Hans-Jörg Dannenberg war 25 Jahre im Geraer Stadtrat

Gera  Im Interview: Hans-Jörg Dannenberg spricht über das Bundesverdienstkreuz und seine Zeit im Stadtrat

Hans-Jörg Dannenberg auf dem Kornmarkt.

Hans-Jörg Dannenberg auf dem Kornmarkt.

Foto: Peter Michaelis

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Hans-Jörg Dannenberg hat vorige Woche das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten und seine 25-jährige Mitarbeit im Geraer Stadtrat beendet. Dort war er seit 2004 Vorsitzender der CDU-Fraktion. Zur Stadtratswahl am 26. Mai trat der 62-Jährige nicht wieder an. Wir sprachen mit ihm über das besondere Ehrenamt.

Thüringens Ministerpräsident hat Ihnen am 28. Mai das Verdienstkreuz verliehen. Wer waren die ersten Gratulanten?

Natürlich die Familie, Freunde und Familie Lassmann von der Parkeisenbahn. Der Bürgermeister war mit in Erfurt und hat mir persönlich gratuliert. Die örtliche CDU und der Oberbürgermeister haben das bis heute nicht getan. Ich habe Julian Vonarb einen persönlichen Brief geschrieben.

Waren Sie von der Ehrung überrascht?

Ja, ich wusste vorher nichts. Später erfuhr ich, dass viel Papier nötig ist und viele Leute für mich bürgen müssen. Der Ministerpräsident hat eine gute Rede gehalten. Da waren Gags dabei, wo mir warm ums Herz wurde. So sagte er, dass er sich in den vielen Jahren der Zusammenarbeit gewünscht hätte, er wäre ein Verein gewesen.

Ihre Mitgliedschaft im Geraer Stadtrat ging vorige Woche nach 25 Jahren zu Ende. Sie sollten wieder antreten, fanden aber keine Mehrheit bei der Nominierungsveranstaltung. Schmerzt das?

Die Geschichte war ein bissel anders. Ich habe gesagt, ich höre auf. Doch mein Ortsverband schlug vor, dass es nicht schlecht wäre, mit meinen Stimmen ­Gutes für die CDU zu tun.

2014 hatte ich 2543 Stimmen. Ich ­habe mich überzeugen lassen, bin aber dann zur Auf­stellung nicht auf die Liste gekommen. Das habe ich respektiert. Ich ­habe schon Schlimmeres erlebt.

Was zum Beispiel?

Dass ich trotz Zusage von der Landespartei 1994 als Landtagskandidat im Wahlkreis Gotha verhindert wurde. Das war der absolute Tiefpunkt in meiner politischen Karriere. Ich bekam zu spüren, wie meine Partei mich fallen gelassen hat. Im Oktober 1994 erkrankte ich dann an einem Hirntumor.

Für die CDU haben Sie sich aber für den Stadtat nominieren lassen?

Politisch hat mich mein Freund Willibald Böck eingefangen. „Du hast die Kraft“, hat er gesagt, und, dass man sich im Leben immer zwei Mal sieht.

In Gera wurde man den Eindruck nicht los, dass der Kreisvorsitzende Sie in Ihrer Arbeit als Fraktionschef zuletzt nicht mehr unterstützte. Wie war da Zusammenarbeit möglich?

Seitdem Christian Klein in der Jungen Union ist, habe ich seine politische Laufbahn gefördert. Ich habe ihm Raum gegeben. Heute registriere ich mangelnde Wertschätzung und vermisse Solidarität. Neben ihm habe ich Andreas Kinder eine langfristige politische Perspektive gegeben. Das war auch bei Norbert Hein so. Ich habe ihn von Anfang an unterstützt und halte ihn für ein politisches Talent.

Kann Christian Klein die Geraer CDU beflügeln?

Er hat das Fachwissen. Die CDU ist in so einem Umbruch, dass sie eine wesentlich bessere inhaltliche und personelle Aufstellung verdient hätte. Die Kommunalwahl ist eine Personenwahl. Der einzige, der gut zugelegt hat, ist Andreas Kinder.

Sie haben die inhaltliche und personelle Aufstellung zur Stadtratswahl kritisiert. Gab es dazu eine Reaktion?

Es sind vier Stadtratsmitglieder weniger als 2014. Das ist eine Katastrophe für eine Volkspartei. Wer in der Region Leute verliert, verliert sie auch im Land und im Bund. Deshalb ist es arrogant, wenn gesagt wird, dass man das Ergebnis so erwartet hat.

Dem Fraktionschef der Linken, Andreas Schubert, schenkten Sie nichts. Das neue Wahlergebnis kommentierten Sie ihm gegenüber mit der Bemerkung, dass das von Demokratie und eben nicht von Diktatur kündet. Brauchten Sie diese Reibungsfläche?

Ich finde, Politik lebt von Emotionen. Ich habe die meiste Zeit versucht, an Sachthemen die scharfe Auseinandersetzung zu suchen. Ich habe Herrn Schubert nicht persönlich angegriffen. Ihm ist das bei mir leider nicht immer gelungen. Die Leute müssen wahrnehmbar erkennen, wo stehen die einen und die anderen. Sonst wird das Wischiwaschi und macht auch keinen Spaß. Wir waren in den letzten fünf Jahren in den Fachausschüssen nicht mehr erkennbar, unsere Leute haben keine Themen besetzt.

