Tagesmütter dringend gesucht: Sabine Wenig über „den schönsten Job der Welt“

Stadtroda  Der Holzland-Kreis sucht Interessenten für die Tätigkeit in der Kindertagespflege. Derzeit gibt es 15 Tagesmütter und einen Tagesvater im Kreis. Zu ihnen gehört Sabine Wenig, Tagesmutti aus Stadtroda.

Tagesmutter Sabine Wenig mit vier ihrer fünf Schützlinge. Die 48-Jährige, die seit 1995 in Stadtroda lebt, hat selbst zwei Kinder im Alter von 27 und 17 Jahren. Foto: Ute Flamich

Tagesmutter Sabine Wenig mit vier ihrer fünf Schützlinge. Die 48-Jährige, die seit 1995 in Stadtroda lebt, hat selbst zwei Kinder im Alter von 27 und 17 Jahren. Foto: Ute Flamich

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Seit fast zehn Jahren betreut Sabine Wenig aus Stadtroda bis zu fünf Kinder im Alter von null bis drei Jahren in Tages­pflege.

Damit gehört die 48-Jährige zu den derzeit 15 Tagesmüttern und einem Tagesvater im Saale-Holzland-Kreis (SHK). In der eigenen Wohnung, im privaten Haus oder in angemieteten Räumen umsorgen sie etwa 60 Kinder. Die Nachfrage nach Tagesmüttern seitens der Eltern ist groß: "Ich könnte theoretisch eine Gruppe von 10 bis 15 Kindern aufnehmen, was natürlich nicht möglich ist", sagt Sabine Wenig.

Weil im SHK Kita-Plätze fehlen, sucht das Jugendamt des Landratsamtes zurzeit nach Menschen, die in der Kindertagespflege tätig sein wollen. Vor allem in Stadtroda und Eisenberg sowie in der Um­gebung beider Städte sei der ­Bedarf an Tagesmüttern oder -vätern groß. Wie das Jugendamt informiert, seien neben aus­gebildeten Erzieherinnen, Kinderpflegerinnen und päda­gogischen Fachkräften mit vergleichbaren Abschlüssen auch Quereinsteiger mit hohem Fachinteresse, Entwicklungsbereitschaft und -fähigkeit, authentischer Persönlichkeit, individuellen Erfahrungen sowie besonderen sozialen und kommunikativen Kompetenzen für die Arbeit als Tagesmutter oder ­-vater geeignet.

Die Entscheidung für eine Kindertagespflege aber will wohl überlegt sein. Das betont auch Tagesmutti Sabine Wenig. "Für mich waren die vergangenen Jahre die schönste Arbeitszeit meines Lebens und ich finde, dass ich den schönsten Job der Welt habe. Aber mit Einschränkungen." Diese beträfen unter anderem Überstunden, die weder bezahlt noch abgebummelt werden können. Mehr als 20 oder 21 Tage Ferien im Jahr könne sie nicht nehmen, ­bezahlten Urlaub gibt es nicht. Um Renten- und Krankenversicherung muss sie sich selbst kümmern. Wichtige Arzttermine muss sie langfristig planen, um die Eltern rechtzeitig darüber informieren zu können. "Sollte ein Notfall eintreten, besteht aber die Möglichkeit, dass die Kindertagesstätte ‚Zwergenhügel‘ in Quirla Kinder aus meiner Gruppe kurzzeitig mit betreut. Davon musste ich bisher jedoch ganz selten Gebrauch machen. In diesem Jahr war es ein Mal."

Blauäugig in die Kindertagespflege zu starten sei der völlig ­falsche Weg. "Die Arbeit, so schön sie ist, ist sehr verantwortungsvoll und anstrengend", sagt Sabine Wenig. Zwischen neun und elf Stunden, in der Regel von 6 bis 16.45 Uhr, sei sie für den Nachwuchs da. Bei der Kinderbetreuung allein bleibe es nicht. Auch mit den Eltern der Kinder müsse eine gute Zusammenarbeit gepflegt werden. Dazu kommt noch die eigene Familie, die Arbeit in Haushalt und Garten. Weil sie ihre Arbeit liebe, könne sie mit den Einschränkungen sehr gut leben.

""Ich finde, dass ich den schönsten Job der Welt habe. Aber mit Einschränkungen.""

