Vor 70 Jahren in Bad Lobenstein: Russen lösen die Amis ab

Bad Lobenstein  Vor 70 Jahren vollzog sich auch in der Bad Lobensteiner Region der historische Wechsel. Die Amerikaner übergaben Thüringen an die Russen. Am Markt wurde eine Kommandantur eingerichtet.

Losungen an Geschäften gehörten in den 50er und 60er Jahren, wie hier in Lobenstein, zum Straßenbild. Foto: Reinhard Kübrich

Losungen an Geschäften gehörten in den 50er und 60er Jahren, wie hier in Lobenstein, zum Straßenbild. Foto: Reinhard Kübrich

Foto: zgt

Mitte April 1945 waren sie gekommen, am 30. Juni verließen die amerikanischen Soldaten Lobenstein wieder. Auf dem Markt übergab am 2. Juli offiziell ein Offizier den sowjetischen Alliierten die Stadt. Die meisten der Einwohner hatten zu jener Zeit Angst. Wie werden sich die Russen verhalten? Werden sie stehlen, vergewaltigen und Deutsche einsperren? Andere Uniformen waren zu sehen. Viele der Besatzer kamen mit Pferd und Wagen.

Die Masse der Truppen wohnte im ehemaligen Lager des Reichsarbeitsdienstes beim Sportplatz in der Poststraße. Ein Teil der Soldaten bezog auch Privathäuser, die von den Bewohnern geräumt werden mussten, andere kamen im „Reußischen Hof“ in der Hirschberger Straße unter.

Überall wurden große hölzerne Ehrenpforten errichtet und in den Quartieren Bilder von Stalin und Marschall Schukow aufgehängt. Ungewohnt für die Einheimischen waren die Losungen in kyrillischen Buchstaben.

Kommandantur wird am Markt eingerichtet

Im Haus Markt 27 richteten die Russen ihre erste Kommandantur in Lobenstein ein. An viele Einzelheiten erinnerte sich Wolfgang Börner. Der Lehrer und Ortschronist hatte vieles aufgeschrieben, was sein Bruder Walter als Herausgeber eines Buches 2011 veröffentlichte.

Am 2. Juli übernahm Bürgermeister Mende wieder die Amtsgeschäfte. Er trat dann Ende August zurück, als dessen Nachfolger wurde der Ingenieur Ludwig Krieger eingesetzt. Er gehörte der SPD an, führte für längere Zeit die Amtsgeschäfte, floh später jedoch in den Westen.

In Neundorf setzten die Sowjets Franz Wunder als Bürgermeister ab und dafür den Hilfsarbeiter Adolf Müller ein. Der KPD-Mann verfügte sogleich, dass seine Anordnungen im ­Auftrag der Militärregierung erfolgten und unbedingt einzuhalten seien. Unter anderem meldete er am 15. Juli 1945, dass 152 Familien der Gemeinde ein Radio besitzen. Foto­apparate und Waffen hatten die Amerikaner eingezogen.

Die Russen zeigten Interesse an Uhren und Fahrrädern, beschlagnahmten aber auch andere Gegenstände. Sie verhafteten zudem viele Angehörige der ehemaligen Nazipartei (NSDAP), darunter waren in Lobenstein zum Beispiel mehrere Lokführer. Sie wurden im Speziallager Nr. 2 im einstigen KZ Buchenwald interniert. Einige starben, andere als Gefangene in die Sowjetunion gebracht und nur wenige kehrten nach Lobenstein zurück.

In der sowjetischen Besatzungszone waren im November 1945 einheitliche Lebensmittelrationen festgelegt worden. So standen einem Arbeiter täglich 350 Gramm Brot, 20 Gramm Grütze, 300 Gramm Kartoffeln, 25 Gramm Fleisch, zehn Gramm Fett und 25 Gramm Zucker zu. Viele Bürger, vor allem die Umsiedler, litten Hunger. Der Bürgermeister von Neundorf teilte dem Landratsamt in Schleiz am 13. Juni 1945 mit, dass sich 192 Evakuierte, Bombengeschädigte und Geflüchtete in der Gemeinde befanden.

Schon 1944 hatten die alliierten Hauptmächte für den Fall der deutschen Kapitulation die Grenzen der künftigen Besatzungszonen in Deutschland festgelegt. Das politische Leben in Thüringen wurde ab Mitte 1945 von der sowjetischen Militär­administration bestimmt. Zum Arbeitsprogramm des am 10. Juli 1945 in Lobenstein gebildeten Antifaschistischen Komitees gehörten die Bereitstellung von Arbeitskräften für die Ernte, die Organisation der Versorgung, die Inbetriebnahme der drei noch vorhandenen Lkw zur Milchversorgung und die Registrierung aller Mitglieder der NSDAP. Richard Köcher als 2. Vorsitzender des Komitees wurde später in Lobenstein Bürgermeister.