Stumme Zeugen in Jena: Die Geschichte des Burschenschaftsdenkmals

Jena  Der Unbequeme: Das Jenaer Burschenschaftsdenkmal sorgte in der Vergangenheit für zahlreiche Diskussionen. Nach einer Farbattacke ist es noch immer eingehaust.     

Das Jenaer Burschenschaftsdenkmal aufgenommen 2006, fünf Jahre vor dem Farbanschlag.

Das Jenaer Burschenschaftsdenkmal aufgenommen 2006, fünf Jahre vor dem Farbanschlag.

Foto: Immanuel Voigt

Befährt man den Fürstengraben, egal ob stadtein- oder auswärts, und wirft einen Blick auf den „Urbursche“ am Universitätshauptgebäude, dann wirkt es beinahe so, als würde er schon eine gefühlte Ewigkeit unter seinem „Dach“ stehen.

In der Tat sind in diesem Sommer bereits acht Jahre seit dem verheerenden Farbanschlag auf das Denkmal vergangen. Die Einhausung ist längst ein Teil des Stadtbildes geworden, und die Debatte „Wohin mit diesem stummen Zeugen“ dauert weiter an, wie wir in den vergangenen Jahren des Öfteren berichteten. Dass dieser Bursche durchaus wanderfreudig war und somit sicherlich auch einen neuerlichen Umzug überstehen wird, zeigt ein Blick in die Geschichte des Denkmals.

Schon zum 50. Jubiläum des Wartburgfestes 1867 kam die Idee auf, der Jenaer Urburschenschaft und deren Gründungsvätern ein Denkmal zu stiften. Die Initiative versandete aber zunächst und nahm erst in den 1870er Jahren wieder Fahrt auf. 1874 wurde ein Aufruf erlassen, der dazu aufforderte, Entwürfe für den geplanten Gedenkstein einzusenden. Künstler aus ganz Deutschland schickten ihre Skizzen an die Saale, die Entscheidung fiel dennoch auf einen Bildhauer aus der Region.

Der Weimarer Adolf Donndorf (1835-1916) erhielt den Zuschlag. Er hatte sich bis dato bereits mit dem Reiterstandbild des Großherzogs Karl August in Weimar, dem Grabdenkmal für Robert Schumann in Bonn und einem Goethedenkmal in Karlsbad einen Namen gemacht. Weitere bedeutende Denkmale sollten nach dem Burschen noch folgen. Bis zur Fertigstellung vergingen allerdings nochmals knapp zehn Jahre, denn erst im Sommer 1883 war es endlich soweit. In einem dreitätigen Festakt rund um den 2. August folgte die Weihe des Denkmals. Schon einen Tag zuvor waren die zahlreichen Gäste angereist und versammelten sich zunächst im „Paradies“, um dort durch ein Konzert willkommen geheißen zu werden. Am Abend gondelte man über die Saale und genoss ein Feuerwerk. Am nächsten Tag fanden sich die Burschenschafter gegen halb zehn Uhr auf dem Bibliotheksplatz ein, um den Festzug mit Musik, Burschenschaftsfahne und -schwert zu formieren. Besondere Erwähnung fanden die 46 Festjungfrauen, die, ganz in weiß gekleidet, alle schwarz-rot-goldene Schärpen trugen. Beobachtet und begleitet wurde das Spektakel von einer größeren Menschenmenge. Pünktlich 11 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung und lief über die Saalgasse und den Kirchplatz zum Markt, um von dort über die Löbderstraße zum Holzmarkt zu gelangen. Von hieraus war es dann über Leutra- und Johannisstraße nicht mehr weit bis zum eigentlichen Ort des Geschehens, dem Eichplatz. Hier versammelte sich die Menge um das noch verhüllte Denkmal. Der damals bekannte Burschenschafter Robert Keil hielt die Weiherede, in der er nicht nur auf die Geschichte der Urburschenschaft, sondern auch auf die konfliktreiche deutsche Historie einging.

„Von den Frauen und Jungfrauen zu Jena“

Als er zum Ende kam, rief Keil: „Es falle die Hülle! Hoch die deutsche Burschenschaft und ihre Gründer! Hoch, Ehre, Freiheit, Vaterland!“. Danach präsentierte sich den Anwesenden zum ersten Mal das imposante Denkmal.

