„Weltrumbummler“ Wilhelm Schaffer aus Hermsdorf: „Ich vollende mein 79. Lebensjahr“

Hermsdorf  Der weithin bekannte Hermsdorfer hat in den Keramischen Werken eine Forschungsabteilung geleitet und nach der Wende ex­treme Touren gemeistert.

Wilhelm Schaffer aus Hermsdorf, der sich selbst als „Weltrumbummler“ bezeichnet, begeht heute seinen 80. Geburtstag. Foto: Andreas Schott

Wilhelm Schaffer aus Hermsdorf, der sich selbst als „Weltrumbummler“ bezeichnet, begeht heute seinen 80. Geburtstag. Foto: Andreas Schott

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Wilhelm Schaffer fühlt sich wohl in seiner Oase, einem idyllischen Gartengrundstück mitten im Wald Am Rüghain. Hier habe er ein Stück Natur und vor allem viel Ruhe, um nachzudenken, empfängt er den Reporter.

Heute wird der Hermsdorfer, der weit über die Grenzen Hermsdorfs hinaus bekannt ist, 80 Jahre alt.

Auf den 11. Juli, seinen Jubiläumstag angesprochen, entgegnete er schmunzelnd: „Es ist wohl so, dass ich heute meinen 80. Geburtstag begehe. Aber eigentlich beende ich ja erst mein 79. Lebensjahr.“ Für ihn sei die Zahl, die das Lebensalter angebe, ohnehin nicht bedeutungsvoll. Viel wichtiger sei, sich im Leben immer wieder ein naheliegendes Ziel zu setzen, das man erreichen wolle. Und er verschwende auch keinerlei Gedanken daran, irgendwas im Leben zurückdrehen zu wollen.

Schaut er auf sein Leben, habe er immer nach der Maxime gehandelt, sich an Gegebenheiten anzupassen, ohne dabei zu buckeln oder sich zu verbiegen, um seinen eigenen Weg gehen zu können.

Wilhelm Schaffer ist übrigens überzeugt: Es würde den Menschen gut tun, wenn sie, statt die Natur an den Menschen anzupassen, mit ihr leben würden.

Nach der Lehre folgten Fach- und Hochschule

Aufgewachsen ist er als Kind bis zum Kriegsende in Roitzsch bei Bitterfeld, später lebte er in Fürstenberg an der Havel. Er erlernte den Beruf eines Elektrofeinmechanikers und begann 1953 ein Studium in Ilmenau. Der dortige Studienstandort befand sich gerade im Umbruch, die jungen Studenten sollten nach einem halben Jahr Studienzeit wieder in ihre Heimatbetriebe gehen. „Dagegen haben wir uns gewehrt, weil wir glaubten, zu viel Zeit zu verlieren, bis es mit dem Studium weitergehen würde“, erzählt Wilhelm Schaffer. Man ergriff die Initiative und baute gemeinsam mit vielen helfenden Händen im zugewiesenen Hohenschöpping (Stadt Velten) einen Studienort auf, wo er 1956 sein Fachschulstudium beendete.

In Erinnerung geblieben sei ihm, dass damals ein Drittel aller Absolventen sofort in den Westen gegangen sei. „Das war absolut nicht mein Ding. Ich habe hier studiert und der Staat hatte mein Studium ja auch bezahlt“, so Wilhelm Schaffer. Er bewarb sich vielmehr für ein Hochschulstudium an der TU Ilmenau, das er 1962 abschloss.

Nicht ganz problemfrei verlief seine Hochschul-Studienzeit, die fast mit einer Exmatrikulation geendet hätte. Nicht Leistungsgründe führten zur Gratwanderung, sondern die Idee, für die TH-Studenten einen Anstecker zu kreieren, mit dem man erkennen konnten: „Wir haben an der TH Ilmenau studiert“. Doch das war bei den Genossen nicht erwünscht, erinnert er sich. Fürsprachen von Professoren führten letztlich dazu, dass Wilhelm Schaffer weiter studieren konnte.

Sport begeisterte und prägte sein Leben frühzeitig. Großfeldhandball spielte er, fuhr viel Fahrrad, probierte sich in der Leichtathletik aus und fand vor allem an den Laufdisziplinen Gefallen. Dies mündete unter anderem in 27 Teilnahmen am Rennsteiglauf von Eisenach nach Schmiedefeld seit 1975.

Und er fand in seiner Studentenzeit zum Kabarett und zum Faschingsverein. Bei Letzterem war er zehn Jahre Präsident und ist heute noch im Amt eines Ehrenpräsidenten. Beim Fasching konnte er scharfzüngig und geschickt pointiert sein Herz sprudeln lassen und die Zuhörer bestens unterhalten.

Von 1962 bis 1969 folgte eine Assistenz an der TH Ilmenau, bis er 1969 die Abteilungsleitung Forschung und Entwicklung im Bereich Sintermetalle in den Keramischen Werken Hermsdorf übernahm. Forschung und Technologie zusammenzuführen, war eine der Aufgaben, die es unter anderem zu lösen galt, so Wilhelm Schaffer.

