Aus der Heimat verschleppt

Neundorf b. Bad Lobenstein  Heimatgeschichte: Spezialarbeiter aus Lehesten kamen mit Familien 1950 aus der Sowjetunion zurück.

Kriegsgefangene durften ab 1947 Postkarten nach Hause schreiben und später auch Pakete aus der Heimat empfangen.  

Kriegsgefangene durften ab 1947 Postkarten nach Hause schreiben und später auch Pakete aus der Heimat empfangen.  

Foto: Reinhard Kübrich

Nicht nur Soldaten wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion gefangengehalten, sondern auch Zivilisten, die über nützliches Spezialwissen verfügten. Einige Schicksale sind bis heute überliefert.

Otto Kübrich wurde im August 1945 von Sowjetsoldaten in Neundorf bei Bad Lobenstein verhaftet. Er konnte erst im Oktober 1953 seine Frau und seinen Sohn wieder in seine Arme schließen. Albert Munzert kehrte aus russischer sowie Otto Stumpf und Herbert Wurzbacher aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück. Das meldete die Zeitung Schleizer Nachrichten Anfang 1948. Bei den Angehörigen in Blankenberg war die Freude groß.

Betrüger nutzen Leid der Familien aus

Das Einwohneramt Ebersdorf registrierte 1947 die Rückkehr von sechs Männern aus englischer, zwei aus amerikanischer, drei aus französischer und zwei aus russischer Gefangenschaft. Acht Soldaten aus Remptendorf hatten den Zweiten Weltkrieg überlebt und wurden 1947 aus Lagern in der Sowjetunion entlassen. Zwei Söhne einer Remptendorfer Familie kehrten im April 1948 heim.

Die Sorge und Angst der Eltern, Frauen und Kinder, ihren Angehörigen nicht mehr wieder zu sehen, war in jener Zeit groß. Das nutzten auch Betrüger aus. Einer von ihnen war der in Rudolstadt ansässige Richard Krauß. Er nahm schriftlich oder persönlich mit Personen Verbindung auf, deren Angehörige in der Sowjetunion vermisst wurden. Er gab sich als Diplom-Volkswirt Dr. Krauß aus und versprach über den Verbleib der Vermissten Auskunft zu geben. Dafür verlangte er Geld, Nahrungs- und Genussmittel. Er wurde als gemeiner Schwindler entlarvt. Die Kriminalpolizeidienststelle bat, dass Betroffene sich melden. In der sowjetischen Besatzungszone wurde ein Suchdienst für vermisste Deutsche eingerichtet. Er hatte seinen Sitz in der Kanonierstraße in Berlin. Für zwei Reichsmark waren auf allen Postämtern amtliche Suchpostkarten erhältlich. Das Deutsche Rote Kreuz richtete einen Suchdienst in München ein. Heute gelten noch 1,2 Millionen Personen als vermisst. Viele Schicksale sind ungeklärt. Tausende Angehörige der Wehrmacht, Angehörige der SS, Mitglieder der NSDAP kamen in Internierungslager in der Sowjetunion. Sie durften ab etwa 1947 Postkarten – jedoch keine Briefe – nach Hause schreiben und auch welche empfangen. Dafür hatte sich das Internationale Rote Kreuz eingesetzt. Tausende Gefangene, die meisten von ihnen verurteilt zu 25 Jahren Zwangsarbeit, wurden 1953 entlassen. Ihre Namen standen in langen Listen in der Zeitung „Neues Deutschland“. Die letzten Kriegsgefangenen trafen 1955 in der Bundesrepublik oder in der DDR ein. Einige Jahre ihres Lebens verbrachten auch Zivilisten aus der Region in dem Land im Osten. Es waren Spezialisten, die bis Anfang 1945 im Rüstungswerk im Oertelsbruch bei Schmiedebach Raketentriebwerke für die Wehrmacht testeten. Sie wurden mit ihren Familien mit einigen Hausrat 1946 in einem Zug in die Sowjetunion gebracht und bei der Raketenforschung eingesetzt. So kehrten zum Beispiel die Spezialarbeiter Bernhard Gerhardt und Robert Zschächner mit ihren Familien im September 1950 nach Lehesten zurück. Die Thüringer Landesregierung hatte die Stadt angewiesen, die heimkehrenden Spezialarbeiter in jeder Hinsicht zu unterstützen und in ihren 1946 verlassenen Wohnungen wieder unterzubringen. Zschächner ist wenige Monate nach seiner Ankunft verstorben. Zweieinhalbtausend Familien wurden im Oktober 1946 aus der Sowjetischen Besatzungszone in einer Geheimaktion von Militärs in die Sowjetunion gebracht. Die Väter waren Techniker und Ingenieure der Flugzeug- und Maschinenindustrie. Unter dem Titel „Unsere russischen Jahre“ erschien kürzlich im Mitteldeutschen Verlag ein Buch zu diesem Thema.

In Dresden hat die Dokumentationsstelle „Widerstands- und Repressionsgeschichte in der NS-Zeit und SBZ/DDR“ ihren Sitz. Sie ist eine historische Forschungseinrichtung der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft. Sie verfügt über umfangreiche personenbezogene Unterlagen. Dazu gehören auch Unterlagen über sowjetische Kriegsgefangene bis 1945 in Deutschland. Nach offiziellen Angaben des sowjetischen Innenministeriums vom 12. Oktober 1959 hatten die sowjetischen Truppen vom 22. Juni 1941 bis Juli 1945 insgesamt 2 389 560 Deutsche gefangen genommen, davon 376 Generäle und 69 469 Offiziere. 356 678 Männer sind in der Gefangenschaft gestorben.

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