Stumme Zeugen in Jena: Der Forstturm und seine Geschichte(n)

Jena  Der Forstturm bietet nicht nur schöne Aussicht, sondern erinnert auch an Kriegstote.

Seit dem Jahr 2009 ist der Forstturm wieder begehbar.

Seit dem Jahr 2009 ist der Forstturm wieder begehbar.

Foto: Immanuel Voigt

Jetzt, wenn die Natur wieder ergrünt, zieht es bei schönem Wetter viele Menschen aus der Stadt auf die umliegenden Berge und in die Wälder von Jena. Wer dabei gern einmal einen Blick über die Dächer werfen möchte, steigt am besten auf einen der zahlreichen Türme. Wandert man zum Forsthaus, so bietet sich mitunter die Möglichkeit an bestimmten Terminen im Jahr den Forstturm zu besteigen. Auf 348 Metern über Null bietet sich eine fantastische Aussicht in sämtliche Himmelsrichtungen. Zugleich erinnert das Denkmal aber auch an die gefallenen „Söhne der Stadt Jena“ während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71. Es zählt damit sicherlich zu den imposantesten Kriegerdenkmalen in unserer Stadt und ist mit weitem Abstand auch das größte. In diesem Sommer jährt sich die Errichtung des Turms zum 145. Mal. Ein Grund also, um die Geschichte des stummen Zeugen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Jena war 1867 wie viele andere deutsche Städte auch Garnison geworden. Das III. Bataillon, des in Weimar beheimateten 5. Thüringischen Infanterie-Regiments Nr. 94 „Großherzog von Sachsen“ bezog seine Kaserne nahe des heutigen Westbahnhofs. Nur drei Jahre später folgte mit dem letzten der so genannten „Einigungskriege“ die Gründung des Deutschen Reiches. Zuvor mussten aber etliche junge Männer aus der Saalestadt in den Kampf gegen Frankreich ziehen, nachdem die Franzosen Preußen und damit dem Norddeutschen Bund am 19. Juli 1870 den Krieg erklärten. Die 94er zählten damals zur Deutschen 3. Armee, die unter dem Oberbefehl des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, dem späteren Kaiser Friedrich III., stand. Nach kleineren Grenzgefechten in Lothringen, kam es am 6. August zur Schlacht bei Wörth, die für die Deutschen mit 10 000 Toten und Verwundeten verlustreich, aber mit einem Sieg endete.

Die Zeit für ein geeintes Deutschland

Wenig später fiel zwischen dem 1. und 2. September in der Schlacht von Sedan die Entscheidung zugunsten der Deutschen. Der französische Kaiser Napoleon III. geriet mit 100 000 seiner Soldaten in Gefangenschaft. Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles schließlich das Deutsche Reich unter Führung des neuen Kaisers Wilhelm I. proklamiert. Nach Jahrhunderten der Teilstaatlichkeit war nun die Zeit für ein geeintes Deutschland gekommen. Die Franzosen kapitulieren unterdessen am 28. Januar, allerdings fanden in und um Paris, vor allem durch Aufstände der „Pariser Kommune“ noch bis in das Frühjahr 1871 Kampfhandlungen statt. Erst am 10. Mai kam es nach langen Verhandlungen zum Frieden von Frankfurt. Die deutschen Gesamtverluste beliefen sich auf 6.157 Offiziere und 123 452 Mannschaften. Davon verloren 12 Männer aus Jena ihr Leben, zehn von ihnen dienten bei den 94ern. Schaut man sich die Namen der Gefallenen genauer an, so stechen zwei besonders hervor: Zum einen Ludwig Stoy († 10.12. 1870), er war einer der Söhne des Pädagogen Karl Volkmar Stoy. Zum anderen Adolph Luden († 13.1.1871), ein Enkel des bekannten Historikers Heinrich Luden, der ähnlich wie Stoy eng mit Jena verbunden war. Die Ziffer der Jenaer Gefallenen läge natürlich noch höher, wenn man die später eingemeindeten Stadtteile hinzuzählen würde.

