KZ für Jugendliche: Jenaer Student ist Nazi-Verbrechen auf der Spur

Jena  Der Historiker erforscht gemeinsam mit Mitstreitern die Geschichte von Jugend-Konzentrationslagern im dritten Reich. Ein neuer Verein soll die Aufarbeitung voranbringen.

Sören Groß, gebürtiger Greizer und Student aus Jena, will gemeinsam mit seinem neuen Verein die dunkle Vergangenheit von Friederike Wieking aufarbeiten, hier in der Mitte auf einem Familienbild. Foto: Tino Zippel

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„Viele wissen nicht, dass es im dritten Reich Jugend-Konzentrationslager gab, in denen vornehmlich deutsche Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren eingewiesen worden sind“, sagt Sören Groß.

Der 25-Jährige stammt aus Greiz und studiert an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Geschichte, Philosophie und Latein. Mit sechs weiteren Mitstreitern hat er den Verein Curriculum Vitae gegründet, um die Geschichte der „Jugendschutzlager“ aufzuarbeiten.

Die Idee, diese zu errichten, entstand im Reichsverteidigungsrat unter Vorsitz von Hermann Göring. Die Begründung: Es drohe die Verwilderung der Jugend während des zweiten Weltkrieges. „Es galt, sittlich gefährdete, kriminelle oder asoziale Jugendliche vom Volkskörper zu isolieren“, erläutert Groß.

Vergessene Konzentrationslager

Die Errichtung sei unter Zustimmung von Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich erfolgt. In Moringen (Niedersachsen) und in der Uckermark (Brandenburg) entstanden die Einrichtungen, die baulich mit Konzentrationslagern vergleichbar waren: Zwei Stacheldrahtzäune umgaben das Werkhaus und die Baracken. Es gab Wachtürme und Einsicht­blenden. Wie Recherchen ergaben, mussten die Jugendlichen täglich mehr als zehn Stunden Zwangsarbeit leisten. Die Unterbringung erfolgte unter unwürdigen Bedingungen. Nur aller 14 Tage war Duschen erlaubt. In Moringen waren 1231 Jungen untergebracht. Im Jugendlager Uckermark internierte das Regime 1200 Frauen – dort fanden auch Zwangssterilisationen statt.

Eine zentrale Rolle spielt Friederike Wieking. Sie leitete ein Referat im Reichskriminalpolizeiamt sowie die Reichszentrale zur Bekämpfung der Jugend­kriminalität. „Über ihren Namen bin ich dazu gekommen, mich stärker den vergessenen Konzentrationslagern zu widmen. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto interessantere Details traten zu Tage“, berichtet Groß.

Wieking war von der einfachen Wohlfahrtspflegerin in höchste Kreise aufgestiegen. Ab 1919 arbeitete sie als polizeiliche Fürsorgerin für sittlich gefährdete Mädchen. 1927 beauftragte sie der preußische Innenminister mit der Bildung der Weiblichen Kriminalpolizei. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme änderte sich auch die Ausrichtung der Weiblichen Kriminalpolizei – Wieking wurde schließlich auch die fachliche Leitung der Jugend-Konzentrationslager Moringen und Uckermark übertragen. Zeitzeugen beschreiben sie als kalt, strikt, herrisch, sehr männlich. Auch vor Gewalt sei sie nicht zurückgeschreckt.

Jugendliche wurden ohne Urteilsspruch durch die Justiz in die Lager übernommen: ein polizeiliches Verfahren und die Anordnung des Jugendamtes genügen – das letzte Wort hatte Wieking, die aber ein persönliches Geheimnis hütete. Sie war wohl mit ihrer Sekretärin liiert, berichtet Groß.

Nach dem Krieg saß Wieking in Speziallagern ein, zuletzt ab September 1948 bis Februar 1952 im Speziallager Nummer 2 in Buchenwald. Laut Groß wurde sie weder bei den Waldheimer Prozessen angeklagt, noch war sie vom Uckermark-Prozess betroffen. „Sie tauchte in West-Berlin unter und lebte dort mit ihrer Lebensgefährtin bis zu ihrem Tod 1958.“ Kurz zuvor brachte sie noch einen Schriftband heraus, in dem sie die Gräueltaten rechtfertigte.

Groß und seine Mitstreiter wollen nun das Leben der Frau genauer ergründen. Er stand bereits in Kontakt mit einer Nachfahrin, die auch Dokumente zur Verfügung stellte. Sein Professor, der Jenaer Historiker Norbert Frei, unterstützt ihn beim Projekt. Durch seine Hilfe öffnen sich Türen zu verschiedenen Archiven, in denen Groß bereits recherchiert hat.

Verein will zwei Bücher herausgeben

Über den neugegründeten Verein, der in Pforzheim angesiedelt ist, aber auch über eine Außenstelle in Jena verfügt, hofft der Student, Gelder für die weitere Forschungsarbeit einzuwerben. Ziel ist, zwei Bücher zu veröffentlichen. Zum einen wollen die Vereinsmitglieder die Erkenntnisse zu Wieking niederschreiben, zum anderen wissenschaftlich die Entwicklung der Weiblichen Kriminalpolizei nach der Nazi-Machtübernahme aufarbeiten.

„Die Täter sind unzureichend zur Verantwortung gezogen worden. Wir wollen uns vor den Opfern verneigen, die nie für die Zwangsarbeit entschädigt worden sind“, sagt Groß, der auch Schulklassen über die Jugend-Konzentrationslager aufklären will. Zudem plant er, nächstes Jahr seine Staats­examensarbeit über das Thema zu schreiben.

Kontaktmöglichkeit zu Sören Groß: soeren.gross@uni-jena.de

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