Museumstag im Saale-Holzland: Gespräch mit einem Restaurator über die einfachen Dinge

Renthendorf  Restaurator Thomas Wurm erklärt, warum auch einfache Dinge es wert sind, für die Nachwelt erhalten zu werden.

Restaurator Thomas Wurm aus Erfurt zeigt eine aufwendig restaurierte Lackschilduhr aus dem Nachlass von Alfred Brehm.

Restaurator Thomas Wurm aus Erfurt zeigt eine aufwendig restaurierte Lackschilduhr aus dem Nachlass von Alfred Brehm.

Foto: Frank Kalla

Wenn an diesem Wochenende zum Internationalen Museumstag beispielsweise wieder das Keramik-Museum in Bürgel, die Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf oder die Heimatstube Zschorgula ihre Pforten für Besucher öffnen, werden auch wieder zahlreiche Exponate aus vergangenen Zeiten zu bestaunen sein. Worüber sich die Gäste die wenigsten Gedanken machen werden, ist, dass viele Zeitzeugnisse ohne die Hilfe erfahrener Restauratoren längst ein Fall für den Sperrmüll geworden wären.

Ein Schicksal, das auch etlichen Gegenständen aus dem Nachlass des berühmten „Thierforschers“ Alfred Brehm in Renthendorf gedroht hatte. Dem diplomierten Metallgestalter und Restaurator Thomas Wurm aus Erfurt beispielsweise ist es zu verdanken, dass die fünf Uhren, die sich in Brehms Besitz befanden, nicht nur wieder ticken, sondern zwei Uhren praktisch „Fünf Minuten vor Zwölf“ der Nachwelt erhalten werden konnten. Monatelang saß der Restaurator 2018 über den historischen Stücken und schaffte es, verdreckter und teilsweise kaputter Schwarzwälder Uhrmacherkunst wieder Leben einzuhauchen.

Schwarzwälder Uhren, sagt der Restaurator, habe es zu Lebzeiten Alfred Brehms (1829 bis 1884) wie Sand am Meer gegeben. „Die Dinger sind in teils immensen Stückzahlen nach ganz Europa und in die USA exportiert worden.“ Allein nach Frankreich habe man in einem Jahr 300.000 Stück ausgeliefert. „Das war eine riesige Industrie im Schwarzwald.“ Es habe Schildermaler gegeben, Schnitzer und andere Produzenten. Obwohl die Uhren in großer Stückzahl hergestellt worden seien, sei trotzdem jede Uhr ein Unikat. „Die Herstellung lag ja in vielen Händen.“

Vier Schwarzwälder Uhren nannten die Brehms einst ihr eigen: eine Standuhr aus dem Jahr 1789 mit Viertel- und Vollschlag, eine Küchenuhr mit eingebauten Wecker, eine Lackschilduhr und natürlich eine der berühmten Kuckucksuhren. Hinzu kam als Krönung – und nicht aus dem Schwarzwald – eine Kaminuhr, die um 1860 hergestellt worden sein muss. „Eine Kaminuhr hatte damals nicht jeder.“

Wo genau die Uhren damals im Brehm-Haus standen, weiß man heute nicht mehr genau, dass die Stücke dem Tierforscher gehörten, ist verbrieft. „Alfred Brehm schwärmte für Kuckucksuhren“, sagt Gedenkstättenleiter Jochen Süss.

Als Thomas Wurm, der gemeinsam mit Restauratorin Stephanie Stroh den Uhren zu Leibe rückte, die Lackschilduhr auseinander nahm, schwante ihm, dass hier eine Herkulesaufgabe vor ihm lag. „Der gesamte Pendelantrieb fehlte, von der Kette waren nur Rudimente übrig.“ Einzig die große Standuhr präsentierte sich in einem ansehnlichen Zustand. „Über die Standuhr muss sich schon einmal jemand hergemacht haben, der Ahnung hatte.“

Gewichtsangetriebene Uhren, wie die Schwarzwälder, repariert man nicht einfach so, wenn hölzerne Wellen zerbrochen sind, der Pendelantrieb fehlt oder der Holzwurm bereits ganze Arbeit geleistet hat. Mehrre Wellen – zehn Zentimeter lang und acht Millimeter im Durchmesse – beispielsweise musste Wurm bauen, ehe er die richtige in eine der Uhren einbauen konnte. „Jedes Teil in einer der Uhren war ja ein Unikat. Da gibt es nichts von der Stange.“

Das nächste Problem war das verklebte Öl in den Uhren, die jahrzehntelang nicht mehr aufgezogen worden waren. „Nur eine stetige Bewegung hält das Öl geschmeidig“, erklärt der Restaurator, der an Jochen Süss appellierte, die Schwarzwälder doch bitteschön immer am Laufen zu halten.

Gemeinsam mit Stephanie Stroh schaffte es Wurm, harzige Verbindungen zu entfernen. Mit verschiedenen Substanzen wie destilliertem Wasser wurden Fliegenkot und Nikotinrückstände von den Uhren entfernt. „Bei der Küchenuhr war irgendwann etwas drüber gelaufen, die Abziehbilder waren zerstört. Die haben wir behutsam restauriert“, erzählt Stroh.

Wie neu sehen die Uhren nach der Restaurierung aber nicht aus. „Die Patina sollte drauf bleiben, die Stücke das Gefühl vermitteln, die seien gut gepflegt“, erklärte Stroh den selbst gesteckten Anspruch.

