielzahl bis spätestens Ende Juni in die US-Zone umgesiedelt wurden. Wehrwirtschaftsführer und Betriebsführer Heinrich Küppenbender wurde als eine der Schlüsselpersonen von Zeiss im Vernehmungszentrum Dustbin (Schloss Kransburg) interniert.

Noch sind längst nicht alle Details über die Zeiss-Militärproduktion bekannt, doch zahlreiche US-Geheimdienst-Reports zeugen von dem großen Interesse, das etwa den Wärmepeilgeräten, der Infrarottechnik und vielen anderen Spitzenentwicklungen gewidmet wurde.

Fotos der Besatzungszeit sind immer noch rar

Kaum bekannt ist, dass, der Zeiss-Konzern auch mit der Entwicklung und dem Bau von Ultrazentrifugen zur Uran-Anreicherung befasst war, dies insbesondere bei der Firma Anschütz in Kiel, an der Zeiss 78 Prozent Anteile hielt. Großes Interesse galt auch dem Handel mit Japan, an das per U-Boot unter anderem Schott-Glas geliefert wurde, bezahlt mit Gold.

Bei der Evakuierung von Technik und Personal aus Jena ging aber einiges schief. So ­waren die US-Behörden dem Hochstapler und Buchenwald-Häftling Edwin Katzenellenbogen aufgesessen, der sich als Arzt, Professor und US-Bürger ausgab, in Jena jedoch mit der Betreuung der Zwangsarbeiter beauftragt wurde und zuletzt mit der Evakuierung des Institutes von Hans Knöll.

Die Lkw waren schon vorgefahren, als er von der US-Militärpolizei nach einer Anzeige der Universität wegen Diebstahl einer Schreib­maschine verhaftet wurde. Dies führte letzten Endes dazu, dass Hans Knöll wieder nach Jena kam und die Firma Jenapharm gegründet wurde. Katzenellenbogen wurde 1947 im Buchenwaldprozess angeklagt und verurteilt.

Von dieser bewegten Zeit sind nur wenige Fotografien überkommen. Das lag sicher daran, dass Fotoapparate konfisziert wurden. Andererseits fotografierten US-Soldaten und -Einheiten sehr, doch die Fotos haben meist noch nicht den Weg nach Jena gefunden.

Kürzlich entdeckte Marco van der Sluijs aus Holland auf der Suche nach Fotos vom Jenaer KZ, in dem sein 1945 verschollener Verwandter Arie Hess eingesperrt war, einige der Fotos, die hier zu sehen sind. Er bedauerte sehr, dass das obige RAW-Foto nicht auch die KZ-Baracken zeigt. Die Suche geht also weiter. ...