Italienischer Fahrer vor 40 Jahren in Hirschberg erschossen

Hirschberg  Morgen vor 40 Jahren wurde der italienische Lastwagenfahrer Benito Corghi am Grenzübergang Hirschberg von Grenzsoldaten der DDR erschossen, als er zurückgelassene veterinärmedizinische Unterlagen abholen wollte.

Auch die italienische Zeitung Il Messaggero berichtete in ihrer Online-Ausgabe über den am Freitag vor 40 Jahren am DDR-Grenzübergang erschossenen italienischen Lkw-Fahrer Benito Corghi. Foto:

Auch die italienische Zeitung Il Messaggero berichtete in ihrer Online-Ausgabe über den am Freitag vor 40 Jahren am DDR-Grenzübergang erschossenen italienischen Lkw-Fahrer Benito Corghi. Foto:

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Am Abend des 5. August 1976 traf mit dem Vermerk ,,Nur zur Information, interne Dienstmeldung‘‘ eine alarmierende Nachricht des ADN-Korrespondenten aus Rom in Ost-Berlin ein.

Opfer hinterlässt Frau und zwei Kinder

Die Zeitung der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) ,,L’Unita‘‘ habe folgende Meldung in Umlauf gebracht: ,,Ein italienischer Lkw-Fahrer wurde heute Morgen von den Grenzsoldaten der Deutschen Demokratischen Repu­blik erschossen, die an einem Grenzkontrollpunkt zwischen den beiden Deutschlands das Feuer auf ihn richteten. Es handelt sich um Benito Corghi, 38 Jahre alt, aus Rubiera (Reggio Emilia), bei einer Firma beschäftigt, die auf den Fleischtransport zwischen den sozialistischen Ländern und Italien spezialisiert ist.‘‘ Der italienische Geschäftsträger in Ost-Berlin habe die Nachricht von dem Zwischenfall um 18 Uhr erhalten und ,,den energischen Protest der italienischen Regierung zum Ausdruck‘‘ gebracht. ,,Benito Corghi, der Mitglied der Italienischen Kommunistischen Partei war..., hinterlässt seine Ehefrau, Silvana Bartarelli, und zwei Kinder: Loretta 18 Jahre alt, und Alessandro, 15. Der so hart betroffenen Familie Corghi sprechen die Kommunisten der Region ihr brüderliches und tief empfundenes Beileid aus, dem sich die ­Redaktion anschließt.‘‘

Die kommunistische Provinzzeitung ,,Il Popolo‘‘ verbreitete ebenfalls am Abend des 5. August 1976 ein Kommuniqué der PCI-Provinzleitung von Reggio Emilia zu dem Grenzzwischenfall. Darin hieß es: ,,Eines unserer aktiven Mitglieder, der ­38-jährige in Rubiera ansässige Benito Corghi, wurde in der vergangenen Nacht auf tragische Weise getötet, unter Umständen, die von den Grenzsoldaten der DDR noch völlig geklärt werden müssen. Genosse ­Corghi übte in diesem Augenblick seine Tätigkeit als Fahrer der Gesellschaft ,,Ara‘‘ aus, die den Fleischtransport der DDR nach Italien abwickelt.

Parteiübergreifender Protest in Italien

Die italienische Regierung zeigte sich durch die ,,würdige Aufbahrung der Leiche‘‘ in Jena nicht beeindruckt. Im italienischen Parlament protestierten erstmals alle Parteien von der kommunistischen KPI bis zur faschistischen FSI gegen die Erschießung Corghis.

Am 7. August 1976 bestellte das Außenministerium in Rom den Geschäftsträger der DDR-Botschaft Lehmann ein und bat um schnellstmögliche Übermittlung der Untersuchungsergebnisse über die Todes­umstände von Benito Corghi. Außerdem müsse die DDR der Witwe Corghi und ihren beiden Kindern eine angemessene Entschädigung zahlen. DDR-Botschafter Klaus Gysi bemühte sich in Gesprächen mit führenden KPI-Funktionären um eine Beruhigung der Lage und bot Verhandlungen über eine Entschädigungszahlung der DDR an. Der Mailänder Rechtsanwalt Piero Carozzi bezifferte die Schadensersatzansprüche der Hinterbliebenen nach dem noch zu erwartenden Einkommen des 38 Jahre alten Todesopfers auf 99 216 000 italienische Lire .

Angesichts des internatio­nalen Aufsehens nahm sich am 12. August 1976 Erich Honecker der ­Sache an und beauftragte sein Außenministerium, einen Vorschlag zur Höhe der Entschädigungszahlung vorzulegen. Eine Woche später telegrafierte der 1. Stellvertretende DDR-Außenminister Herbert Krolikowski an Botschafter Klaus Gysi nach Rom, er könne bei den Verhandlungen bis zu einer Entschädigungshöhe von 50 000 Mark gehen – gemeint waren damit „Valutamark“ also West-DM. Er bitte dringend gemäß Auftrag zu handeln, da Erich Honecker persönlich auf eine Regelung im „Geiste der Humanität“ dringe.

Todesschütze vor Gericht freigesprochen

Als Honecker der Entschädigungsvorschlag in Höhe von 50 000 DM vorlag, setzte er die Summe auf 80 000 DM hoch, das entsprach umgerechnet 25 Millionen Lire. Außerdem erhielt Botschafter Gysi von DDR-Außenminister Oskar Fischer den Hinweis, ,,falls die Familie Corghi den Wunsch hat, dass die Kinder in der DDR ausgebildet werden oder eine Unterstützung für die Ausbildung wünscht, sollte dem entsprochen werden.“ Außerdem sei der Familie anzubieten, zu einem ihr genehmen Zeitpunkt Urlaub in der DDR zu ­machen. Diesem Ansinnen kam die Familie nicht nach.

Bis zum Ende der SED-Diktatur blieb die Entschädigungszahlung an die Familie Corghi der einzige Fall eines zumindest symbolischen Schuldeingeständnisses der politischen Verantwortungsträger des DDR-Grenzregimes. Der Todesschütze, Gefreiter Uwe S. (Jg. 1956), und seine Vorgesetzten wurden 1994 vom Landgericht Gera hingegen vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung freigesprochen. (Wird fortgesetzt)

Der Autor ist Mitglied des Grenzerstammtischs Carlsgrün-Schlegel

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