Überraschendes am Ende der Straße: Besuch in Wickersdorf im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt

Das nur zehn Kilometer südwestlich von Saalfeld gelegene Wickersdorf ist fast noch ein Geheimtipp. Es wird vor allem von Menschen geschätzt, die Ruhe und Einsamkeit suchen und gerne wandern.

Dem Charme des historischen Schulensembles in Wickersdorf kann selbst ein trüber Wintertag nichts anhaben Foto: Dietmar Opitz

Dem Charme des historischen Schulensembles in Wickersdorf kann selbst ein trüber Wintertag nichts anhaben Foto: Dietmar Opitz

Foto: zgt

Von hier sind idyllische Nachbarorte wie Meura mit dem größten Haflinger-Gestüt Europas und Rohrbach im Tal der Schwarzen Sorbitz mit Kneipp-Tretanlage und historischer Apotheke gut auf Schusters Rappen zu erreichen.

Vom Schneiderfelsen ist der Blick besonders schön

Es gibt am Glanzberg sogar eine Waldpension, so dass man sich weitere Ziele vornehmen kann. Zum Beispiel die Talsperre Leibis-Lichte. Erst vor zehn Jahren eingeweiht, ist sie die zweithöchste Talsperre Deutschlands, und das einstige Dorf Leibis liegt 90 Meter unter der Wasseroberfläche. Zur Umrundung des von steilen Hängen und schroffen Felsen eingerahmten Stausees lädt ein Pfad mit originellen Bank-Skulpturen ein. Vom Schneiderfelsen ist der Blick besonders schön.

Die Flur des auf gut 600 Metern Höhe liegenden Wickersdorf ist ringsum von Wald umgeben. Doch es ist nicht nur die malerische Umgebung, die den Reiz des zur Saalfelder Höhe gehörenden Dorfes mit Dorfgemeinschaftshaus, Backhäusern und Heimatverein ausmacht.

Es käme eine ziemlich lange Liste zustande, würde man die Namen all derer aufschreiben, die einen kleinen Teil ihres Lebens in Wickersdorf verbracht haben und später als Politiker, Schriftsteller, Musiker oder Schauspieler bekannt geworden sind. Nicht wenige von ihnen haben ihre Erfahrungen und Erinnerungen in Romanen verarbeitet oder in Autobiographien, wissenschaftlichen Aufsätzen und Fachbüchern ausgewertet. Für ein Dorf, das heute keine 250 Einwohner hat, ist das höchst ungewöhnlich. Hinzu kommt, dass sich das alles in einem überschaubaren Teil seiner ohnehin nicht allzu langen Geschichte zugetragen hat.

Wickersdorf wurde 1435 zum ersten Mal urkundlich erwähnt und schon 20 Jahre später als Wüstung bezeichnet.1743 wurde der Ort durch Erbteilung Rittergut und Adelssitz. Das Gut erhielt das Brau-, Schank- und Jagdrecht, und anstelle des Gutshauses entstand ein Herrenhaus mit Wirtschaftsgebäuden und ersten Häusern für die Tagelöhner. Das Gut wurde 1887 Domänengut des Herzogtums Sachsen-Meiningen und das Herrenhaus verfiel.

Eine Gruppe „pädagogischer Rebellen“ fand hier bezahlbare Voraussetzungen, um ihre reformpädagogischen Ideen in die Tat umzusetzen. Und so wurde 1906, also vor nunmehr 110 Jahren, im Dorf die Freie Schulgemeinde Wickersdorf gegründet. Aus den damals sieben Lehrern und 20 Schülern entstand eine der bedeutendsten Privatschulen Deutschlands. Sie machte Wickersdorf zum Begriff – und zum Bestandteil vieler unterschiedlicher Lebensläufe.

Vom zehnten Lebensjahr an wurden Schüler zum Abitur geführt. Und durch die Einführung fortschrittlicher Ansätze wie Gleichstellung unabhängig von Geschlecht, Nation und Religion, gemeinschaftliche Schüler-Lehrer-Selbstverwaltung und Einbeziehung künstlerischer, sportlicher und handwerklicher Bildung hat sich Wickersdorf auch internationales Ansehen erworben. Dass darauf innerhalb wie außerhalb der Schule einige Wermutstropfen gefallen sind, ist nicht der Sache an sich geschuldet, sondern einzelnen Personen.

Viele Schüler erinnern sich gern an Wickersdorf

Versuche zur Wiederbelebung der Freien Schulgemeinde nach 1945 scheiterten. Die Schule wurde Internatsoberschule mit naturwissenschaftlichem und sprachlichem Zweig und später Spezialschule zur Vorbereitung auf das Russischlehrer-Studium. Die allermeisten ehemaligen Schüler erinnern sich gern an ihre Zeit in Wickersdorf. Das Aus kam 1991, als der Freistaat Thüringen die Schule endgültig geschlossen hat. Und weil private Projekte zur Wiederbelebung einer Schule am finanziellen Aufwand scheiterten, standen die Gebäude leer und waren dem Verfall preisgegeben.

In dieser Situation erwies es sich als Glücksfall, dass Menschen auf der Suche nach einer neuen Heimat für ein gutes Dutzend junge Erwachsene mit einer Behinderung Wickersdorf für sich entdeckten und vor allem beim Ortsbürgermeister mehr als nur ein offenes Ohr fanden. Bald darauf wurden Trägerverein und Elternförderkreis gegründet und der Erbbaurechtsvertrag mit dem Land Thüringen unterschrieben. 1993 wurde dem Projekt Lebensgemeinschaft sowohl vom Bund als auch vom Freistaat die Förderung bestätigt. Die Sanierung des unter Denkmalschutz stehendem Ensembles aus Wohnhäusern und Werkstattgebäude kam auch deswegen so zügig voran, weil die Lebensgemeinschaft Wickersdorf bundesweites Modellprojekt und zusätzlich gefördert wurde.

Heute leben hier, gemeinsam mit ihren Betreuern, 70 Menschen mit körperlichen, seelischen und geistigen Beeinträchtigungen. Und in der Bäckerei und Gärtnerei, in der Kerzen- und Kräuterwerkstatt, in der Schreinerei, Töpferei und Weberei schaffen sie aus natürlichen Materialien Produkte für die Gemeinschaft und den Verkauf. Für das vielfältige Therapieangebot wurden sogar Pferde angeschafft.

Zusammenleben und Arbeit fußen auf dem anthroposophischen Menschenbild, das viele Berührungspunkte mit der Tradition der Freien Schulgemeinde hat, also Fürsorge, Gemeinschaft und gegenseitige Wertschätzung ebenso wie kulturelle Aktivität und Mitsprache. Genau in dieser Tradition steht auch das gute Miteinander von Lebensgemeinschaft und Dorf, von dem sich Besucher beim Sommerfest am 28. Mai selbst ein Bild machen können.

Das weitere Aufblühen des Dorfes ist freilich unvorstellbar ohne die Freiwillige Feuerwehr und den 1991 gegründeten, unglaublich engagierten Heimatverein, der getreu seiner Hymne im Wappen verspricht: „Gutem Altem halten wir die Treue, doch gemeinsam schaffen wir das Neue“.

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