Suche nach dem verlorenen Vater

Elfrun Josiger aus Saalfeld erfährt mit 61, dass ihre Wurzeln in der Ukraine liegen und findet in Israel mit 66 eine neue Familie.

Die Saalfelder Rechtsanwältin Elfrun Josiger war jahrelang auf der Suche nach ihrem Vater. Foto: Klaus Moritz

Die Saalfelder Rechtsanwältin Elfrun Josiger war jahrelang auf der Suche nach ihrem Vater. Foto: Klaus Moritz

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Dies ist die Geschichte einer Liebe in schwerer Zeit, eines ziemlich verrückten Lebens und einer Suche nach den Wurzeln. Happy End inklusive. Eigentlich ist es ein Film. Nach einem Drehbuch, das sich kein Mensch ausdenken kann.

Alles beginnt im Frühjahr 1946 in Probstzella. Im Nachkriegsdeutschland, an der Grenze zwischen sowjetischer und amerikanischer Besatzungszone, begegnen sich Rotarmist Boris Kaganovich und das deutsche Fräulein Ungelenk. Er ist fast 22, sie noch drei Monate jünger. Sie treffen sich heimlich, verlieben sich ineinander. Er ist klug, witzig, ein ukrainischer Jude aus Melitopol, einer 150"000-Einwohner-Stadt rund 60 Kilometer nördlich des Asowschen Meeres. Ein Vierteljahr nach dem Kennenlernen ist sie schwanger. Die Romanze fliegt auf, Boris Kaganovich wird wegen drohender Fraternisierung zurückbeordert in die Heimat, verbringt die nächsten zwei Jahre im Militärgefängnis.

Fräulein Ungelenk bringt am 21. Januar 1947 eine Tochter zur Welt. Sie nennt sie Elfrun Maja Erna. Ein kleines Bündel, das dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist. "Ein Russenkind", wie die Nachbarn sagen. Ein Herr Schneider, der in Probstzella als Grenzpolizist arbeitet, nimmt sich des alleinerziehenden Fräulein Ungelenks an. Im Oktober 1948 wird geheiratet, drei Jahre später bekommt Elfrun Schneider einen Bruder, weitere zehn Jahre später eine Schwester.

"Ich habe nicht gewusst und auch nicht gemerkt, dass er nicht mein leiblicher Vater war", sagt Elfrun, die jetzt Josiger heißt, heute. "Für mich ist es immer der Papa gewesen". Sie wächst behütet in Probstzella auf, in der Schule hat sie lauter Einsen. In der fünften Klasse wird sie für ihre ausgezeichneten Lernleistungen in Russisch gelobt, als es in der Klasse Gelächter gibt. Sie ist irritiert, rechtfertigt sich, sie sei keine Streberin. "Nein, aber du bist ein Russenkind", sagt einer aus der Klasse. Sie läuft zur Oma, erzählt ihr davon. Die alte Frau lächelt, streicht ihr über den Kopf und sagt: "Du siehst ihm sehr ähnlich, dem Viktor". Ja, er sei ein Russe und wurde erschossen, weil er zu spät in die Kaserne kam, erzählt die Großmutter. Die Eltern darauf anzusprechen, traut sich die Zehnjährige nicht: "Ich wollte die Mutti nicht traurig machen".

Elfrun Schneider kommt auf die Oberschule. Sie ist aufgeweckt, lustig, flippig geradezu. Mit 16 ist sie das erste Mal schwanger. Sie fliegt als schlechtes Beispiel von der Schule, bekommt ein Mädchen und im Zweijahresabstand noch zwei hinterher. "Mit 21 hatte ich drei Kinder und einen Mann, mit 23 war ich wieder geschieden", sagt die heute 66-Jährige. Die Verhandlung vor Gericht habe neun Minuten gedauert.

Sie macht beim Konsum eine Lehre als Handelskaufmann, schließt ein Fernstudium an der Fachschule für Binnenhandel ab, beginnt ein neues an der Handelshochschule in Leipzig. Nebenbei kellnert sie in der legendären Saalfelder Loch-Bar und bei Festen auf den Dörfern ringsum. In Probstzella war sie 1972 wegen eines Tantenbesuchs aus dem Westen zwangsausgesiedelt worden, ohne es zu merken. "Das habe ich erst nach der Wende in den Akten gelesen", lacht sie. Saalfeld eröffnet der alleinerziehenden Mutter - 1979 kommt noch eine vierte Tochter hinzu - ganz neue Möglichkeiten. Sie kommt mit der Bahn überall hin. Auf einer Zugfahrt erfährt sie, dass es auch Jura als Fernstudium gibt. Das ist es. "Ich wollte immer Rechtsanwältin werden oder Englischlehrerin", sagt sie. Der Konsum, wo sie übrigens Vorsitzende der Kreisgruppe der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft (DSF) ist, verweigert die Delegierung zum Studium, also wechselt sie zum Landbaukombinat, wo man sich nicht so hat. Sie beginnt an der Humboldt-Universität Berlin ein Jurastudium und bringt auch das erfolgreich zu Ende. Mit 36 ist sie fertig - und wird das erste Mal Oma. "Eine verrückte Zeit", sagt sie. Sie arbeitet bei Zeiss in Saalfeld, als Kulturchefin, in der Materialwirtschaft, beim Feriendienst, zuletzt als Justiziarin. Sie will weiter, immer weiter, am liebsten promovieren. 1988 heiratet sie zum zweiten Mal, einen Herrn Josiger, ihren Jo. Mit ihm feiert sie in diesem Jahr Silberhochzeit.