Grundstein wurde beim Friedensfest 1871 gesetzt

In zahlreichen Städten des Deutschen Reiches wollte man des siegreichen Krieges und der Gefallenen gedenken, was zumeist mit der Errichtung von Denkmalen zum Ausdruck gebracht wurde. Anlässlich der Rückkehr der siegreichen Truppen wurden vielerorts um den 18. Juni 1871 Friedensfeste veranstaltet, so auch in unserer Stadt.

Bei dieser Gelegenheit setzte man den Grundstein für das Kriegerdenkmal am Forsthaus. Bis zur Vollendung des Baus dauerte es noch exakt drei Jahre, dann konnte am 18. Juni 1874 die Weihe erfolgen. Entstanden war dabei ein 25 Meter hoher Turm, der auf einem achteckigen Unterbau mit Galerie ruht. In acht gleichgroßen Nischen sind jeweils acht Metallplatten und darüber je ein Ehrenkranz aus Metall angebracht. Auf den Platten sind die Widmungsworte, die Namen der gefallenen Jenenser und der toten Studenten zu lesen, hinzu kommen die Schlachten, an denen die 94er während des Krieges teilnahmen und nicht zuletzt die Namen der Gefallenen der 4. Kompanie des Infanterie-Regiments Nr. 94.

Den Baugrund hatte der Kaufmann Ludwig Weimar unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Das Baumaterial aus Jenaer Muschelkalk wurde in den umliegenden Steinbrüchen gebrochen und vom Jenenser Maurermeister Hugo Böhme schließlich kunstvoll in Szene gesetzt. Die Gesamtkosten von 3000 Talern konnten durch Spenden finanziert werden. Die Weihe selbst wurde zum Volksfest.

Am 18. Juni 1874 trafen sich gegen 13.30 Uhr die Festabordnungen, bestehend aus Angehören des III. Bataillons der 94er, Kriegervereinen, Gesangsvereinen, Honoratioren von Stadt und Universität, Studenten- und Schülerschaft, Angehörigen von Gefallenen und Bürgerschaft am Fürstengraben. Die Stadt selbst bot ein buntes Bild, da viele Häuser mit Flaggen, wie auch der Festzug selbst, geschmückt waren. Anschließend zog die Gesellschaft über die Johannisstraße zum Markt, dann zum Holzmarkt und „Engelgatter“ hinauf auf den damals noch als „Galgenberg“ bezeichneten Friedensberg, bis man gegen 15 Uhr am Forst ankam.

Kriegerdenkmal wird zum beliebten Ausflugsziel

Dort wurde das bekannte Lied von Martin Luther, „Eine Fest Burg ist unser Gott“ gesungen. Danach gaben die Gesangsvereine ein eigens komponiertes Weihelied zum Besten, worauf das Denkmal in den „Schutz“ der Stadt übergeben wurde. Oberstleutnant von Gélieu von den 94ern ließ daraufhin ein „Hoch!“ auf Kaiser Wilhelm I. ausrufen. Damit war die Weihe beendet und die Volksmenge zerstreute sich im Wald rund um den Turm und das Forsthaus. Immerhin sollen bis zu 5000 Menschen dem Ereignis beigewohnt haben.

Die kommenden Jahre verlebte das Denkmal eher ruhig. 1885 ging es ganz in städtischen Besitz und Verwaltung über. Bis zum Ersten Weltkrieg und auch in den Jahren danach blieb das Kriegerdenkmal ein beliebter Ausflugsort, was immer wieder auch auf Postkarten festgehalten wurden.

In der DDR-Zeit war es dann um die Bausubstanz nicht mehr ganz so gut gestellt, sodass der Turm Ende November 1958 für die Öffentlichkeit gesperrt wurde. Stattdessen diente er als Antenne, als man kurz darauf einen Fernsehkanalumsetzer installierte. Dass es tatsächlich gut 50 Jahre dauern würde, ehe die Jenenser das Denkmal wieder erklimmen sollten, hätte wohl niemand geahnt.

Dem Engagement der 2006 gegründeten „Berggesellschaft Forsthaus e.V.“ ist es schließlich zu verdanken, dass der Turm wiedereröffnet werden konnte. Seit dem 13. September 2009 ist dieser stumme Zeuge nun wieder begehbar.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.