Wie vor 75 Jahren US-Panzer durch Niederroßla schepperten

Niederroßla.  75 Jahre nach Einmarsch der US-Armee erinnern sich Zeitzeugen an Feuergefechte in der Ortschaft Niederroßla.

Am 11. April 1945 marschierten Truppen der US-Armee in Niederroßla ein. Zeitzeugen wie Richard Kunze, Christel Dietsch und Wilhelm Eilenstein erinnern sich.

Am 11. April 1945 marschierten Truppen der US-Armee in Niederroßla ein. Zeitzeugen wie Richard Kunze, Christel Dietsch und Wilhelm Eilenstein erinnern sich.

Foto: Martin Kappel

Die letzten Minuten des Zweiten Weltkrieges in Niederroßla, sie sind vermutlich eng verwoben mit der Aufgabe des Konzentrationslagers Buchenwald. SS-Truppen von dort sind auf der Flucht nach Osten und wollen die von Norden anrückenden Panzer noch vor der Überschreitung der Ilm in Richtung Apolda aufhalten. Es kommt zu Schusswechseln. Als die letzten Reste von Hitlers politischen Soldaten festgesetzt werden, wehen weiße Bettlaken in der Ortschaft – am 11. April, genau 75 Jahre später, hängt aus manchen Fenstern wieder weißer Stoff und weht im Wind.

Wilhelm Eilenstein war etwa fünfeinhalb Jahre alt, als sich die US-Armee der Ortschaft aus Richtung Wersdorf näherte. Manche Erinnerung ist daher etwas verschwommen, doch gibt es am Haus der Familie noch Spuren. Dieses befindet sich nur wenige Meter hinter dem Ortseingang. Der Senior zeigt auf einen Zaunpfahl, der eine markante Einkerbung aufweist, die immer tiefer ins Holz wandert und schließlich in einem ein Zentimeter großen Loch endet. Aus dem richtigen Blickwinkel könnte man einen Kugelschreiber durch die offene Röhre schieben: „Das ist ein Durchschuss“, ist sich der Niederroßlaer sicher und ergänzt: „Wohl von der Pistole eines SS-Manns.“

Amerikanische Panzer funkeln in der Sonne über den Hügeln von Niederroßla

Folgt man der Durchgangsstraße, die an dem Eckhaus der Eilensteins eine scharfe Kurve nimmt, befand sich direkt dahinter ein Dachdecker. Dort lagerten auch Teerfässer, deren Inhalt – je nach Überlieferung – entweder durch den Präventivbeschuss der amerikanischen Panzer verteilt wurde oder nach Bearbeitung der Fässer durch die Bajonette der deutschen Soldaten. „Da war überall Teer und alles schwarz. Die Deutschen wollten den Teer vielleicht anzünden, wenn die Amerikaner diese Stelle passierten – so erkläre ich mir das“, sagt Wilhelm Eilenstein.

Auf der anderen Seite der Ilm steht Richard Kunze vor dem Haus seiner Familie, direkt an der Durchfahrtsstraße. „Es war ein sonniger Tag, genau wie heute“, erinnert sich der Senior. „Alle dachten, die kommen über die B87. Aber dann sahen wir fünf oder sechs Panzer auf der Wersdorfer Höhe funkeln.“ Am Dorfplatz sollen die SS-Männer aus einem Bauerngehöft das Feuer eröffnet haben. Im Gegenzug soll vermutlich eine Panzergranate den Dachstuhl in Brand gesetzt haben.

Feuerwechsel zwischen SS-Soldaten und US-Armee auf der Apoldaer Straße

Richard Kunze war damals neun Jahre alt und befand sich im Keller, als die nun auf der Flucht befindlichen SS-Truppen gerade die Dorfkirche passiert hatten. Es war keine zwei Wochen her, als Dorfbewohner, darunter Richards Großvater, aufgefordert worden waren, Schützengräben auszuheben. Sein Opa weigerte sich. „Wie das schepperte“, erinnert er sich, als es „oben“ auf der Apoldaer Straße Feuerwechsel zwischen Amerikanern und Deutschen gab. Im Schutzraum hoffte man zu diesem Zeitpunkt außerdem, dass kein Phosphor auf Niederroßla abgeworfen wird.

Vom Familienhaus der Kunzes ist es eine scharfe Kurve weiter und wenige Meter, bis ein kleiner gepflasterter Fußweg abzweigt. Er führt hinauf zum Haus der Familie Dietsch. Vor 75 Jahren erlebte Christel Dietsch, wie die deuschen Soldaten diesen Weg entlang flüchteten und von der Hauptstraße abbogen. Sie sah, wie die Panzer um die Kurve rollten und das Feuer eröffneten – auch das Haus wurde getroffen. Ob von den Soldaten jemand verletzt wurde, das weiß sie nicht. Aber so wie sich Richard Kunze erinnert, hätten sich einige SS-Soldaten schließlich oben am Berg ergeben.

Ob die deutschen Soldaten, die in Niederroßla den Amerikanern Widerstand leisteten, vielleicht Wachmänner in Buchenwald waren, könne heute niemand mit völliger Gewissheit sagen. Doch waren sie mit großer Sicherheit der Grund, warum auch in dieser Ortschaft Granaten und Kugeln flogen und in der Folge drei teils schwere Brände ausbrachen.