Das Rittergut in Schwanditz ist ein Heim für Generationen

Familie Junghannß wagte 1990 den Neuanfang in Schwanditz mit einem landwirtschaftlichem Betrieb auf dem historischem Vierseithof und mit ihrer Hände Arbeit

23 Bögen zählt der Laubengang des denkmalgeschützten Kuhstalles auf dem Rittergut Schwanditz. Er ist der längste Thüringens.  Foto: Martin Gerlach

23 Bögen zählt der Laubengang des denkmalgeschützten Kuhstalles auf dem Rittergut Schwanditz. Er ist der längste Thüringens. Foto: Martin Gerlach

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Schwanditz. "Bei uns ist alles wie im Fuchsbau. Überall Fluchtwege", sagt Christa Junghannß und verschwindet durch eine von mehreren Türen aus dem kleinen Zimmer im Erdgeschoss. An einer anderen wird kurze Zeit später aufgeschlossen und sie betritt den Raum erneut – von der gegenüberliegenden Seite. In der Hand hält sie einige Blätter, auf denen die Historie des Rittergutes Schwanditz kurz zusammengefasst ist. Das Rittergut – das Zuhause der gesamten Familie. Zu der gehören ihr Mann Hans, zwei Söhne, Schwiegertöchter, Enkelkinder. Jürgen, ihr jüngerer Sohn, ist Inhaber des landwirtschaftlichen Familienbetriebes und lebt mit Frau und drei Kindern auf dem Rittergut. Mit Jochen, ihrem Erstgeborenen, arbeitet er gemeinsam auf dem Gut. Hans Junghannß, vor kurzem 75 Jahre alt geworden, führte das Unternehmen bis 2002.

Groß ist der Familienbetrieb. 92 Hektar Land gehören zum Rittergut. Mit den dazu gepachteten Flächen bewirtschaften die Junghannß’ insgesamt 240 Hektar. Sie bauen an: Getreide, Zuckerrüben, Raps, Kartoffeln, Feldgemüse und Silomais. Eine kleine Mutterkuhherde gibt es, Federvieh, drei Teiche, einen Hofladen und inzwischen drei Ferienwohnungen. Sogar Gäste aus Israel haben sich für dieses Jahr angemeldet. Pauschalbusreisen über Land – vermittelt von der Altenburger Tourismusinformation – machen ebenfalls regelmäßig Halt auf dem Rittergut, auf dem seine Besitzer Führungen anbieten.

"Auf so einen großen Hof gehört einfach Leben", sagt Christa Junghannß und blickt hinüber zu dem denkmalgeschützten Kuhstall. Dessen romantischer Laubengang zählt 23 Bögen und ist der längste Thüringens. "Bis 1990 standen da noch die Rinder drin", berichtet Christa Junghannß. Ein kleiner Teil des 47 Meter langen Fachwerkbaues – die einstige Melkerwohnung – ist saniert und neu eingedeckt. Der Raum unterm neuen Dach fasst 45 Personen. Bewirtet werden dort Gäste, die per Bus auf dem Hof Station machen. Auf dem Spielboden darüber schlafen nicht selten Kinder und Jugendliche beispielsweise aus Schulen und Kindergärten der Umgebung nach erlebnisreichen Tagen voller Abenteuer auf dem Land, wenn sie bei Junghannß’ auf dem Rittergut zu Gast sind. Geplant ist, diese Offerte des Rittergutes zu erweitern und als festes Angebot für Kinder und Jugendliche zu etablieren. Wann, steht so genau noch nicht fest. Erst muss der größte Teil des Daches des einstigen Kuhstalles saniert werden.

Rückkehr

nach Hause

Vor 22 Jahren kamen Hans und Christa Junghannß nach Schwanditz. Die Familie wohnte damals im Kreis Döbeln, waren dort in der Landwirtschaft tätig. Für Hans Junghannß war es eine Heimkehr. Sein Vater Johannes hatte 1941 das Gut von Baron Bartsch von Siegsfeld erworben. Zwar blieb das Anwesen vom Krieg verschont, nicht aber von den neuen Landherren danach. 1953 wurde Johannes Junghannß verhaftet, eine LPG auf dem Hof seiner Familie gegründet, deren Zwangsräumung verfügt.

Der erste Besuch seit all dem im Juni 1990. "Es sah einfach schlimm aus", erinnert sich Christa Junghannß. "Die Häuser waren verfallen und unbewohnbar, das Umfeld verwahrlost." Das Rittergut landwirtschaftlich wieder einzurichten – daran dachten Hans und Christa Junghannß deshalb nur vorsichtig. Und ihnen war klar, das würde nur mit der gesamten Familie gehen. Über mehrere Generationen hinweg. Weshalb kurz nach ihnen ihre beiden Söhne Jürgen und Jochen nach Schwanditz fuhren – um zu schauen und um zu entscheiden. Zurück in Döbeln stand für alle Vier fest: Es geht los. Und los ging es in Schwanditz für die Familie im Oktober 1990. Ein Zimmer wurde bewohnbar gemacht. Von dort aus organisierten sie ihr tägliches Leben, den Aufbau ihres zurück erlangten landwirtschaftlichen Betriebes, die sehr aufwändigen Sanierungen und Neubauten, die Sicherung des Kuhstalles. Hinzu kam das Entwickeln weiterer Ideen, die Umnutzung in Wohngebäude, Hofladen oder Ferienwohnungen. "Ich kenne keinen, der uns damals nicht für verrückt erklärt hat, als wir nach Schwanditz zogen", sagt Christa Junghannß. Und strahlt sogleich stolz, wenn sie an die zurückliegenden zwei Jahrzehnte denkt und an all das, was ihre Familie in dieser Zeit anpackte. "Und wir haben’s geschafft. Mit unserer Hände Arbeit." Ihr Schwiegervater Johannes konnte all das nicht mehr mit erleben. "Aber wissen Sie", sagt sie, "nicht nur mein Mann ist hier sehr glücklich."

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