Menschen in Jena: der Historiker Immanuel Voigt

Jena  Der Historiker Immanuel Voigt ist immer auf der Suche nach neuen Erkenntnissen über die Geschichte der Jenaer Region.

Immanuel Voigt.

Immanuel Voigt.

Foto: Barbara Glasser

In Lichtenhain gab es im Ersten Weltkrieg ein Lazarett für Sanitätshunde, das ist wohl nur wenigen Jenaern bekannt. Und in der Friedenskirche erinnert eine Plakette an einen jungen Mann aus Jena, der 1809 in der Schlacht bei Ober Au im heutigen Südtirol gefallen ist. – Das sind nur zwei der historischen Details, mit denen sich der Historiker Immanuel Voigt in der nächsten Zeit beschäftigen wird. Wenn er sich mit solchen Geschichten befasst, versucht er, Informationen aus alten Büchern, Zeitungen und mitunter von Zeitzeugen zu bekommen. Häufig arbeitet er auch in Archiven, sucht in der Jenaer Umgebung nach steinernen Zeugnissen der Vergangenheit. „Da gibt’s zum Beispiel im Mühltal den so genannten Stiebritzstein. Der ist zur Erinnerung an eine junge Frau gesetzt worden, die im Februar 1830 auf dem Weg von Jena nach Isserstedt im Hochwasser der Leutra ertrunken ist“, sagt Immanuel Voigt. Er habe eine ganze Weile im Wald nach diesem Stein gesucht. Und es sei gar nicht so leicht gewesen, den nahezu zugewachsenen Stein zu finden. Die Idee zur Suche habe er aus einem Buch entnommen, dort aber sei die Geschichte gar nicht so genau erzählt gewesen. Für ihn sei es wie ein Abenteuer, Licht in solche alten, nahezu unbekannten Geschichten zu bringen. „Ich freue mich dann sehr, wenn ich neue Hinweise und Fakten finde. Und wenn andere Leute, die sich für solche Dinge interessieren, sich auch freuen, so etwas zu erfahren, dann teile ich sehr gern meine Erkenntnisse“, erzählt er. Es bereite ihm eine übergroße Freude, etwas herauszufinden, was heute so gar nicht mehr bekannt ist.

Bereits in der Schulzeit in Zwickau beschäftigte sich Immanuel Voigt gern mit Heimatkunde, interessierte sich für die Geschichte von Land und Leuten. Und so lag es nahe, nach dem Abitur Geschichte zu studieren. Weil eine Immatrikulation an der TU in Berlin holterdiepolter bereits nach Beginn des Semesters ins Haus flatterte und Immanuel auch so schnell keine Bleibe in Berlin hatte, entschied er sich, ein Jahr im väterlichen Betrieb zu arbeiten und seinen Vater bei Restaurations- und Malerarbeiten zu unterstützen. Erst danach, im Jahr 2005, startete er ins Studium, zunächst in Chemnitz mit der Fachkombination Anglistik/Neuere Geschichte. „Anglistik fand ich dann nicht so toll“, sagt er zu seiner damaligen Studienwahl. Freunde empfahlen ihm dann die Friedrich-Schiller-Universität. Dazu kam, dass seine heutige Frau auch in Jena studierte. Also wählte er hier an der FSU nun die Kombination Neuere Geschichte/Mittelalterliche Geschichte und Religionswissenschaften und wurde 2011 zum Magister gekürt. Damit nicht genug, er setzte die wissenschaftliche Arbeit gleich mit der Dissertation fort – und damit auch die Beschäftigung mit der Militärgeschichte. Inzwischen gilt er da als Experte, hat über die Luftstreitkräfte im Ersten Weltkrieg ebenso geschrieben wie die Gebirgsjäger zu dieser Zeit.

Besonderes Interesse für Militärgeschichte

Ja, Militärgeschichte interessiere ihn sehr, sagt er schmunzelnd und verweist auf das jüngst erschienene Buch über die „Blinkerei“ im Ersten Weltkrieg, wovon in Jena das so genannte Blinkerdenkmal auf dem Landgrafen zeugt. Aber beschränken auf die Militärgeschichte möchte er sich beileibe nicht, keinesfalls. Dafür sei die Geschichte, auch die der Jenaer Region, viel zu mannigfaltig. Viele, viele Zeugen der Vergangenheit wollten doch noch entdeckt und erklärt werden. Da gebe es zum Beispiel das Denkmal für den Forstrat Daniel im Mühltal, der dort von seinem Pferd gestürzt war. Oder das Sachsengrab in Zwätzen, wo 46 Soldaten, die in der Schlacht bei Jena von 1806 verletzt worden und vermutlich dann im Lazarett auf dem Gelände des Alten Gutes gestorben waren.

Immanuel Voigt kann viele Geschichten erzählen. Denn immer ist er auf der Suche nach neuen historischen Informationen, auf der Spur von alten Steinen und Schildern. Unlängst hatte ihm ein alter Kunitzer über ein Flugfest in Kunitz im Jahr 1926 erzählt, auch darüber wird er weiter recherchieren. „Es ist ein ganz besonderer Reiz, Altes wiederzuentdecken, auch Dinge, die heute noch Aktualität haben, oder Sachen, die in Vergessenheit geraten sind, neu zu beleuchten.“ Und er möchte die alten Geschichten erzählen, so dass sie in Erinnerung bleiben. Deshalb schreibt Immanuel Voigt nicht nur für Fachzeitschriften, sondern auch für Zeitungen, damit ein möglichst breiter Leserkreis Interessantes aus der Geschichte erfährt.

Freilich weiß er, dass er mit diesem Hobby, das ja gleichzeitig seine Arbeit ist, nicht reich werden kann. Deshalb bietet er auch private historische Recherchen an, etwa zu Familiengeschichten. Und nicht zuletzt gibt er Kurse an mehreren Volkshochschulen, nein, nicht zur Militärgeschichte, er lehrt die Teilnehmer, die altdeutsche Handschrift zu lesen, um damit eigene Nachforschungen betreiben zu können. – Aber dann treibt‘s ihn wieder raus. Denn neben der Plakette in der Friedenskirche für den gefallenen Soldaten, der in einem Bataillon des Regiments der Herzöge von Sachsen diente, gibt es auch in der Kirche von Cospeda einen Hinweis auf diese Einheit. Und dem will Immanuel Voigt nachgehen, will auch diese Geschichte erzählen.

Immanuel Voigt ist Autor unserer Serie „Stumme Zeugen“

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