Noch heute schaut er auf die schwierige Wendezeit, in der er vor die Aufgabe gestellt war, seine Abteilung aufzulösen. 35 Mitarbeiter, mit denen er zum Teil über zwei Jahrzehnte zusammengearbeitet hatte, ausnahmslos gestandene und gute Leute, waren davon betroffen. „Das hat mich erheblich belastet“, gibt er noch heute zu. Auch für ihn habe es damals mit 55 Jahren keine echte Alternative gegeben, als den vorzeitigen Ruhestand anzunehmen. Eine ungewisse Zeit drohte.

Doch Wilhelm Schaffer ist kein Mensch, der tatenlos zusieht, wie die Zeit einfach so vergeht. Um durchs Leben zu kommen, machte er sich buddhistische Grundsätze zu eigen, die vorgeben, dass, wer sich im Leben behaupten wolle, stets einen klaren Verstand, Kraft und Mitgefühl brauche. „Nur wer über alle drei dieser Fähigkeiten verfüge, kann im Leben bestehen“, ist der Hermsdorfer überzeugt.

Den Holzlandboten mit aus der Taufe gehoben

Mit Eberhard Burkhardt und Jörn Vesper gründet er den Holzlandboten einschließlich des „Pechofenverlages“. Die erste Ausgabe erschien am 23. November 1990. Sechs Ausgaben im 14-tägigen Rhythmus folgten, bis der Essener WAZ-Konzern (Westdeutsche Allgemeine) in Thüringen auch den Allgemeinen Anzeiger aufbaute. „Uns bot man eine Übernahme der Lokalredaktion an. Erhalten konnten wir den Untertitel ,Holzlandbote‘ auf dem Titelblatt“, erzählt Wilhelm Schaffer.

Er war von Anfang an als freier Mitarbeiter an Bord. 1087 Artikel habe er bis heute für das Blatt geschrieben. Darunter unzählige Reiseberichte, erzählt er.

Für ihn begann ohnehin ein neuer, erlebnisreicher Abschnitt. Länder erkunden, extreme Herausforderungen meistern und sich austesten, lautete jetzt sein Credo.

Schon zu DDR-Zeiten faszinierten ihn die Berge. Gebirgszügen in Bulgarien, Rumänien und der Sowjetunion stellte er sich. Im August 1989 trekkte er mit Freunden in Tadschikistan über Höhengebirge und erreichte im Tschimtarga eine Höhe von 5489 Metern.

Anfang der 90-er Jahre, als sich Wilhelm Schaffer in den Vorruhestand abgeschoben sah, suchte er förmlich sportliche Herausforderungen, um seinen Stress abzubauen. Fahrrad- und Trekkingtouren bis zum Nordkap, Australien, Neuseeland, in das Himalayagebirge und nach Tibet folgten. In Nepal habe er auf 2500 Metern Höhe, umrahmt von 8000 Meter hohen Bergen, das tiefste Tal der Welt durchquert. In Südamerika habe er mit dem Rad ganz auf sich gestellt mit einer Distanz von 10 000 Kilometer Bolivien, Chile und Argentinien bereist.

Extreme gesucht, um sie zu meistern

Das waren extreme Herausforderungen und teilweise abenteuerlich, bekennt er. Doch die Neugier und sein Ehrgeiz haben ihn getrieben. „Umso mehr Erfahrungen man sammelt und merkt, man schafft das, umso größer wird die Sucht, noch ex­tremere Herausforderungen in Angriff zu nehmen“, gesteht er.

Im Nachhinein betrachtet, möchte er keine dieser Touren missen. Möglich geworden seien sie, weil auch seine Frau Rosemarie immer hinter ihm stand und seine Ziele akzeptiert habe. „Nächstes Jahr feiern wir diamantene Hochzeit und können uns immer noch leiden“, sagt er liebevoll.

Fragt man Wilhelm Schaffer, ob er sich als Weltenbummler bezeichnen würde, wehrt er ab. „Ich bin eher ein Weltrumbummler“, sagt er und lacht schelmisch.

In heimischen Gefilden kann er über Mangel an Arbeit nicht klagen. Noch immer schreibt er für den Holzlandboten, ist im Künstlerstammtisch auf der Osterburg in Weida integriert, hält Laudatio, entwirft Plaketten für den Holzlandlauf und gestaltet Ausstellungen. Derzeit arbeitet er an einer Ausstellung zur Asylbewerberproblematik gemeinsam mit dem ehemaligen OTZ-Fotografen Dieter Urban.

„Manchmal wünsche ich mir, nicht mehr so viele Aufgaben an Land zu ziehen“, bekennt er. Die täglichen Herausforderungen seien schon genug. Besondere Pläne habe er für die nächste Zeit keine und verweist auf ein Zitat von John Lennon, der einst sagte: „Das Leben ist das, was passiert, wenn man gerade andere Pläne hat.“

Und beim Blick auf seinen heutigen Geburtstag bleibt Wilhelm Schaffer gelassen: „Was Besonderes ist nicht geplant. Ich lasse alles auf mich zukommen“, sagt er völlig entspannt.

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