Schrieb Goethe in der "Tanne" in Jena den Erlkönig?

Jenaer Kneipengeschichten (61): Das Gasthaus "Grüne Tanne" in Wenigenjena und seine wechselvolle Geschichte.

Das bekannte Bild mit der Camsdorfer Brücke, die 1913 einem Neubau Platz machte - fotografiert um 1910.  Foto: Stadtmuseum

Das bekannte Bild mit der Camsdorfer Brücke, die 1913 einem Neubau Platz machte - fotografiert um 1910. Foto: Stadtmuseum

Foto: zgt

Jena. Das Gasthaus "Grüne Tanne" in Wenigenjena mit der heutigen Postadresse Karl-Liebknecht-Straße 1 hat schon viele Prominente beherbergt bzw. verköstigt, unter anderem auch Goethe. Warum er zwischen November 1817 und Mai 1818 fast jeden Tag den schlichten Dorfgasthof aufsuchte und nicht die renommierten Wirtshäuser in der Innenstadt - darüber sind sich die Goethe-Forscher bis heute uneins, weil Tagebuch­notizen und Briefe so gut wie keine Auskunft geben. Eines ist aber gewiss: Sympathien für die zwei Jahre zuvor gegründete ­Jenaer Burschenschaft hegte er nicht, im Gegenteil: In einem Brief an den Berliner Komponistenfreund Karl Friedrich Zelter (1758-1832), datiert vom 16. Dezember 1817, macht er seinem Unmut über das Wartburgfest der deutschen Studenten vom Oktober 1817 Luft und bezeichnet es als "Feuerstank, den ganz Deutschland übel empfindet". Aber die Kneipe muss es ihm wahrlich angetan haben. So schwärmt er am 16. Februar 1818 (wieder in einem Brief an Zelter): "Hier verweile ich nun die schönsten Stunden des Tags, den Fluss, die Brücke, Kies, Anger und Gärten und sodann das liebe närrische Nest, dahinter Hügel und Berge und die famosesten Schluchten und Schlachthöhen vor mir." Also - das geflügelte Wort vom "lieben närrischen Nest" entstand bei einem Aufenthalt in der "Grünen Tanne" (oder kurz danach), und das Datum ist eindeutig überliefert. Erstmals übernachtete er in dem Haus am 8. und 9."Mai 1818 und mietete sich dann bis Juli 1818 mehrfach in der Mansarde ein.

Eines hält sich dennoch hartnäckig bis heute - Goethe habe seine berühmte Ballade "Der Erlkönig" in diesem Gasthof verfasst, vom Erkerfenster über die Saaleaue mit ihren Bäumen (darunter sicherlich auch Erlen) bis nach Kunitz blickend. Aber es dürften hauptsächlich Pappeln gewesen sein, übrigens von Goethe selbst in eigener Zeichnung verewigt. Und die Geschichte vom Kunitzer Bauern mit dem fiebernden und zum Schluss toten Kind - da findet sich nichts in Goethes Aufzeichnungen. "Der Erlkönig" als Teil des Singspiels "Die Fischerin" entstand in Weimar und wurde bereits 1782 im Schloss Tiefurt erstmals öffentlich zu Gehör gebracht. Zu dieser Zeit weilte Goethe zufälligerweise nicht in Jena und hatte dieses Wirtshaus noch nicht für sich entdeckt. Vielleicht helfen auch diese ­Zeilen, Jena und die "Tanne" als Entstehungsort des "Erlkönigs" ins Reich der Fabel zu verbannen. Aber warum dann das Erlkönig-Denkmal am Schloss Talstein in der Nähe von Kunitz? Das kommt später. Wann das Haus gebaut und zum Gasthof wurde - darüber gibt es weder im Stadt-, noch im Bauaktenarchiv verwertbare Unterlagen. Im Bauaktenarchiv setzt das Schriftgut aus uns unbekannten Gründen erst mit dem Jahr 1991 ein, Historisches fehlt völlig. Einer schmalen Sammlung von Zeitungsartikeln im Stadtarchiv sind einige Fakten zu ent­nehmen, doch ebenfalls nur das Bekannte zur Geschichte, ­namentlich Burschenschaften und ein wenig Goethe. Wir können lediglich über einige Zeichnungen, Kupferstiche und frühe Fotografien im Bestand des Stadtmuseums das Aussehen bis um 1900 nachvollziehen.

Etwa in dieser Zeit wurde die "Tanne" aufgestockt, wobei die Goethe-Mansarde verschwand. Die beiden Stadtarchiv-Fotos (1890 bzw. 1900) dokumentieren dies anschaulich. Die jüngere Aufnahme zeigt noch eine Besonderheit. Das "Rathaus Wenigenjena" beherbergte einen "Ratskeller". Die Bezeichnungen verschwanden aber mit der Eingemeindung des Dorfes nach Jena im Jahre 1909.

Was nach 1948 mit der "Grünen Tanne" geschah, ist nur bruchstückhaft den genannten Zeitungsartikeln zu entnehmen. So hatte hier die FDJ-Kreisleitung ihren Sitz, und in den frühen 1960er-Jahren gab es hier die Jenaer Jugendherberge mit 110 Betten. Später wurde das Haus Lager des HO-Gaststättenbetriebs, war aus der Denkmalliste verschwunden und verkam zur Ruine. Dieses "Schandmal", so befand im Dezember 1989 der Jenaer Stadtarchitekt, werde Anfang 1990 abgerissen; ein Neubau im alten Stil solle dann auch wieder Jugendherberge sein.

Bekanntlich kam alles ganz anders - die Burschenschaft Arminia erwarb das Haus, legte es bis aufs Erdgeschoss nieder und baute neu, und zwar nach dem Erscheinungsbild um 1900. Im ersten Stock ist auch die Originalfahne zu sehen, die 1817 auf dem Wartburgfest wehte und 1848 als Dreifarb "Roth-Schwarz-Gold" die Grundlage bildete für die deutsche Trikolore Schwarz-Rot-Gold.

Zu den Kommentaren