Sie leiteten in der Zeit den Bauausschuss. Was haben Sie erreicht?

Ohne uns hätte es das Schulbauprogramm in der Qualität und den Campus Rutheneum nicht gegeben. Es war meine Initiative, dass die jetzige Hochschule für Gesundheit in das Gebäude der Landeszentralbank einzog. Trotz erheblicher Widerstände im Fachausschuss wurde Baurecht für Familien und Gewerbeansiedlungen geschaffen. Das habe ich erreicht. Stolz bin ich, dass die Plauensche Straße, in deren Nähe ich wohne, am Ende meines politischen Wirkens als Lärmschutzprojekt fertiggestellt wird und keine Huckelpiste mehr ist.

Zurück zu den Linken. Als es darum ging, im Juni 2014 den 30 Millionen-Euro-Kredit für den Kauf der Mehrheitsanteile an der Geraer Wohnungsbaugesellschaft Elstertal zu beantragen, – den das Land nicht genehmigte – waren sich CDU und Linke einig. Lag das daran, dass Sie der GWB-Aufsichtsratschef waren?

Nein. Ich halte Kommunalpolitik immer für eine Politik, die sich am Allgemeinwohl orientiert. Das habe ich die ganzen 25 Jahre so gehalten. Deshalb habe ich einen guten Gesprächsfaden zu anderen gehabt. Mit ihnen konnte ich mich im Interesse von Lösungen zusammensetzen. Dieter Hausold war so ein Mann, der auch einen guten Job als Stadtratsvorsitzender gemacht hat. Auch Margit Jung, als sie noch Fraktionsvorsitzende der Linken war, ist jemand, der im Sinne der Bürger an Mehrheiten interessiert war. Fraktionschefin Kerstin Pudig gehört auch dazu.

Die Stadtwerke-Insolvenz zog auch die GWB mit sich. 2016 wurde Benson Elliot Mehrheitsgesellschafter. Jetzt will das Land diese Anteile übernehmen. Darum ist es merkwürdig ruhig geworden. Wissen Sie, warum?

Ja, aber ich rede nicht darüber.

Woher rührt Ihre enge Bindung an den Geraer Wald-Eisenbahn-Verein?

Seitdem ich politisch in Gera tätig bin, unterstütze ich mehrere Vereine. Weil ich helfen will, bei ihrem täglichen Ringen für ein gutes Miteinander in der Stadt. Nur habe ich bis jetzt nie öffentliches Aufhebens gemacht. Ich fand es nicht opportun, die politische Karriere damit zu befeuern. In den 25 Jahren unterstützte ich den Verein als Privatperson. Mitglied geworden bin ich nirgendwo.

Was planen Sie ohne kommunalpolitisches Ehrenamt für sich?

Zunächst einmal. Die Stadtratsarbeit hat mich gerettet und mir geholfen, mit meiner ­Krankheit besser fertig zu werden. Ich brauche eine Aufgabe, die mich fesselt. Jetzt mache ich mit beim Zeitzeugenprojekt von Tilo Wetzel und Sybille Thomae und berichte aus meinem Leben. 30 Jahre nach der friedlichen ­Revolution wissen viele junge Menschen nicht genug über die Zeit der DDR und der Wende. Es dürfen nicht die selben Fehler gemacht werden, wie bei ­unserer Generation. Wir wussten zu wenig über den Faschismus, den Krieg und die Anfangszeit der stalinistischen Diktatur. Irgendwann hat man keine ­Zeugen mehr und es entstehen Legenden. Ich will helfen, ­Geschichte wahrhaftig zu vermitteln.

Wird man Sie als Gast in einem Ausschuss antreffen?

Ich denke eher nicht. Ich genieße jetzt erstmal den Abstand. Die letzten Monate waren so unerquicklich und bösartig. Manche Leute im Ausschuss sind teilweise sehr unsachlich geworden.

Bleiben Sie eine Stimme für Gera, die laut wird, wenn wie vorige Woche die Stadt verunglimpft wird?

Ja. Ich bin zugereist. Aber ich habe hier vor 40 Jahren mein Herz an meine Frau verloren. Ich bin stolz auf meine Kinder und meine vier Enkelkinder, die alle in der Stadt leben. Ich werde mich immer melden, wenn ich der Meinung bin, dass Unrecht geschieht, egal ob es Leute von außen sind oder Geraer, die ihre Ämter nicht im gebotenen Maß wahrnehmen.

Zur Person

1957 geboren in Karl-Marx-Stadt

1980 Abschluss als ­Diplomingenieur für Bauwesen (FH)

1980 bis 1986 Bauleiter in verschiedener ­Betriebe in Gera

1982 Mitglied der CDU

1986 bis 1989 Mit­arbeiter Rat der Stadt Gera

1990/91 Haupt­dezernent der Stadt ­Gera

1992 bis 1994 Nachrücker im Landtag für ­Josef Duchac

1994 bis 2004 angestellt im Landwirtschaftsministerium

seit 2004 Erwerbsunfähigkeitsrentner

1994 bis 2019 Mitglied des Geraer Stadtrates

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren