Heimat erleben: „Schneider sehen zu viel“

Pößneck.  In unserer Serie „Selbst gemacht“ stellen wir Ihnen Handarbeitskreative aus Ostthüringen vor. Heute: Ingvelde Schmidt liebt die Abwechslung im Job und die Genauigkeit ihrer Handarbeit.

Die Schneidermeisterinnen Ingvelde Schmidt (links) und Silvia Stemmler im Stoffladen Schmidt in Pößneck. 

Die Schneidermeisterinnen Ingvelde Schmidt (links) und Silvia Stemmler im Stoffladen Schmidt in Pößneck. 

Foto: Dominique Lattich

Sämtliche Farben und Muster finden sich auf den Stoffen wieder, die sorgfältig zusammengerollt in den Regalen liegen. Ingvelde Schmidt kennt sie alle und weiß, wo sie suchen muss, wenn sie etwas ganz Spezielles braucht. Um sie herum herrscht das „gesunde Chaos“, wie sie es nennt. Als Inhaberin des Stoffladens in der Gerberstraße 1 in Pößneck, hat sie aber im Laufe der Jahre noch viel mehr um sich herum als „nur“ das kleine Geschäft inmitten der Stadt: Es ist eine eigene Welt.

„Momentan gehen Masken sehr gut“, sagt die Schneidermeisterin lachend. Sie sitzt vor einer von gleich mehreren Nähmaschinen in einem kleinen Raum hinter dem Verkaufsbereich. Maßband, Scheren, Garn und kurze Stoffreste umgeben sie. Das Chaos spreche nur für das Handwerk, „denn es heißt: je chaotischer der Platz, desto genauer die Arbeit.“

Neuanfertigungensind selten geworden

Das Haus kennt sie schon lange. „Es war das Haus meiner Großeltern und nach der Wende habe ich mein Geschäft hier eröffnet“, erzählt sie, während ihr Blick durch den Raum schweift. Das eigene Geschäft war ihr Traum – und er ist es immer noch. „Ich habe das Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte“, sagt sie. Auch wenn es hart verdientes Geld sei. Aber sie wirkt zufrieden. Derzeit stehen der Handel und Änderungen im Fokus ihrer Arbeit im Laden. Neuanfertigungen sind selten geworden. Dafür hat sie aber seit mehreren Jahren ein weiteres „Baby“ aus Stoff: Patchwork. Für diese Technik gibt sie Kurse, unter anderem auch an der Volkshochschule in Rudolstadt. „Es gibt eine feste Gruppe von Leuten, die mich dabei seit etwa 15 Jahren begleiten“, erzählt sie und kramt Taschen und andere Patchwork-Werke beiläufig heraus.

Sie streicht über die Stoffe. „Sie sind speziell für Patchwork-Arbeiten“, erklärt sie. „Sie färben nicht ab und verziehen sich nicht.“ Auch, erinnert sie sich, kam ein Mann regelmäßig dazu – der Einzige in den ganzen Jahren.

„Mit einem Zollstock kam er herein und sagte immer gleich, was er wollte.“ Der Zollstock war übrigens sein Maßband, wie sie weiter erzählt und er wollte immer Sitzbezüge und Vorhänge anfertigen, was er auch sehr gut hinbekommen habe.

Es gibt einige Dinge, die man mitbringen muss, wenn man Schneiderin werden möchte. „Eine ruhige Hand gehört auf jeden Fall dazu“, sagt sie. „Gute Augen auch und vor allem aber Geduld.“ Gerade das Auftrennen ist es, was vielen schwer fällt, eine Geduldsprobe ist und am liebsten umgangen werden will. „Aber das gehört dazu.“ Wenn der Schneiderberuf mit Eintönigkeit in Verbindung gebracht wird, schüttelt Ingvelde Schmidt mit dem Kopf. „Jeder Tag ist anders, jeder Stoff ist anders, jeder Wunsch ist anders und jeder Mensch hat andere Vorstellungen.“

Über mangelnde Abwechslung kann sie sich nicht beklagen, die Herausforderungen liegen ihr und wenn sie davon erzählt, scheint es, als warte sie auf die nächste. Ihre Mitarbeiterin Silvia Stemmler nickt mit dem Kopf, während sie in ein Stück Stoff vertieft ist und kurz hinauf schaut. Sie ist ebenfalls Schneidermeisterin und gemeinsam wirken sie wie ein eingespieltes Team. Abgesehen von der Zeit, die sie im Geschäft verbringt: Kann Ingvelde Schmidt die Arbeit im Geschäft lassen und auch mal ganz privat sein? „Schneider sehen zu viel, es ist einfach stressig“, sagt sie und erklärt, dass sie jeden Faden, der an Kleidung fremder Menschen absteht gesehen und jede Kleidungskombination ganz automatisch mit den Augen abgetastet wird.

Schade findet sie, dass das Kunsthandwerkliche in vielen Branchen verloren geht. Umso mehr freut sie sich über den Zuspruch in ihren Kursen – gerade auch im Patchwork-Bereich. Es wundert sie nicht, dass es so gut läuft: „Es kann zur Sucht werden.“ Einmal von ihr gepackt, lebt die Schneidermeisterin in Pößneck ihren Traum. Obwohl er jeden Tag anderes bereit hält. Und so bleibt es selbst für sie nach all den Jahren noch immer ein Lernprozess: „Da kannste alt wern, wie ‘ne Kuh, du lernst immer noch dazu“, sagen die beiden Schneiderinnen lachend. Selbst dabei fühlt man die Verbindung der beiden zueinander. Jede Wette, dass auch dieser Satz eine Hintergrundgeschichte verbirgt.