Kneipengeschichten aus Jena: Tingeltangel im Jenaer Paradies

Jenaer Kneipengeschichten: "Ab ins PK" - das war in den 1950er-Jahren und noch um 1988/89 geflügeltes Wort in ­Jena, und gemeint waren damit die Wochenend-Tanzabende im Paradies-Café, die hauptsächlich ein Publikum ansprachen, das nicht auf Jazz- oder Rock­musik eingestimmt war.

1937 als "Schmuckstück" errichtet, das Paradies-Café, immer noch bekannt unter dem Kürzel PK. Aufnahme aus dem Jahre 1954 Stadtarchiv Jena
Repro: Stadtarchiv Jena

1937 als "Schmuckstück" errichtet, das Paradies-Café, immer noch bekannt unter dem Kürzel PK. Aufnahme aus dem Jahre 1954 Stadtarchiv Jena Repro: Stadtarchiv Jena

Foto: zgt

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Jena. Nach Meinung der HO, die das Café seit 1. Januar 1954 ­betrieb, handelte es sich um "gediegene Unterhaltung" für Gäste, die nicht unbedingt auf die Höhe der Zeche zu achten brauchten. Daher fuhren nicht selten die Genossen der Volkspolizei vor, Schlägereien zu ­beenden oder Volltrunkene in Ausnüchterungszellen zu transportieren. Aber an sonnigen Wochenend-Nachmittagen hatte das Café einen guten Ruf; da war es fast immer gut besucht oder überfüllt - mit gediegenem Konditoreiangebot.

Der Begriff PK ist heute noch geläufig und hat etwas mit der Entstehung des Hauses zu tun. Die Nazis mochten fremdländische Begriffe wie Café nicht und nannten deshalb das am 31. Juli 1937 eröffnete Etablissement unter dem Oberbegriff "Gast- und Raststätte" schlicht eingedeutscht "Paradieskaffee". PK ist also LTI, die Sprache des Dritten Reiches, eine Nebensächlichkeit, aber man sollte sie beachten.

Die "Jenaische Zeitung" ergoss sich am 31. Juli 1937 im Überschwang, als sie das "Schmuckstück besonderer Art" pries und dabei die Rolle des Oberbürgermeisters betonte, der laut Artikel die Anregung für den Bau gegeben und den Architekten Walter Engelhardt mit dem Entwurf betraut hatte. Engelhardts Ruf in Jena war ­unbestritten. Zusammen mit ­seinem Vater Paul und dem ­Architektenduo Schreiter & Schlag errichtete er u."a. das Heimstättenviertel.

Bei diesem OB handelte es ich um den ehemaligen Postsekretär Armin Schmidt, der bereits in den 1920er-Jahren in der NSDAP Karriere machte, zum Kreisleiter aufstieg und im Mai 1933 ohne Wahl die Nachfolge des SPD-Oberbürgermeisters Dr. Alexander Elsner antrat. Elsner wurde unter dem Jubel von SA-Männern und applaudierender Menge von Jenaer Einwohnern aus dem Rathaus gejagt und in der Öffentlichkeit als ­korrupt und bestechlich hin­gestellt. Schmidt hingegen schlüpfte sofort in die Rolle des "sozialen Wohntäters", beglückte Jena seit 1935 mit jährlichen Paradiesfesten, dem mit großem Pomp gefeierten 700-jährigen Stadtjubiläum im Sommer 1936 und vielen anderen Brot- und Spiele-Gedanken. Doch alles war nur geklaut. Die Idee des Volksparkes Paradies mit ­Gastronomie war bereits unter Elsner diskutiert, aber wegen ­Inflation und späterer Wirtschaftskrise nicht weiter verfolgt worden.

Letztlich spielten bei der Errichtung des PK die Kosten keine Rolle. Wegen der unmittel­baren Nähe zur Saale mussten die Kellerräume gegen das Grundwasser besonders sorgfältig abgedichtet werden. Das ­geschah über einen Eisenbetonkranz, der die einzelnen Pfeiler bis zum Kiesgrund in drei Meter Tiefe zusammenhielt. Angesichts solcher schwierigen Verhältnisse hätte der Bau gar nicht erst stattfinden dürfen, aber Schmidt brauchte dieses "Schmuckstück", und Engelhardt fand, weil Geld keine ­Rolle spielte, diese geniale ­Lösung. Der Bau erfolgte in der Regie der Städtischen Brauerei, und erster Pächter war der Konditormeister Alfred Wienke jun., dessen Vater bereits vor dem ersten Weltkrieg in der Johannisstraße das berühmte Café Wienke begründete.

Noch im Juni 1945, also unter amerikanischer Besatzung, pachtete ein Kaufmann namens Paul Nauck das Haus von der Stadt und konnte es auch weiterführen, obwohl sich im Juli 1945 (nunmehr unter Sowjetherrschaft) verschiedene Mitglieder der Wirtschaftsgruppe des Gast- und Beherbergungsgewerbes gegen Nauck als "Gewerbefremden" wandten und Gastwirte, deren Lokale zerstört worden waren, als Betreiber sehen wollten. Doch da die Genannten stadtbekannte Nazis waren, blieb Nauck Pächter, vermutlich bis zur PK-Übernahme durch die HO.

Zwei Besonderheiten aus dieser Zeit sind noch zu vermelden und in den Bauakten bzw. den Unterlagen des Stadtarchivs nachzulesen. Als am 4. Juni 1946 der Hochbunker in der Knebelstraße (heute befindet sich hier des Busbahnhof) von sowjetischen Soldaten gesprengt wurde, war der Luftdruck so stark, dass trotz aller ­Sicherheitsvorkehrungen im Paradies-Café 58 normale Fensterscheiben und 25 aus so ­genanntem Kathedralglas zu Bruch gingen. Binnen kürzester Zeit waren aber alle Schäden ­behoben. Nauck muss also in Zeiten, als Fensterglas absolute Mangelware war, beste Verbindungen gehabt haben. Auch in Sachen Unterhaltung. Er suchte im September 1946 um die Erlaubnis nach, seine Tanztees mit "kabarettistischen Vorstellungen" zu bereichern und erhielt hierfür die Genehmigung am 23."September 1946 mit heute sehr vergnüglich zu lesender ­Begründung: "Wenn im neu eingerichteten Kaffee Mankel gelegentlich eine Sängerin auftritt, ohne dass Gefahr eines Tingeltangelabsinkens besteht, so ist es nur billig, im gleichen Umfang dem Antragsteller Nauck entgegenzukommen."

Auch wenn jetzt Leser aufschreien, die hier schöne Stunden verlebten: das PK war immer Tingeltangel, und an vielen Wochenenden musste unsere tapfere Volkspolizei, ob sie nun wollte oder nicht, die Patenschaft übernehmen.

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