Hainspitz: Sammler-Leidenschaft für Ansichtskarten

Hainspitz/Camburg  Heino Kirbst ist über die Briefmarken zu den Ansichtskarten gekommen – und kommt von diesen nicht mehr los.

Heino Kirbst aus Hainspitz mit seltenen Exemplaren seiner Ansichtskartensammlung mit Motiven aus Camburg. Foto: Angelika Schimmel

Heino Kirbst aus Hainspitz mit seltenen Exemplaren seiner Ansichtskartensammlung mit Motiven aus Camburg. Foto: Angelika Schimmel

Foto: zgt

In Zeiten, in denen man von jedem Urlaubsort der Welt den Daheimgebliebenen in Sekundenschnelle und im Halbstundentakt per Whatsapp oder Insta­gram Ich-war-hier-Fotos schickt, sind Ansichtskarten etwas aus der Mode gekommen. Es soll halbwüchsige Kinder geben, die noch nie in ihrem Leben eine solche bunt bebilderte Karte an einen lieben Menschen geschrieben und auch noch nie selbst eine solche Karte mit der Post bekommen haben.

Solche Menschen kann Heino Kirbst nur bedauern. Denn für den Hainspitzer Mittfünfziger haben die handgroßen Papierkarten mit Fotos von Sehenswürdigkeiten sowie imposanten und wichtigen Gebäuden einer Stadt auf der Vorderseite eine ganz besondere Anziehungskraft. "Ansichtskarten zeigen doch die schönsten Ecken einer Stadt oder Gemeinde, ihre Gestaltung verrät auch viel darüber, wie die Menschen zu bestimmten Zeiten ihre Heimat sehen und schätzen", sagt Kirbst. "Nimmt man Karten aus verschiedenen Jahren zur Hand, dann wird die Entwicklung einer Stadt sehr deutlich, sie machen in gewisser Weise Heimatgeschichte anschaulich."

Kirbst weiß, wovon er spricht, denn seit mehr als 30 Jahren sammelt er Ansichtskarten – besonders solche aus seiner Heimatregion, der alten "Grafschaft Camburg". Etwa 2500 Exemplare von Ansichtskarten aus der Stadt und den Dörfern im Umkreis des Saalestädtchens hat er bis heute zusammengetragen. "Man muss sich irgendwann entscheiden, was man sammelt. Querbeet alles, das geht nicht, da verliert man sich", ist eine Erfahrung, die der gelernte Tischler und studierte Finanzwirt in seinem langen Sammlerleben gemacht hat.

Angefangen habe er schon als Junge mit Briefmarken. "Besonders wertvoll sind ja jene Marken, die ‚gelaufen" sind, die also einen Stempel tragen und noch auf Briefen und Karten kleben", erzählt er. Und eben über solche Marken sei er zu den Ansichtskarten gekommen. 1986 habe er auf einer Börse alte Ansichtskarten von Schkölen und dem Molauer Land entdeckt, wo er zu Hause war. "Und von da an waren die Briefmarken nicht mehr so interessant wie die Karten."

Von da an gehörte der Besuch von Kartenbörsen und Flohmärkten zu den Wochenendbeschäftigungen von Heino Kirbst. Trödelmärkte hätten auch heute noch eine besondere Anziehungskraft für ihn, gesteht er. Dort entdecke man immer mal wieder einen echten Schatz. Auch sei er ja inzwischen bei vielen kleinen und großen Händlern bekannt. "Die winken dann gleich, wenn sie aus meinem Sammelgebiet etwas Passendes haben, oder sie winken nur ab", erzählt Kirbst.

Doch die meisten Neuerwerbungen postalischer Schätze findet der Sammler heute im Internet. "Es ist schon erstaunlich, wo auf der Welt überall Sammler sitzen, die historische Ansichtskarten aus den Dörfern im Saaleland besitzen." Am weitesten entfernt von ihrem Herkunftsort sei eine Karte aus Großheringen gewesen, die Kirbst von einem Sammler in Malaysia ersteigerte.

Seine älteste Karte, die ein Kupferstich mit der Stadtansicht von Camburg ziert, stammt aus dem Jahr 1884. "Das ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass 1868 überhaupt die erste Postkarte verschickt wurde, die ja nur Adresse und Text trug. Erst von 1879 ist die erste bebilderte Postkarte bekannt, es handelt sich um einen Kupferstich von Nürnberg", erzählt er. Stolz zeigt Kirbst deshalb auch auf jenes Blättchen von 1890, mit dem jemand einen gedruckten und bebilderten "Glückwunsch zum neuen Jahr aus Camburg" an seine Lieben verschickt hatte. "Bis 1905 durfte übrigens auf der Rückseite einer Ansichtskarte nur die Adresse des Empfängers stehen. Für den Gruß und die persönlichen Worte war deshalb nur auf der Vorderseite unter oder neben den Stadtansichten Platz."

Zwischen 1895 und 1910 habe es einen richtigen Ansichtskarten-Boom gegeben, erzählt Kirbst. Da ließen selbst kleine Städtchen und Dörfer eigene Karten drucken. Kirbst hat solche aus Hainspitz, Frauenprießnitz oder Schmiedehausen. Auch Camburg ging natürlich mit der Zeit und ließ 1904 eine Karte "Vom Einzug des Erbprinzen Bernhard und Prinzessin Charlotte in die Stadt" drucken – im "Eigenverlag des Bürgermeisteramtes". Zu jener Zeit wurde es auch modern, dass Handwerker, Gewerbetreibende und Gastwirte Laden oder Etablissement fotografieren und auf Postkarten drucken ließen – und diese an die werte Kundschaft verschickten.

Und das sei die andere Seite der Sammelleidenschaft, gesteht Kirbst: "Bekomme ich solche Karten in die Hand, dann gehe ich auf Spurensuche. Ich laufe durch die Stadt und suche das abgebildete Haus." Nicht immer finde er es, aber immer finde er etwas Neues und Interessantes über seine Heimat dabei heraus.