Erfinderland Thüringen

Pößneck  In Kooperation mit dem Freistaat lädt die Stadt Pößneck vom 6. Juni bis zum 9. September zur Leitausstellung „Erlebnis Industriekultur Innovatives Thüringen seit 1800“ ein.

Die Dreherei in der Grimmelallee Nordhausen,Tiefbau- und Kälteindustrie AG vormals Gebhardt & Koenig in den 1920er-Jahren.

Foto: Schachtbau Nordhausen GmbH

Reisen wir ein Stück in die Geschichte unseres Freistaates zurück in die Zeit der Kleinstaaterei. Jahrhunderte hindurch wurde Thüringen von verschiedenen Fürstenhäusern regiert den sächsischen Wettinern, Ernestinern, den Reußen, den Schwarzburgern. Erst 1920 entstand ein thüringischer Staat aus acht Kleinstaaten, damals noch immer ohne Erfurt. Diese Zersplitterung in zahlreiche Territorien mit eigenen Zollbestimmungen, Maßen und Währungen, noch dazu topographisch von Flüssen, Bächen und Bergrücken zerteilt, brachte einige Hindernissen mit sich. Aber es beflügelte auch den Erfindergeist der Thüringer und bereitete den Boden für eine besondere Vielseitigkeit, die industrielle Produktion betreffend.

Thüringen nahm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogar die Vorreiterrolle ein. Allerdings bestimmten nicht die klassischen Motoren der industriellen Revolution den Wandel, wie Kohle- und Eisenindustrie, sondern eher kleinteilige und allenfalls mittlere Produktionsstätten. Das war den räumlichen Beschränkungen, der Rohstoffarmut und auch den zunächst unzureichenden Transportmöglichkeiten geschuldet, erklärt Andreas Christoph, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Ernst-Haeckel-Haus der Schiller-Universität in Jena, eines der ältesten wissenschaftshistorischen Institute in Deutschland.

Doch durch die Spezialisierung auf bestimmte Produkte und Herstellungsverfahren konnte sich die Klein- und vielmals noch Hausindustrie auf dem Markt und im Ausland behaupten. Somit ist der Weg in die Moderne in Thüringen dem innovativen Mittelstand zuzuschreiben, der vor allem Produktveredelung und -forschung betrieb.

Die Ideen aus Thüringen waren außergewöhnlich. Aus Gotha gab es plötzlich eine Feuerversicherung. In Ziegenrück wurde die erste Faltschachtelfabrik gegründet. In Sonneberg gab es sogar ein Konsulat der USA, weil der Handel mit Spielzeug derart florierte. Aus Lauscha kamen hochwertige Glasaugen. Kurzum: Thüringen präsentierte sich als prall gefülltes Warenhaus von Qualitätserzeugnissen aller Art: optische Geräte, Spielzeug, Thermometer, Waffen, Versicherungen, Motorfahrzeuge, Uhren, Textilien, Werbestrategien. Große Marken und Produktionsstätten wurden geboren, deren Erfolgsgeschichte zum Teil bis in die Gegenwart reicht.

Außergewöhnliche Ideen und vielfältige Produkte

Bislang gibt es noch keinen Ort, der die bedeutende Industriegeschichte Thüringens umfassend aufbereitet und würdigt. Das Thema fand bisher eher regional oder als Unternehmenshistorie statt. Das sollte sich endlich ändern: Seit dem Jahr 2000 ruft die Thüringer Staatskanzlei regelmäßig Themenjahre aus, die bedeutende Ereignisse der Landesgeschichte und -kultur würdigen. Und 2018 stehen das reiche industriekulturelle Erbe Thüringens und soziale Bewegung auf dem Programm.

Als das Land das Thema Anfang 2016 festgelegt und der Museumsverband Thüringens zur Teilnahme aufgerufen hatte, entwickelten der Weimarer Stadtarchivar Jens Riederer und der Jenaer Wissenschaftshistorikerentstand Andreas Christoph zugleich die Idee, die Gewerbeausstellung von 1861 in Weimar nachzustellen. Doch auch diese Ausstellung hätte nur einen kleinen Teil der Geschichte Thüringens betrachtet. Inzwischen betrachtet er das Thema größer, macht ein konkretes Zeitfenster von 1800 bis 1920 auf und setzt auf eine zentrale Veranstaltung und zwar in Pößneck.

Die Stadt unterbreitete gemeinsam mit Christoph der Staatskanzlei ein konkretes Angebot mit Ausstellungskonzept und Finanzierungsplan. Pößneck (Saale-Orla-Kreis) bietet sich für eine solche Leitausstellung an nicht nur logistisch mit seiner denkmalgeschützten Shedhalle als intaktes Beispiel von Industriearchitektur aus der Gründerzeit. Darüber hinaus ist die gesamte Stadt ein geschichtsträchtiger Wirtschaftsstandort, einst geprägt von Textil und Lederfabriken, Porzellanmanufakturen, Großdruckerei und Süßwarenproduktion.

„Die Anfrage von der Staatskanzlei erreichte uns im Dezember 2016“, erzählt Julia Dünkel, Fachbereichsleiterin Finanzen und Kultur und Projektleiterin in Pößneck. Allerdings war sofort klar, dass solch ein Projekt nur mit einem externen Team zu stemmen ist. Die Suche nach Exponaten für die Leitausstellung Erlebnis Industriekultur Innovatives Thüringen seit 1800 begann. Andreas Christoph und sein Team arbeiteten sich durch Museumsmagazine und technische Sammlungen. „Die Bereitschaft, uns Exponate zur Verfügung zu stellen, war großartig. Und manche kleineren Häuser freuen sich, ihre oft noch unbekannten Schätze zu präsentieren“, freut sich der Kurator.