Doch stehen die restauratorischen Kosten in Höhe von mehreren 1000 Euro im Einklang mit dem Wissen, dass Schwarzwälder Uhren aus jener Zeit keine Seltenheit sind? „Sie waren Bestandteil des alltäglichen Lebens der Brehms“, nennt der Restaurator einen wesentlichen Grund, die Uhren für die Nachwelt zu erhalten.

Auch wenn die Brehms gut mit Zeitmessern versorgt waren: Ob die tickenden Kunstwerke wirklich die richtige Zeit im Renthendorfer Haus anzeigten, bleibt fraglich. „Ein bis zwei Minuten in der Woche laufen die Uhren schon ungenau. Das spielte aber keine große Rolle: Zu jener Zeit war der Kirchturm das Maß aller Dinge“, sagt Thomas Wurm. Nach der Kirchturm-Uhr hätten sich alle gerichtet und auch zu Hause ihre Uhren so gestellt, wie sie am Turm angezeigt wurde.

Jedem Pfarrer wäre damit ein leichtes Unterfangen gewesen, die Zeit im Ort nach seinem Gutdünken festzulegen. „Das änderte sich erst mit der Erfindung des Radio. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Zeit tatsächlich überall anders.“

Süss trägt derweil Sorge, dass die eingelagerten Zeitmesser gut behandelt werden, das heißt, es zu keinen wesentlichen Änderungen bei der Raumtemperatur kommt. „Im Brehm-Haus haben wir ja inzwischen die besten Voraussetzungen“, verweist er auf die abgeschlossenen Sanierungsarbeiten.

Zum Museumstag am Sonntag haben die Besucher der Brehm-Gedenkstätte ausführlich Gelegenheit, sich über das sanierte Haus zu informieren. Vielleicht hat man auch Glück und bekommt eine der restaurierten Uhren zu Gesicht. Nicht mehr lang, dann werden diese mit ihrem Ticken die Stille in der Gedenkstätte durchbrechen.

Programm:

Zum Internationalen Museumstag, 2019 unter dem Motto „Zukunft lebendiger Traditionen“, stellen sich die Museen und museumsähnlichen Einrichtungen im Saale-Holzland erstmalig gemeinsam auf.

Am Wochenende vom 17. bis 19. Mai gibt es in den teilnehmenden Institutionen neben Vorträgen und Führungen, auch Einblicke in fast vergessene Handwerksberufe sowie zahlreiche Mitmach-Aktionen und Unterhaltungsangebote. Auch für das leibliche Wohl wird vielerorts gesorgt.

Dieses gemeinsame Programm ist unter anderem ein Resultat aus dem Museumsentwicklungskonzept, das der Saale-Holzland-Kreis Ende 2018 als erster Landkreis in Folge der Thüringer Museumsperspektive 2025 verabschiedet hat. Die Höhepunkte am Wochenende:

Freitag, 17. Mai

Tante-Irma-Museum Hummelshain:14 bis 16 Uhr Ausstellung, Mitmachen „Mit Gänsekiel schrieb Opa viel“

Sonnabend, 18. Mai

Heimatstube Neuengönna: 10 und 13 Uhr Führung und Kurvortrag „Die Schlacht bei Jena und Auerstedt“

Stadtmuseum Metznersches Haus Kahla: 11.30 und 14 Uhr Stadtführung „Highlights der Altstadt“ sowie 14 bis 16 Uhr Porzellanmalen; Kaffee, Kuchen, Bratwurst

Leuchtenburg: 11 bis 16 Uhr Vorführung „Porzellanmalerei mit der ersten Porzellanfarbe Eisenoxiderde“

Tante-Irma-Museum Hummelshain: 14 bis 16 Uhr Ausstellung, Mitmachen „Mit Gänsekiel schrieb Opa viel“

Schulmuseum und Heimat-stube Zschorgula: 14 bis 17 Uhr Ausstellung Altes Handwerk, Vorführungen Besenbinder, Kaffee und Kuchen, Bratwürste; 17 Uhr: Vortrag „Martin Pumphut im Wethautal: Hexenmeister und Mühlengeist – Was steckt hinter der Sagengestalt?“

Stadtmuseum „Alte Suptur“ Stadtroda: 15 bis 18 Uhr Sonderausstellung des Lehrermalzirkels Hermsdorf

„Rentamt“ Frauenprießnitz: 15 Uhr Vortrag Geschichte von Frauenprießnitz

Sonntag, 19. Mai

Keramik-Museum Bürgel: 10 bis 14 Uhr Vorführung eines Raku-Brandes (10 Euro für Raku)

Brehm-Gedenkstätte Renthendorf: 11 bis 16 Uhr Führungen durch das alte/neue Haus, Schleuderfest mit Imkern; 13 bis 16 Uhr Falkner-Vorführung „Mit Adler, Turmfalke und Uhu auf du und du“; 14 bis 16 Uhr Formstechen „Wie gelang die Wiederherstellung der Tapeten im Brehmhaus?“

Leuchtenburg: 11, 13 und 15 Uhr Führung durch die Erlebnisausstellungen, 14 Uhr Orgelspiel, 11 bis 16 Uhr Vorführung „Porzellanmalerei mit der ersten Porzellanfarbe Eisenoxiderde“

Museum „Zinsspeicher“ Thalbürgel: 11 bis 17 Uhr Museumsfest mit Musik, 13 und 15 Uhr historische Unterrichtseinheit

Heimatstube Wetzdorf: 13 bis 17 Uhr offen und Sonderführungen

Stadtmuseum Camburg: 14 bis 17 Uhr Mitmachen „Mach blau“ – Historische Drucktechnik zum Selbermachen

Meine Meinung: Frank Kalla über den Museumstag

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