Stumme Zeugen in Jena: Grab für einen Studenten, der im Duell starb

Jena  Den Tod gefunden im Duell: Ein mit Efeu überwuchertes Grab in Unterwöllnitz erinnert an den letzten Toten der Stoßmensur in Jena.

Das Grab mit der kleinen runden Gedenktafel.

Das Grab mit der kleinen runden Gedenktafel.

Foto: Voigt

Täglich passieren Hunderte von Menschen bei ihrer Fahrt von oder nach Jena auf der B88 über die Stadtrodaer Straße die Kirche in Unterwöllnitz. Meist hat man in der Hektik des Alltages kaum einen Blick für Derartiges, dabei findet sich unmittelbar vor dem Gotteshaus ein interessantes Relikt aus vergangenen Zeiten.

Vor mehr als 170 Jahren war an eine vierspurige Straße natürlich noch nicht zu denken. Das kleine verschlafene „Bierdorf“ lag noch beschaulich direkt an der Saale und war ein beliebtes Ausflugsziel der Jenenser Studentenschaft. Im Sommer 1845 ereignete sich unweit von Wöllnitz ein folgenschweres Duell, mit dem sich der 16. Teil unserer Denkmalserie heute beschäftigt.

Wie es genau zu dieser Stoßmensur, einem Fechtduell, zwischen den zwei Männern kam, ist nur noch schwerlich nachvollziehbar. Es steht Aussage gegen Aussage.

Am Abend des 25. Juli 1845 trafen der Jurastudent Adolph Erdmannsdörffer aus Altenburg, seines Zeichens Mitglied der Burschenschaft auf dem Fürstenkeller (der späteren Burschenschaft Germania) und Dr. med. Gustav Konstantin Köhler aus Mihla bei Eisenach, Mitglied der Burschenschaft auf dem Burgkeller (der späteren Burschenschaft Arminia) aufeinander. Der Stein des Anstoßes war nach späterer Aussage von Köhler, dass sein Kontrahent ihn ohne ersichtlichen Grund „auf die tadelnswerteste Weise gereizt und verhöhnt, ja nach studentischen Ansichten geradezu zur Herausforderung“ gezwungen habe. Folglich kam es zwischen den Männern zum Zweikampf, der für Adolph Erdmannsdörffer tödlich endete.

Nach einem Bericht des Universitätsamtmanns Nietschke verstarb der Jurastudent in den frühen Morgenstunden des 26. Juli, gegen halb 3 Uhr, im „Heringschen Hause“ in Wöllnitz an seiner Verwundung. Gustav Köhler war unterdessen vom Ort des Geschehens bis nach Straßburg geflohen, um sich der Justiz zu entziehen. Wenig später stellte er sich freiwillig den Behörden und es kam zum Prozess.

Dort sagte er aus, dass sein Gegner „mehr in seine Klinge hineingerannt, als von ihm erstochen“ worden sei. Darüber hinaus belasteten etliche Zeugen den Toten in der Art, dass dieser ein streitsüchtiger Mensch gewesen sei. Das Gericht ließ daher Milde walten und verurteilte Köhler zu drei Jahren Gefängnis, die er auf der Osterburg bei Weida absaß. 1893 starb er in Weimar.

Für die Beerdigung von Adolph Erdmannsdörffer sorgte sein Onkel, der Stadtschultheiß Moritz Zinkeisen aus Roda. Das Grab befindet sich noch heute an der Wöllnitzer Kirche links des Eingangs.

Einstmals war es ein niedriger Hügel aus Tuffgestein und einem Lebensbaum am Kopf des Grabes. Einen Grabstein oder eine Plakette besaß es ursprünglich nicht. In einem Bericht aus der Mitte der 1930er Jahre wird der Lebensbaum noch erwähnt, allerdings sei dieser aufgrund des starken Bewuchses mit Efeu abgestorben. Das Gewächs ist auch am heutigen Grab noch immer dominierend. Am Kopf des Denkmals befindet sich nun ein Grabstein, der ebenfalls vollkommen mit Efeu überwuchert ist. Knapp über dem Boden ist eine runde, goldumrandete Email- oder Porzellantafel angebracht, die das Grab identifiziert. Die schlichte Inschrift lautet: „Adolph Erdmannsdörffer / stud. jur. aus Altenburg / Mitglied der Burschenschaft auf dem Fürstenkeller / † 25. Juli 1845 als letztes Opfer der Stossmensur“. Wann und von wem diese Tafel angebracht wurde, ist unklar. Oben genannter Bericht beklagte nämlich, dass nach knapp 100 Jahren noch immer kein Hinweis auf den Jurastudenten am Grab angebracht worden war, vor allem nicht von den Angehörigen. Ein jüngerer Bruder, der Historiker Bernhard Erdmannsdörffer, studierte zwischen 1858 und 1861 in Jena und war später s Privatdozent an der hiesigen Alma Mater. Warum er nicht für einen Schriftzug oder Hinweis am Grab des Bruders sorgte, ist nicht bekannt. Vermutlich muss es aber kurz nach dem Bericht aus den 1930er Jahren, vielleicht in den 1940ern zur Anbringung der Tafel gekommen sein.

Ob man in der DDR einem toten Burschenschafter gedachte, ist eher fraglich. Dass die Tafel schon eine Weile der Witterung ausgesetzt ist, beweist die verblasste Inschrift. In jedem Fall war sie nicht immer am jetzigen Ort zu finden. In Günter Steigers bekanntem Buch von 1978 „Ich würde doch nach Jena gehn“ findet sich ein Bild der Wöllnitzer Kirche aus dem Jahr 1972. Auf diesem ist die Tafel an der Kirchenwand angebracht, zwischen zwei alten Eisenkreuzen. Diese hängen heute noch dort, nur der Hinweis wurde nun direkt an Erdmannsdörffers Grab angebracht. Dass der Tote nicht ganz in Vergessenheit geraten ist, beweist das minimal gepflegte Grab, da der Efeu mit Sicherheit die Tafel längst überwuchert hätte, wenn er nicht zurückgeschnitten worden wäre.

Der Autor bedankt sich herzlich bei Sebastian Manke für die wertvollen Hinweise.

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