Drei Monate lang, vom 6. Juni bis zum 9. September, vereint die Ausstellung nun mehr als 500 Exponate aus dem ganzen Land in der Pößnecker Shedhalle. Museen, Bibliotheken, Archive, wissenschaftliche, private und unternehmenseigene Sammlungen aus dem ganzen Freistaat steuern wertvolle Stücke bei: Von der historischen Versicherungsurkunde bis zur Feldbahn, vom Auto bis zur Windfege. Die Exponate werden in dieser Form nur zur Ausstellung in Pößneck zu sehen sein, da nach Ausstellungsende alle Schauobjekte an die Mutterhäuser zurückgegeben werden.

Wer sich also ein übersichtliches Bild von der Thüringer Industriegeschichte machen möchte, hat im Sommer die einmalige Gelegenheit dazu. Die Schau umfasst nicht nur Werkzeuge und Maschinen, sondern geht auch auf die Produktionsbedingungen, die landschaftlichen Besonderheiten sowie die Menschen und ihren Alltag ein. Sechs Themeninseln veranschaulichen den Wandel von Arbeits-, Lebens- und Umwelt und zeigen die Bereiche der Industrialisierung: Bodenschätze und Werkstoffe, Industriezentren in Thüringen, Aushalten und Haushalten, Verkehrswelt und Kommunikationsnetze, Finanzen und Reklame, Innovationen und Motoren der Industrie.

Verbunden sind die Themeninseln durch den siebten Themenbereich Energie, den Antrieb und Fortschrittsfaktor der Industrialisierung schlechthin. Unter dem Stichwort Industrie 4.0 zeigen ausgewählte Highlights heutiger Spitzentechnologie aus Thüringen, wie sich der Industrialisierungsprozess bis in unsere Zeit fortschreibt. Mittels Audioguide kann sich der Besucher von den Erzählungen historischer Personen wie Dienstmädchen oder Ingenieur durch die Geschichte führen lassen. Es wird auch eine virtuelle Landkarte geben, auf der relevante Personen und Orte wiederzufinden sind. Das Digitalisierungsteam des Museumsverbandes unterstützt das Projekt bei der Dokumentation der Exponate.

Momentan laufen alle Vorbereitungen auf Hochtouren, werden Sponsorengelder eingeworben, am Rahmenprogramm und an der Museumspädagogik gefeilt und weitere Exponate gesichtet. Erst vier Wochen vor Ausstellungsbeginn kann mit den Vorbereitungen in der Shedhalle, mit dem Innenausbau, der Objektinszenierung, der Installation der Licht- , Ton- und Bildtechnik sowie Medienstationen begonnen werden.

„Die Ausstellung beschränkt sich nicht nur auf die Shedhalle“, betont Julia Dünkel und erklärt weiter, dass auch das „Museum642 – Pößnecker Stadtgeschichte“ eine Sonderschau vorbereitet, die sich der Gründung der ersten deutschen Textilarbeitergewerkschaft in Pößneck widmet. Zudem werden während der Ausstellungslaufzeit einige der repräsentativen Fabrikantenvillen Pößnecks öffentlich zugänglich gemacht. Darüber hinaus soll eine Industrieroute entstehen, die über das Themenjahr hinaus Bestand hat. Der Stadtrundgang stellt wichtige Orte der Industrialisierung in Pößneck vor.

Neben Pößneck werden sich thüringenweit rund 40 weitere Museen und Orte der Industriekultur mit eigenen Veranstaltungen am Themenjahr beteiligen.

Rahmenprogramm während der Leitausstellung:

  • Das „Industriecafé“ ist eine Nachmittagsveranstaltung im 14-tägigen Rhythmus. Hier stellen fachkundige Personen Einzelobjekte aus der Ausstellung vor und erläutern Zusammenhänge mit der Industriekultur Thüringens.
  • Die „Frühschicht“ setzt ausgewählte Ausstellungsobjekte in Betrieb und erklärt die Funktionsweise von technischen Geräten. Diese Schauvorführungen sind an vier Terminen an Sonntagmorgen geplant.
  • Die „Spätschicht“ findet voraussichtlich an vier Terminen wochentags statt: In Abendvorträgen erläutern Wissenschaftler die Hintergründe der Industrialisierung in Thüringen, Deutschland und Europa.
  • Zum Start der Ausstellung ist eine zweitägige Eröffnungsveranstaltung geplant. Am 6. Juni öffnet die Ausstellung für die Allgemeinheit. Am 7. Juni findet die offizielle Vernissage in Anwesenheit von Ministerpräsident Bodo Ramelow für geladene Gäste statt.
  • Darüber hinaus sind begleitende publikumswirksame Angebote geplant, wie ein Steampunk-Event im Umfeld der Ausstellung. Steampunk ist eine Stilrichtung, bei der moderne und futuristische technische Funktionen mit Mitteln und Materialien des viktorianischen Zeitalters verknüpft werden, wodurch ein deutlicher Retro-Look der Technik entsteht.
  • Außerdem ist ein Fotowettbewerb zu verlassenen (Industrie-)Orten, sogenannten Lost Places, angesetzt (Teilnahmebedingungen dazu folgen).
  • Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 19 Uhr.

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