Sabine Wenig ist "Staatlich anerkannte Erzieherin". Bis 1996 hat die Jenenserin in ihrer Geburtsstadt in Kinderkrippen gearbeitet. Im Zuge einer großen Entlassungswelle habe sie dann ihren Arbeitsplatz räumen müssen. Sieben Jahre war sie danach in einem Jenaer Autohaus tätig – bis ihr der Umgang mit Kindern zu sehr fehlte. Nach einer ­Zwischenstation als Erzieherin in der Integrativen Kindertagesstätte "Haus Sonnenschein" in Stadtroda, wagte sie im Februar 2007 den Schritt in die Selbstständigkeit. Idealerweise konnte sie im Haus ihrer Nachbarn Rosi und Volker Leister eine Dreizimmerwohnung mieten. Ein wahrer Glücksfall für beide Seiten: Rosi Leister hilft täglich beim Anziehen mit, wenn es zum Spielen nach draußen geht. Rufen die Kinder vom Flur aus ins Obergeschoss "Oma Rosi, Oma Rosi!", dann weiß sie, dass es wieder soweit ist. Und "Opa Volker" schaut auch gern vorbei. Häufig, wenn es gegen 9.30 Uhr Obstfrühstück gibt. "Unsere Enkelkinder wohnen leider weit weg. Dafür haben wir viel Freude an den Schawespatzen", sagt Rosi Leister.

Die "Schawespatzen" tragen eben diesen Namen, weil sie "Auf der Schawe" Nummer 12 c in Stadtroda – in einer ruhigen und naturnahen Umgebung – von ihrer Tagesmutter betreut werden. Die derzeit fünf Kinder können die ­gesamte 57 Quadratmeter große Wohnung mit Spielzimmer, Schlafraum, Pflege- und Kreativzimmer, Küche und Bad nutzen. Auch ein Garten mit großem Sandkasten und vielen Spielgeräten steht ihnen zur Verfügung.

Der Schwerpunkt ihrer Betreuung liege am Anfang in der Eingewöhnungsphase der Kinder in die neue Umgebung. Sie erfahren bei Sabine Wenig Geborgenheit und Liebe, um sich in dem fremden Umfeld zurechtzufinden. Dabei sei ein großer Vorteil, dass sie konstant als Bezugs- und Ansprechpartnerin für die Kinder da ist.

Sabine Wenig wendet ihre ganze Kraft auf, um den Kindern das zu geben, was sie in ihrem jeweiligen Alter brauchen. "Sie erfahren Anregung und Motivation, die geeignet sind, um ihre kognitiven, motorischen, emotionalen und sozialen Bereiche individuell zu fördern. Ein Schwerpunkt meiner pädagogischen Arbeit ist, den Prozess der Ich-Findung des Kindes zu unterstützen und die kindliche Individualität, Originalität sowie Kreativität zu bestärken", sagt sie. Das sei ihr wichtiger, als sich zusätzlich noch selbst um die Mittagsmahlzeit der Kinder zu kümmern. "Wir haben verschiedene Anbieter ausprobiert und bekommen nun Mittag­essen von der Rastenberger Fertig- und Frischmenue GmbH aus ­Jena. Dafür zahlen die Eltern 1,82 Euro pro Essen."

Bezahlt wird die Tagesmutti vom Jugendamt. "Für die Betreuung eines Kindes erhält eine jeweilige Tagespflegeperson neben Erstattungen für ihre Aufwendungen für Sozialversicherungen monatlich eine Sachkostenpauschale und eine Vergütung ihrer Förderungsleistung entsprechend dem Betreuungsumfang. Die Höhe der laufenden Geldleistung wird vom zuständigen Thüringer Ministerium festgesetzt", heißt es aus dem Jugendamt. Und, entgegen manchem Glauben: "Für die Eltern ist ein Platz bei einer Tagespflegeperson in der Regel nicht teurer als ein Platz in einer Kita."

Sabine Wenig, die selbst zwei Jungs im Alter von 27 und 17 Jahren hat, könnte sich durchaus vorstellen, bis zur Rente als Tagesmutti zu arbeiten. "Zumindest von der Psyche her. Aber ob der Rücken das mitmacht?", sagt sie und schmunzelt.

Wer sich für eine Tätigkeit in der Kindertagespflege interessiert, kann sich bei Carmen Rapp vom Jugendamt des Landratsamtes melden unter Telefon: (036691) 70242.