Zu sehen war ein fünfeinhalb Meter hohes Standbild. Dessen dreistufiger Unterbau und der Sockel waren aus Jenaer Muschelkalkstein gearbeitet. Am Sockel sind unter einem Fries mit Eichenlaub, dem Symbol für Beständigkeit, Standhaftigkeit und Treue, vier Bronzemedaillons angebracht. Rechts, links und auf der Rückseite sind jeweils die Reliefs des Gründertrios der Urburschenschaft Karl Hermann Scheidler, Heinrich Arminius Riemann und Carl Horn zu sehen. Das vierte Medaillon an der Front zeigt ein Wappen. Unmittelbar darunter befindet sich die Tafel mit der Inschrift „Der Deutschen Burschenschaft 1883“. Die Figur selbst, die einen Burschen in typisch altdeutscher Tracht im Jahr 1815 zeigt, schuf Donndorf aus weißem Carrara-Marmor.

Interessant dargestellt ist die Stellung der Figur, die das Gewicht auf den rechten Fuß verlagert hat und sich gegen einen Baumstamm lehnt. In der rechten Hand hält der Bursche jene Fahne, die die Jenenser Mädchen und Frauen der Urburschenschaft im März 1816 stifteten. Demnach findet sich genau wie beim Original auch hier die Inschrift „Von den Frauen und Jungfrauen zu Jena am 31. März 1816“. In der Linken trägt er das Burschenschaftsschwert mit der Aufschrift „Fürs Vaterland“. Beim Anblick des in der Sonne strahlenden Denkmals ließ die begeisterte Menge mehrfach „Hoch“-Rufe erschallen. Weitere Würdenträger von der Stadt und den Burschenschaften hielten kurze Reden. Danach sang man das „Lied der Deutschen“ und beendete damit den Festakt.

Der Bursche verlebte die kommenden Jahre in ungestörter Ruhe. 1930 erfolgte erstmals eine Sanierung des Unterbaus und eine Reparatur an Schwert und Fahne. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er erstmals eingehaust, um gegen die Bombenangriffe auf die Innenstadt besser geschützt zu sein. Wie durch ein Wunder überstand er die Zerstörung Jenas wohl nahezu unbeschadet. Für kurze Zeit fand er in der „Grünen Tanne“ Unterschlupf und kehrte dann – nur kurz – an seinen ursprünglichen Ort zurück. Denn als man 1947 das 100. Firmenjubiläum von Carl Zeiss feierte, wurde gleichzeitig die Umgestaltung des Eichplatzes ins Auge gefasst.

Wo findet das Denkmal seinen finalen Standort?

Der Bursche störte hierbei und zog erneut um, dieses Mal in den Innenhof des Unihauptgebäudes. Aber auch hier durfte er nicht lange ruhen, sondern „wanderte“ nun an seinen heutigen Standort. Das war 1951. Weshalb man sich gerade für den Vorgarten des Hauptgebäudes entschied, ist nicht ganz geklärt. Stadthistoriker Rüdiger Stutz vermutet, dass man damit eventuell den Aufbruch in eine „nationaldemokratischen Bewegung“ am Beginn der DDR verdeutlichen wollte, der symbolhaft an der „via triumphalis“ mit dem Burschen begann und mit dem Ehrenmal für die Verfolgten des NS-Regimes gegenüber der Friedenskirche endete. Neben einer weiteren Restaurierung 1971, die dem Kustos der Uni, Günther Steiger zu verdanken war, änderte man aber auch ganz im Stil der Zeit die Inschrift auf dem Denkmal von „Der Deutschen Burschenschaft“ in „Der antifeudal-bürgerlichen Studentenbewegung“.

Schließlich überstand der Bursche auch die politische Wende und wurde in den 1990er Jahre wiederum saniert, bis es im Juni 2011 zum verheerenden Anschlag kam. Damals besprühten Unbekannte das Denkmal großflächig mit grüner Dispersionsfarbe, die so tief in den Marmor eindrang, dass der Stein nachhaltig geschädigt wurde und in einem aufwendigen und kostspieligen Verfahren zunächst 2011/12 und dann vor allem 2015/16 restauriert werden musste. Seit dem Anschlag dreht sich die Debatte zum einen darum, wie man mit diesem Denkmal umgeht, zum anderen bleibt seine Zukunft offen. Nur eines scheint gewiss: Auch am jetzigen Standort darf das Denkmal zukünftig nicht mehr stehen, weil sich vor allem die Umwelteinflüsse ungünstig auswirken. 2017 deutete Evelyn Halm von Jena-Kultur gegenüber unserer Zeitung an, dass eine Unterbringung in einem geschlossenen Raum aufgrund der Größe des Denkmals sich eher schwierig gestalte. Denkbar wäre schon eher eine Glaseinhausung und Integration in den neu zu gestaltenden Inselplatz.

Es bleibt also spannend, wann und wo der Bursche dann hoffentlich seinen endgültigen Standort finden wird.

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