Die Wende eröffnet ihr neue berufliche Chancen. Im November 1990 macht sie sich selbstständig, arbeitet als Rechtsanwältin in Saalfeld. Schwerpunkt Arbeitsrecht. Sie hat gut zu tun, manchmal arbeitet sie die Nächte durch. Immer häufiger aber denkt sie an den Vater. Was war er für ein Mensch? Wieso bin ich so, wie ich bin? Im Februar 2008, ein Jahr vor dem Tod der Mutter, die gerade ihren Nachlass ordnet, nimmt Elfrun Josiger all ihren Mut zusammen und fragt nach ihrem Vater. Nach Viktor. Viktor war nur der Dolmetscher, erfährt sie. Ihr richtiger Vater sei Boris Lvovitch Kaganovich, geboren am 1. April 1924 in der Ukraine, in der Nähe von Saporoshje. Die Mutter gibt ihr ein Bild des Vaters, das sie all die Jahre im Goldrahmen aufbewahrt hat. Die Ähnlichkeit ist unverkennbar. Sie entschuldigt sich bei der Tochter für ihr Schweigen. Sie habe die Familie schützen müssen, unterschrieben, dass sie nichts sagt.

Elfrun Josiger begibt sich mit 61 Jahren auf die Suche nach ihren Wurzeln, recherchiert im Internet, fragt beim DRK-Suchdienst an, beim Institut für Kriegsfolgenforschung in Graz. Nach vier Monaten bekommt sie von dort eine Adresse in Melitopol, wo Boris Kaganovich nach dem Krieg gewohnt haben soll.

Sie bittet eine Mitarbeiterin des dortigen Goethe-Institutes nachzusehen. Das Haus, in dem er gewohnt hat, steht nicht mehr, aber die Nachbarn erinnern sich noch gut an "Borja", der bis 1978 dort lebte. Sie erzählen von einem freundlichen, hilfsbereiten Mann, der in den 50er Jahren eine sieben Jahre ältere Frau mit zwei Töchtern geheiratet hat. 1955 sei dann der gemeinsame Sohn Alexander zur Welt gekommen. "Sie haben also einen jüngeren Bruder!" schreibt Elena Lebedewa nach Saalfeld. Alexander "Sascha" Kaganovich sei ein sehr guter Schüler gewesen, habe meisterlich Akkordeon gespielt und sehe dem Vater äußerlich sehr ähnlich. Nach dem Tod der Eltern soll er mit den beiden Schwestern nach Israel übergesiedelt sein.

Anwältin Josiger ruft alle Kaganovichs in Deutschland an, schreibt nach Israel, die Spuren verlaufen im Sand. Die älteste Tochter, die inzwischen in den USA lebt, hilft bei der Suche mit. Sie findet weltweit 60 Leute mit dem Namen Alexander Kaganovich. Elfrun Josigers Bruder ist nicht darunter. Zwischenzeitlich verliert sie die Hoffnung, ihn zu finden. Sie ist kurz davor, aufzugeben, hat keine Kraft mehr.

Zu Beginn dieses Jahres gibt die jüngste Tochter den Namen bei Facebook ein und schickt allen, die so heißen, eine Nachricht. Einem einzigen schickt sie das Foto ihres Großvaters mit, denn das Profilbild dieses Alexanders lässt sie wegen der Ähnlichkeit mit ihm und ihrer Mutti erschauern.

Am 9. Februar, 13.02 Uhr, kommt eine Antwort aus Israel. Alexander Kaganovich gibt sich als Boris' Sohn zu erkennen, hängt ein paar Fotos von seiner Familie an. "Mir war gleichzeitig heiß und kalt, ich habe gezittert und geweint", sagt Elfrun Josiger.

Inzwischen schreiben sie sich fast jeden zweiten Tag, sie hat viel über ihren Vater erfahren. Er soll ein fleißiger, humorvoller Mann gewesen sein, der gern gelacht hat, ein liebevoller Vater und Großvater. "So wie man sich einen Vater wünscht", sagt Elfrun Josiger, die selbst acht Enkelkinder hat. 1992 starb er mit 68 Jahren. Dass sie Seelenverwandte sind, liest sie aus jeder Zeile. "Und das auch noch in einer anderen Sprache", sagt Elfun Josiger, die sich extra eine russische Tastatur für ihren Tablet-PC besorgt hat.

Nun steht der nächste Schritt an. "Ich habe immer nur gesucht und nie darüber nachgedacht, was sein wird, wenn ich es gefunden habe", sagt die Saalfelderin. Am 9. August wird sie mit ihrer jüngsten Tochter und einer Enkeltochter nach Tel Aviv fliegen, wo ihr Bruder als Dozent für Akkordeon an der Universität arbeitet. Vier Tage wollen beide Familien zum Kennenlernen am Roten Meer verbringen. Elfrun Maja Erna Josiger, geborene Ungelenk, hat mit 66 Jahren eine neue Familie gefunden.

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