Stumme Zeugen in Jena: Steinerne Erinnerung an Erhard Weigel

Jena  Vergessenes Denkmal in Jena erinnert an den bedeutenden Universalgelehrten Erhard Weigel.

Dieser Gedenkstein gegenüber des Uni-Cafés erinnert an Erhard Weigel.

Dieser Gedenkstein gegenüber des Uni-Cafés erinnert an Erhard Weigel.

Foto: I. Voigt

Der zehnte Teil unserer Serie „Stumme Zeugen“ beschäftigt sich mit einem Gedenkstein, der zwar im Zentrum von Jena steht, aber sicherlich von den meisten Menschen bisher gar nicht wahrgenommen wurde. Unser aufmerksamer Leser Reinhard E. Schielicke gab den Tipp, einmal in einem Hinterhof nach diesem Denkmal zu suchen. Tatsächlich ist der Ort frei zugänglich, nur der Stein fällt erst auf den zweiten Blick ins Auge.

Kommt man vom Fürstengraben und biegt Richtung Innenstadt auf die Weigelstraße und gleich unmittelbar nach rechts in die Jenergasse ein, so ist man fast am Ziel angelangt. Gegenüber des Uni-Cafés läuft man parallel zum Gebäude der Weigelstraße und findet dort am Ende, bevor der Weg wieder nach rechts weiter führt, einen etwas zugewachsenen Stein.

Auf der bronzenen Platte, die über die Jahre reichlich Patina angesetzt hat und daher sehr dunkel ist, liest man: „Erhard Weigel, geb. 1625 gest. 1699 / Professor der Mathematik in Jena 1653-1699 / Erbaute 1667 an dieser Stelle das berühmte Weigel’sche Haus. Abgerissen 1898“. Stein und Platte sind in einem guten Zustand, obwohl sich der Erinnerungsstein nicht auf der Denkmalliste der Stadt Jena befindet.

Professor, eifriger Baumeister und Erfinder

Erhard Weigel, einer der bedeutendsten Universalgelehrten, die in Jena wirkten, wurde wahrscheinlich am 16. Dezember 1625 in Weiden in der Oberpfalz als Sohn eines Tuchmachers geboren. Kindheit und Jugend waren vom 30-jährigen Krieg geprägt. Die protestantische Familie musste drei Jahre nach der Geburt nach Wunsiedel fliehen, um der Rekatholisierung zu entgegen. Dort arbeitet Weigels Vater als Schulmeister und sicherte so der Familie das Überleben.

1637 starb sein Vater, sodass die Mutter dessen Tätigkeit weiterführte. Erhard Weigel selbst besuchte die Lateinschule und gab schon als Elfjähriger Nachhilfe für schwächere Schüler. Später besuchte er das Gymnasium in Halle an der Saale. 1647 schrieb er sich in der Universität Leipzig ein, erwarb den Baccalaureus artium, promovierte sich 1650 zum Magister philosophiae und schloss nach weiteren zwei Jahren Lehre noch seine Habilitation ab. Derart befähigt erhielt er 1653 einen Ruf als Mathematikprofessor an die Universität Jena. Zunächst bewohnte er eine Dienstwohnung im Torgebäude des Collegium Jenense, da er die Aufsicht über das Konvikt erhielt. Dieses bot weniger begüterten Studenten die Möglichkeit einer Unterkunft nebst Verpflegung. Weigel hatte neben seiner Professur etliche weitere Aufgaben inne, etwa die Oberaufsicht über die Bauangelegenheiten der Universität. Zudem war er mehrfach Dekan der Philosophischen Fakultät und dreimal Rektor der Hochschule.

Als Professor wird Erhard Weigel ein gewisses Charisma nachgesagt, dass ungemein anziehend auf viele Studenten wirkte, sodass sich unter ihm die Studentenzahl Jenas verdoppelte. Zugleich sollen seine Mathematik- und Astronomievorlesungen meist elementar und gut verständlich gewesen sein. Gleichzeitig bediente sich Weigel moderner Ansätze und Methoden. Etliche Zuhörer kamen daher allein wegen ihm an die Saale zum Studieren.

Auch machte sich der Hochschullehrer Gedanken um das damalige Schulsystem und schlug immer wieder Verbesserungen vor.

Weigel war aber nicht nur Professor, sondern auch ein eifriger Baumeister und Erfinder. Unter seiner Regie wurden nicht nur Umbauten am Collegium Jenense sondern auch am Schloss vorgenommen. Unter anderem installierte er auf dem Dach des Schlosses ein begehbares Planetarium. In einem Metallglobus mit etwa fünfeinhalb Meter Durchmesser konnten tagsüber Sternbilder bewundert werden. Für die meisten Jeneser wird sein Name aber untrennbar mit einem der „Sieben Wunder von Jena“ verbunden sein, dem „Weigeliana Domus“.

Das so genannte „Weigel’sche Haus“ wurde zwischen 1667 und 1670 gebaut und wies eine ganze Reihe technischer Finessen auf. So hatte Erhard Weigel etwa einen Aufzug verbaut und mit der „Weigelschen Kellermagd“ eine Weinleitung aus dem Keller kommend im Haus verlegt.

Auf dem Dach des Hauses gab es eine Beobachtungsplattform, von der aus ein Schacht bis in den Keller führte. Angeblich war es durch diesen möglich, Sterne auch bei Tag zu sehen. Neuere Versuche habe aber gezeigt, dass die wohl nur in der Dämmerung erfolgreich ist. Nichtsdestotrotz war dieses Kuriosum weit über die Stadtgrenzen Jenas bekannt. Unter den einstigen Studenten kursierte daher der Spruch: „Wer das Weigel‘sche Haus nicht sah, der war nicht in Jena“.

Knapp 200 Jahre nach seiner Erbauung wurde diese Wunder von Jena 1898 abgerissen, um die Weigelstraße zu verbreitern und einen Durchbruch vom Stadtzentrum zum Fürstengraben zu schaffen. Sehr wahrscheinlich wurde kurz danach der Gedenkstein an Erhard Weigel und sein Haus in der Nähe der einstigen Wohnstätte aufgestellt.

Die Bombenangriffe vom 9. Februar 1945 zerstörten weite Teile der Innenstadt, so auch die Häuser an der Weigelstraße. Anfang der 50er Jahre wurde der Straßenzug wieder bebaut.

Ob das Denkmal damit schon immer an seinem heutigen Platz stand, ist unklar. Vielleicht wirft aber in Zukunft der eine oder andere Leser bei einem Bummel durch die Stadt einen Blick auf diesen stummen Zeugen, der ein wenig in Vergessenheit geraten scheint.

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